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Tennis : Kohlschreiber gelingt der nächste Karrieresprung

  • -Aktualisiert am

Niemand hat ihn in die Knie gezwungen: Philipp Kohlschreiber Bild: ddp

Daviscup-Spieler Philipp Kohlschreiber hat nach großem Kampf seinen ersten Turniersieg gefeiert und 13 Jahre nach Wimbledonsieger Michael Stich endlich die Durststrecke der deutschen Tennis-Profis in München beendet.

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          Eine Woche lang hatte Philipp Kohlschreiber die Trophäe vor Augen. Eine Woche lang stand das schnittige Cabrio für den Sieger der BMW Open am Rande des Center Court, und mit jedem gewonnenen Match bei dem Turnier im Münchner Norden wuchs bei dem 23 Jahre alten Augsburger offenbar die Sehnsucht danach. Aber wohl auch bei seiner Freundin Lena, denn der hatte Kohlschreiber das flotte Auto des Hauptsponsors schließlich versprochen, falls er als erster deutscher Tennisprofi seit Michael Stich 1994 auf der Anlage des MTTC Iphitos tatsächlich gewinnen würde.

          Als er am Sonntag wirklich einsteigen durfte nach seinem 2:6-, 6:3- und 6:4-Sieg im Finale gegen den Russen Michail Juschni, überlegte es sich Philipp Kohlschreiber aber auf die Schnelle aber doch noch anders. Er wolle das Auto nun doch lieber selbst fahren, ließ er seine Lena am Rande des Center Court - sicherheitshalber über das Mikrofon - wissen. Aber vielleicht hat sie ja sogar Verständnis dafür, schließlich ist der Preis für den ersten Gewinn eines ATP-Turniers etwas ganz besonderes, und den verschenkt man nicht so leicht. „Ich bin ganz durch den Wind und weiß noch gar nicht, was ich jetzt dann sagen soll“, sagte der ansonsten selten um einen guten Spruch verlegene Kohlschreiber kurz nach Matchball.

          Kühnen: „Sehr, sehr gefestigt“

          Das Finale gegen Juschni begann er wie jedes seiner Matches in dieser Woche in München: sehr souverän. Mit Kohlschreibers druckvollem Grundlinienspiel hatten alle ihre liebe Mühe, aber im Gegensatz zu den Franzosen Arnaud Clement und Sebastien Grosjean, zum Finnen Jarkko Nieminen und dem Zyprer Marcos Baghdatis konnte der Russe zunächst dagegenhalten. Er schaffte es sogar zu agieren, statt nur zu reagieren, er diktierte dem Deutschen das Spiel, statt es sich von ihm diktieren zu lassen. Nach Kohlschreibers Break zum 2:0 gewann Juschni im ersten Satz fünf Spiele hintereinander und kurz darauf auch den ersten Durchgang.

          Eigentlich hatte Kohlschreiber seiner Freundin Lena das Auto versprochen, nun will er es doch behalten
          Eigentlich hatte Kohlschreiber seiner Freundin Lena das Auto versprochen, nun will er es doch behalten : Bild: ddp

          Bis zum Finale hatte Kohlschreiber allerdings keinen Satz abgegeben, sich zwar in jedem Match gegen Ende eine kleine Schwächephase geleistet, aber nie die Linie verloren. „Er hat jetzt die Konstanz gefunden und ist sehr, sehr gefestigt“, sagte der sichtlich zufriedene deutsche Daviscup-Kapitän Patrik Kühnen lobend. Im Halbfinale am Samstag hatte Kohlschreiber den Zyprer Baghdatis im ersten Satz souverän beherrscht, sich dann aber „zwei, drei blöde Fehler“ erlaubt, die den Finalteilnehmer der Australian Open von 2006 kurzfristig wieder ins Spiel brachten. „Das Schöne ist, dass ich zum Glück noch nicht ganz vollendet bin“, stellte Kohlschreiber fest. Aber er habe nie daran gedacht, dass er das Spiel noch verlieren könne - er gewann es schließlich 6:2 und 6:3.

          Gelungene Reifeprüfung

          Am Sonntag hatte er dieses sichere Gefühl vermutlich nicht mehr nach dem verlorenen ersten Satz. Kohlschreiber musste sich ganz offensichtlich erst einstellen auf die höhere Qualität seines Gegners. Es spricht aber auch für die hinzugewonnene mentale Stärke des Deutschen, dass er nicht lange haderte. Seine Long-line-Schläge mit der Rückhand, seine große Stärke, kamen nun wieder präzise, die Fehlerquote wurde geringer. Er schaffte den Ausgleich und war danach auch im dritten Satz nicht mehr in Verlegenheit zu bringen. Nach 2:02 Stunden nutzte er den vierten Matchball zu seinem ersten Turniererfolg auf ATP-Ebene.

          „Es war der Schlüssel zum Erfolg, dass er es geschafft hat, das Spiel wieder selber gestalten“, sagt Kühnen. „So ein Erfolg ist ganz wichtig für die Karriere eines jungen Spielers.“ Der Sieg gegen den Russen war vielleicht die Reifeprüfung nach einer Woche, in der er die Zuschauer am Aumeisterweg mit glänzendem Tennis verwöhnt hat.

          „Dann will man nicht Zweiter werden“

          Anders als Kohlschreiber hat Juschni in seiner Karriere schon in jungen Jahren einen ganz großen sportlichen Höhepunkt erlebt: beim Daviscup-Sieg der Russen gegen Frankreich vor fünf Jahren war der damals Zwanzigjährige der gefeierte Star. Aber wie so oft, wenn es mit der Karriere zunächst arg steil nach oben geht, gab es bald Rückschläge. Vielleicht hatte er den Ruhm auch nicht ganz verkraftet. Jedenfalls schaffte der als Russlands größtes Talent gehandelte Juschni es in den folgenden Jahren nie, sich oben in der Weltrangliste zu etablieren, scheiterte bei den Grand-Slam-Turnier meistens früh. Es fehlte die Konstanz.

          Der Viertelfinal-Sieg bei den US Open im vergangenen Jahr gegen den Spanier Rafael Nadal schien ihm aber den vielleicht nötigen Schub zu geben. In Melbourne scheiterte er zwar wieder in den dritten Runde, allerdings gegen die Nummer eins der Welt und späteren Sieger, Roger Federer. In München hatte er den besser plazierten Tschechen Tomas Berdych im Halbfinale ausgeschaltet und war deshalb als Favorit ins Endspiel gegangen. Aber „wenn man im Finale steht“, hatte Kohlschreiber nach seinem Sieg gegen Baghdatis gesagt, „dann will man nicht Zweiter werden“. Er hat ja gut reden – zur Zeit scheint ihm schließlich alles zu gelingen, was er sich vornimmt.

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