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Tennisstar in der Krise : Das Geständnis des Rafael Nadal

  • -Aktualisiert am

Früher Abschied: Trotz der unerwarteten Niederlage dankt Rafael Nadal artig dem Publikum in Miami. Bild: dpa

Nach der Niederlage gegen Landsmann Fernando Verdasco spricht der spanische Tennisstar in Miami über seine Selbstzweifel und die große Furcht vor dem nächsten Schlag.

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          Der Interviewraum beim Turnier in Miami ist ein unfreundlicher Ort. Nicht ungewöhnlich, dass er keine Fenster hat; das lässt sich in den Katakomben eines Stadions kaum anders lösen. Aber die Kombination aus Neonlicht, Betonwänden, brummender Klimaanlage und niedriger Decke wirkt extrem kalt und deprimierend. In diesem Ambiente saß Rafael Nadal auf einem Podium, sonnengebräunt und eine gelbe Kappe auf dem Kopf, aber was er zu berichten hatte, war von einer solchen Offenheit, dass man das Ambiente kaum noch wahrnahm. Die Quintessenz seines wortreichen Geständnisses: Ich bin so nervös im Spiel, dass ich mir nichts zutraue und nichts funktioniert, weil ich mir nichts zutraue, werde ich noch nervöser, und ich habe im Moment keine Ahnung, wie lange das so weitergehen wird.

          Im Spiel gegen Fernando Verdasco (4:6, 6:3, 2:6) hatte er nur eine halbwegs stabile Phase, den zweiten Satz. Davor und danach sah es selten so aus, als habe er die Kraft, sich gegen den Sog der Ereignisse zu wehren. Er kam zu spät, traf Bälle mit dem Rahmen, viele seiner sonst so gefürchteten Grundschläge landeten kurz hinter der Aufschlaglinie in des Gegners Feld, und 40 unerzwungene Fehler halfen auch nicht unbedingt. Er sah in diesem Spiel eher wie die Nummer 30 der Welt aus als wie die Nummer drei – doch das mit der Nummer drei hat sich bis auf weiteres ohnehin erledigt. Als Finalist des vergangenen Jahres verliert er reichlich Punkte, er wird in der neuen Rangliste nach Ostern auf jeden Fall hinter Andy Murray auf Platz vier zurückfallen, abhängig von den weiteren Ereignissen in Miami sogar hinter Kei Nishikori, Milos Raonic und David Ferrer. Schlechter als auf Platz fünf hatte er zuletzt vor zehn Jahren gestanden, vor dem ersten seiner neun Triumphe im Stade Roland Garros.

          Nach seinen ersten Niederlagen in diesem Jahr, so nach dem Viertelfinale der Australian Open oder vor zwei Wochen in Indian Wells gegen Raonic, hatte er beteuert, er brauche nach den Verletzungen und seiner Blinddarm-Operation im Herbst vergangenen Jahres einfach noch Zeit, um wieder aus dem Vollen schöpfen zu können. Aber das Problem, sagt er nun nach der zweiten Niederlage gegen Verdasco in 15 Spielen, sei inzwischen nicht mehr die fehlende Fitness. „Vor einem Monat oder sechs Wochen hatte ich das Spiel noch nicht, das ist in der Zwischenzeit deutlich besser geworden. Ich bin einfach in vielen Momenten zu nervös, zu angespannt. In 90, 95 Prozent aller Spiele meiner Karriere war ich immer in der Lage, meine Nerven zu kontrollieren. Früher war ich vielleicht mal für ein, zwei Punkte nervös, dann – zack –, hatte ich das wieder im Griff. Ein Beispiel von heute: Es steht 3:3, Breakball, ich spiele eine relativ einfache Vorhand, und der Punkt ist auf einmal extrem wichtig – viel wichtiger, als er es sein soll. Ich verliere den Punkt, das macht es noch schlimmer, und beim nächsten Spiel bin ich noch nervöser.“

          Nadal verzichtet auf Psychologen

          Geständnisse dieser Art sind rar im Spitzentennis; wer eigene Schwächen offenbart, der spielt dem Gegner in die Karten. Sag mir, wovor du Angst hast, und ich werde versuchen, dich genau dort zu treffen. Irgendwie wird er die Verkrampfung nicht los, und das macht einem wie ihm, der im Privaten ohnehin ein ziemlich ängstlicher Mensch ist, vermutlich schwerer zu schaffen als ausgeglichenen Zeitgenossen. Er sagt, all die kleinen Dinge, für die er im Spiel zurzeit nicht das richtige Gefühl habe, seien schwer zu erklären. Seine Schläge seien prinzipiell wieder in Ordnung, aber nun müsse er sich um die Nerven kümmern, und er habe keine Ahnung, wie lange diese Reparatur noch dauern werde. „Aber ich werde das hinkriegen, egal ob in einer Woche, sechs Monaten oder einem Jahr.“

          Der Gedanke an die bevorstehende Sandplatzsaison hilft; vielleicht lassen Angst und Unsicherheit auf jenen Spielplätzen, die ihm von allen die liebsten sind, nach. Er sagt, diese Turniere seien rückblickend betrachtet ja immer gut für sein Spiel und sein Selbstvertrauen gewesen. Eine andere Möglichkeit, die Sache in den Griff zu kriegen, wäre natürlich die Hilfe eines Sportpsychologen; viele Konkurrenten lassen sich von Fachleuten helfen. Aber mit so einem Vorschlag muss ihm keiner kommen. „Wenn du außerhalb der Tenniswelt ein Problem hast, dann kann dir ein Fachmann gut dabei helfen, die Qualität deines Lebens zu verbessern. Aber das hier ist Sport, das ist nicht so wichtig wie das Leben, und ich muss das mit meinem Team hinkriegen. Aber vor allem bin ich derjenige, der mir helfen muss.“ Ob er sich mit dieser eher altmodischen Einstellung vielleicht selbst im Wege steht? Nadal und die Seinen sind ein verschworener Haufen, der immer stolz darauf war, alles allein geschafft zu haben; einmal Wagenburg, immer Wagenburg.

          Beherrscht von Selbstzweifeln

          Die Viertelstunde mit dem nervösen, verunsicherten Krieger Rafael Nadal im tristen Interviewraum der Miami Open führte jedenfalls zu einem merkwürdigen Gedanken. Dass die Karriere des großen Spaniers wegen dessen extrem aufwändigen Spiels und der Belastungen für den Körper nicht so lange dauern wird wie die des leichtfüßigen Kollegen Federer, galt unter Experten als ausgemachte Sache. Aber dass er vielleicht an den Ängsten scheitern könnte, die tief in ihm stecken, die er im Spiel aber bisher kontrollieren konnte? „Wenn ich das nicht schaffe, dann werde ich nicht mithalten können und keinen Erfolg haben“, sagt er.

          Gut möglich, dass einem diese Selbstzweifel nach dem Finale der French Open in ein paar Wochen wie ein schlechter Scherz vorkommen werden. Am Abend der Niederlage gegen Fernando Verdasco waren sie ein beherrschender Teil des Tennisprofis Rafael Nadal.

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