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Radikale Davis-Cup-Reform : „Ihr seid eine Schande für das Tennis“

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Das waren noch Zeiten: Deutschland holt den Davis Cup 1988 in Schweden. Bild: Picture-Alliance

Nach 118 Jahren Davis Cup ändert sich das Format des Tennis-Klassikers radikal. Die Kritiker sind entsetzt. Boris Becker wählt eine besondere Form, seine Meinung auszudrücken.

          Boris Becker fehlten die Worte, um seiner Enttäuschung und Wut Ausdruck zu verleihen. Also schickte er via Instagram Fotos um die Welt, die seinen Gemütszustand verdeutlichten. Eines zeigt einen Grabstein mit der Aufschrift: „Hier liegt der Davis Cup. 1900 – 2018.“ Becker trauert um einen Wettbewerb, den er selbst wie nur wenig andere Spieler geprägt hat. Hartford 1987, Göteborg 1988, Stuttgart 1989. In einer Collage am Freitagmorgen ließ Becker die Emotionen längst vergangener Tage aufleben. „Es war einmal ...“, überschrieb die Tennis-Ikone den Beitrag zur Davis-Cup-Reform.

          Reform? Für viele Begleiter der Tour – ob Spieler, Trainer oder Funktionäre – ist die Entscheidung des Weltverbandes ITF das unwiderrufliche Ende einer 118 Jahre alten Tradition. Die Kritiker erwarten eine Totgeburt, manch einer gibt dem Davis Cup in seinem neuen Format nicht mehr als zwei Jahre. Lucas Pouille, französischer Spitzenspieler auf Platz 17 der Welt, war dermaßen tief getroffen, dass er die Abgeordneten des Verbandstages in Orlando/Florida direkt angriff. „Ihr Typen seid eine Schande für das Tennis“, schrieb Pouille, der dafür Zuspruch vom australischen Teamchef Lleyton Hewitt und Deutschlands ehemaligen Davis-Cup-Kapitän, Michael Stich, bekam. Letzterer sagte: „Es ist traurig, dass eine Gruppe von Funktionären die Tradition des Davis Cups beerdigt. Den Davis Cup wird es in der Form, wie wir sie kennen, nun nie wieder geben, und 118 Jahre werden der Geldgier von Personen geopfert, die keinen Respekt vor Historie und Traditionen haben.“

          Diese „Typen“ ließen sich derweil für ihren Coup feiern. ITF-Präsident David Haggerty aus den Vereinigten Staaten lächelte mit Fußballstar Gerard Pique in die Kamera, der frühere spanische Weltmeister ist das Gesicht der Investmentgruppe Kosmos, die die unvorstellbare Summe von angeblich drei Milliarden Dollar für den Davis Cup geboten hatte. Haggerty und Co. sehen die Chancen, für den Rest der Tenniswelt bleiben offene Fragen. Die brennendste: Was passiert, wenn trotz des neuen Modus die Stars fernbleiben? Ein Finalturnier Ende November, wenn sich die meisten Spieler von einer anstrengenden Saison erholen, erscheint als großes Risiko.

          „Pause und Saisonvorbereitung werden durch den Termin weiter verkürzt. Für die Spieler steigt dadurch auch die Gefahr von Verletzungen und Ausfallzeiten“, sagt Deutschlands Teamkapitän Michael Kohlmann. Sollten Roger Federer, Rafael Nadal oder auch Alexander Zverev lieber urlauben, als 2019 in Madrid oder Lille aufzuschlagen, ist das Schicksal des Davis Cups ungewisser denn je. Tatsächlich droht solch ein Szenario, denn sein Alleinstellungsmerkmal hat der Mannschaftswettbewerb nun endgültig verloren. Im September trägt Federer mit einigen Top-Profis den Laver Cup aus, ab Januar 2020 hat die ATP in Australien ein Teamevent geplant, das sich kaum vom wenige Wochen zuvor ausgetragenen Davis Cup unterscheiden wird.

          Stich bedauerte deswegen vor allem, dass die Spielerorganisation ATP und die ITF es nicht geschafft habe, „im Sinne des Sports gemeinsam etwas zu entwickeln. Alle Beteiligten müssen sich hinterfragen, ob es um persönliche Eitelkeiten geht oder um den Sport.“ Der 49-Jährige, der 1993 selbst den Davis Cup gewonnen hatte, sieht nun die Spieler in der Pflicht, „die sich für die Reform ausgesprochen haben. Sie müssen sich daran messen lassen, dass sie mit dazu beigetragen haben, den Davis Cup abzuschaffen“, sagte er.

          Weitere unbeantwortete Fragen lassen den „neuen“ Davis Cup als unausgegorenen Schnellschuss erscheinen. In welchem Modus wird die Qualifikation im Februar gespielt? Wie im Finale mit drei Matches über jeweils zwei Gewinnsätze oder doch wie gehabt mit vier Einzeln und einem Doppel über die volle Distanz? Wer garantiert überhaupt die versprochenen drei Milliarden Dollar über die nächsten 25 Jahre, mit denen Haggerty viele kleine Verbände geködert hat? „So viele Fragen, die Geld nicht beantworten kann“, schrieb Bundestrainerin Barbara Rittner bei Twitter. Apropos: Was ist eigentlich mit dem Fed Cup? Um den Frauen-Wettkampf konnte sich der Weltverband noch nicht kümmern, dessen Reform soll 2020 folgen. Geräuschlos wird auch diese Entscheidung sicher nicht über die Bühne gehen.

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