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Tennis : Kiefers Wiederbelebung auf Rasen

Nicolas Kiefer kämpft um die Rückkehr zu alter Klasse Bild: dpa

Für das Turnier in Wimbledon hat Nicolas Kiefer eine Wildcard bekommen als Anerkennung für frühere Großtaten. Der tief gefallene Tennisprofi hofft nun schon in der zweiten Runde von Halle gegen Andreas Beck auf eine Wende zum Guten.

          Erlebt man einen Turniertag in Halle, dann scheint es gar nicht so schwer zu sein, eine Tennisveranstaltung auch in Deutschland zu einer erfolgreichen Geschichte zu machen. Dazu braucht man in erster Linie ein Zugpferd wie Roger Federer. Und dazu braucht man erfolgreiche deutsche Spieler, was - wie die Vergangenheit gezeigt hat - schon etwas schwieriger ist. Darauf wären natürlich auch andere deutsche Turnierveranstalter schon gekommen, denen aber etwas fehlt, was Halle in Deutschland einzigartig macht: Rasen!

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Seit Boris Becker auf diesem Untergrund Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Tennissport für Deutschland mit einem Schlag wiederentdeckte, schauen die Deutschen nicht nur hin, wenn auf dem Grün ein Netz gespannt wird - sie können dabei in der Regel auch erfolgreiche Landsleute beobachten. Nach Dominik Meffert und Philipp Petzschner am Montag erreichten so am Dienstag - natürlich neben Federer - auch Nicolas Kiefer, Andreas Beck, Mischa Zverev und Philipp Kohlschreiber die zweite Runde des mit 663.750 Euro dotierten Turnieres. Und da mit Benjamin Becker, dessen Partie wegen Regens auf dem Nebenplatz abgebrochen werden musste, an diesem Mittwoch noch ein weiterer deutscher Spieler folgen kann, wäre über diese Zwischenbilanz jedes andere deutsche Turnier begeistert.

          In Halle sind sie so etwas gewohnt. Im vergangenen Jahr erreichten acht Spieler die zweite Runde, und fünf schafften es sogar ins Viertelfinale. Der Rekord von sechs Spielern unter den letzten acht eines ATP-Turniers wurde nur verpasst, weil Kiefer vor zwölf Monaten seine Partie gegen den Österreicher Jürgen Melzer wegen einer Bauchmuskelzerrung aufgeben musste. Schon damals aber hatten sich dunkle Wolken über ihm zusammengebraut, denn Kiefers Weltranglistenposition auf Platz 34 signalisierte nur auf den ersten Blick eine sichere Zukunft.

          Der Rasen von Halle soll für Nicolas Kiefer die Grundlage des Comebacks werden

          Kurz nach dem Wimbledonturnier, bei dem er in der ersten Runde am Franzosen Fabrice Santoro gescheitert war, wurden ihm jene 700 Punkte in der Weltranglistenwertung gelöscht, die er 2008 in Toronto mit dem Finaleinzug gewonnen hatte. Die US Open im vergangenen Jahr waren die letzte große Veranstaltung, bei der Kiefer automatisch startberechtigt war, kurz davor war der Absturz auf Position 128 in der Weltrangliste schon perfekt gewesen.

          Comeback dank Wildcards

          Ein Wiederbelebungsbecken für gestrandete deutsche Tennisprofis aber war das Rasenturnier von Halle schon häufiger, und auch Kiefer darf darauf hoffen, dass sich in Ostwestfalen zum Ende seiner Karriere wieder alles zum Guten wendet. Der gebürtige Holzmindener ist mittlerweile 32 Jahre alt, und er startet mal wieder ein Comeback. Wegen einer Leistenoperation hatte er zuletzt fast ein halbes Jahr aussetzen müssen, und als er sich Ende April wieder zurück auf die Tour wagte, erwies sich das als zu vorschnell. Kiefer spielte in Tunis, München und Mailand, aber er gewann keinen einzigen Satz gegen keineswegs übermächtige Gegner wie Volandri, Greul und Brands. Er zog daraus die richtige Konsequenz, verzichtete auf die Qualifikationsrunde für die French Open, trainierte und setzte auf den Neubeginn danach - auf Rasen.

          „Es hat viele gute Nachrichten gegeben in den vergangenen Wochen“, sagt Kiefer. Zum Beispiel, und das wird die Schönste sein, wird er erstmals Vater. Dass ihn einige Turnierorganisatoren nicht vergessen haben, ist da vergleichsweise von nachrangiger Bedeutung, aber wohl auch eine erfreuliche Erkenntnis. In Halle darf er, mittlerweile auf Platz 181 in der Weltrangliste abgerutscht, mit einer Wildcard mitspielen - verständlich, wenn man weiß, dass er das Turnier 1999 gewonnen hat, 2002 und 2003 im Finale stand und in diesem Jahr für den ortsansässigen TC Blau-Weiß Halle in der Bundesliga antritt. Aber auch Wimbledon hat ihn nicht vergessen, auch beim prestigeträchtigsten Turnier der Welt darf Kiefer mit einer Wildcard mitspielen - schließlich gehört er dem exklusiven „Last eight-Club“ an, jenen Spielern, die an der Church Road zumindest einmal das Viertelfinale erreicht haben.

          Hoffnungsschimmer Wimbledon

          Aber er muss derzeit zwischen den Tenniswelten hin- und herpendeln. In Halle gewann er am Dienstag 4:6, 6:1, 7:5 gegen den Russen Michail Juschni, der in der Weltrangliste auf Platz 14 notiert wird. „Ich bewerte das nicht über“, sagt Kiefer, „morgen geht alles wieder von vorne los.“ An diesem Mittwoch geht es um 16 Uhr gegen den Stuttgarter Andreas Beck, und als im Grunde besserer Rasenspieler könnte Kiefer da Punkte für die Weltrangliste hinzugewinnen.

          Die sind dringend nötig, denn selbst für manche Challengerturniere, die Ebene hinter den ATP-Turnieren, benötigt er derzeit schon Einladungen. Auch aus Braunschweig bekam er so in dieser Woche eine Wildcard. Am liebsten dürfte Kiefer sein, er müsste in Braunschweig aus sportlichen Gründen absagen. Denn dann wäre er in Wimbledon noch in der zweiten Turnierwoche beschäftigt, und viele Probleme hätten sich erledigt. Fürs Erste ist das aber nur ein schöner Traum.

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