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Tennis-Kommentar : Spielt Djokovic falsch?

  • -Aktualisiert am

Licht und Schatten: Novak Djokovic Bild: dpa

Novak Djokovic tritt trotz Schmerzen in Paris an, kassiert 1,6 Millionen Dollar Bonus und sagt das Viertelfinale ab. Die Glaubwürdigkeit des Serben ist angekratzt.

          Man kann Mitgefühl haben mit Novak Djokovic, man muss es aber nicht. Der überragende Tennisspieler dieser Saison ist arm dran, weil er seit einiger Zeit an Schulterschmerzen leidet, die ihm die Ausübung seines Berufs erschweren. Gleichwohl versteht es der Weltranglistenerste, sich trotz seiner Verletzung mit allen Finessen zu bereichern. So wird der Serbe Ende dieses Monats sage und schreibe 1,6 Millionen Dollar als Bonus-Preisgeld einstreichen - und zwar deswegen, weil er in dieser Woche am Masters-Turnier von Paris mitspielte, ehe er sich nach zwei Siegen am gestrigen Freitag vor dem Viertelfinale kampflos verabschiedete. Er sei an seine Grenzen gegangen, sagte Djokovic, nachdem er sich die schöne Stange Schmerzensgeld gesichert hatte, „jetzt sehnt sich mein Körper nach Erholung". Warum aber hat er sich die Regenerationspause nicht schon vor einer Woche genommen, nachdem er im Halbfinale von Basel kaum noch den Schläger halten konnte? Der Verdacht lautet: des schnöden Mammons wegen.

          Die ausgelobten 1,6 Millionen Dollar erhält ein Weltranglistenerster von der ATP als Preisgeld zum Saisonende nämlich nur, wenn er in einem Jahr an allen vier Grand-Slam-Wettbewerben, an sieben der acht Masters-Turniere sowie am abschließenden World Tour Final teilnimmt. Djokovic hatte aber nur sechs Turniere der zweithöchsten Kategorie zu bieten und wäre leer ausgegangen, wenn er sich nicht in Paris ein wenig über die Runden gequält hätte. Den Vorwurf, falsch zu spielen und des lieben Geldes wegen die Kollegen, die ATP und die Tennisfans zum Narren zu halten, wies Djokovic von sich. Das sei „lächerlich", sagte der Serbe.

          Vorzeigeprofis Federer und Nadal

          Die Finanzspritze wird dem körperlich angeschlagenen Branchenführer, der in dieser Saison schon mehr als zehn Millionen Dollar verdient hat, zwar gut tun; leiden wird jedoch seine Glaubwürdigkeit als Nummer eins der Tenniswelt. Weil Djokovic bei der Frage „Geld oder Gesundheit" eindeutig dem Mammon zugesprochen hat, dürften seine künftigen Einwände gegen den strapaziösen Turnierkalender der ATP nicht mehr allzu ernstgenommen werden; ganz im Gegensatz zu den Klagen jener Kollegen, die klug genug sind, ihren Körper als langfristige Kapitalanlage zu begreifen und ihn nicht aus purem Profitstreben zu Markte zu tragen.

          Im Gegensatz zu Djokovic präsentieren sich die seit Jahren stark beanspruchten Roger Federer und Rafael Nadal als Vorzeigeprofis. Federer hatte seit Anfang September eine sechswöchige Pause eingelegt, damit er leichte Beschwerden an Handgelenk, Oberschenkel und Knöchel kurieren konnte. Nadal hatte seine Teilnahme in Paris abgesagt, weil er ich für das Londoner ATP-Finale und das Davis-Cup-Endspiel gegen Argentinien schonen wollte. Ihren Verzicht - auch auf Geld - weist die beiden Champions als glaubwürdige Vertreter ihrer Branche aus.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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