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Tennis in Wimbledon : Spektakuläre Schläge - zu wenig Konstanz

Spektakulär gekämpft: Kerber beißt sich ins Match - vergeblich Bild: AFP

Angelique Kerber scheitert im Halbfinale von Wimbledon an ihrer Freundin Agnieszka Radwanska, weil die Polin kaum Fehler macht. Allzu viel Grund, enttäuscht zu sein, hat die Deutsche jedoch nicht. Sie rückt auf Platz sieben der Weltrangliste vor.

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          Als alles vorbei war, hatte es Angelique Kerber ganz besonders eilig, den Centre Court zu verlassen. Sie wartete nicht einmal ab, bis ihre polnische Freundin Agnieszka Radwanska ihre Siebensachen gepackt hatte. 69 Minuten hatte dieses zweite Grand-Slam-Halbfinale in der Karriere der Kielerin gedauert, und wie bei den US Open im vergangenen Jahr war ihr der Einzug in das Endspiel verwehrt geblieben.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Agnieszka Radwanska siegte 6:3 und 6:4 und wird hoffen, dass sich die Geschichte wiederholt. In New York hatte Angelique Kerber gegen die spätere Siegerin Samantha Stosur verloren. „Es hat leider nicht gereicht, aber ich kann mir nichts vorwerfen“, sagte Angelique Kerber, „ich habe alles gegeben.“ Überaus konzentriert und mutig hatte die Deutsche dieses Semifinale auf dem berühmtesten Tennisplatz der Welt begonnen, während ihre Gegnerin doch zunächst ein wenig nervös wirkte.

          Eine historische Chance für Radwanska

          Für die Polin stand allerdings auch gleich eine ganz besondere historische Chance auf dem Spiel: Sollte sie am Samstag im Finale Serena Williams schlagen, - die 30 Jahre alte Amerikanerin gewann das zweite Halbfinale gegen die an Position zwei notierte Weißrussin Victoria Azarenka mit 6:3, 7:6 (8:6) - wäre sie die erste Polin, die Platz eins in der Weltrangliste übernehmen würde.

          Viel deutete zunächst nicht darauf hin, dass es so kommen könnte, denn Angelique Kerber gelang in diesem Halbfinale gleich ein frühes Break zum 2:1, doch der Vorteil hielt nicht lange an. Die Deutsche verlor ihr Aufschlagspiel zum 3:3, und in der Folge zeichnete sich dann ab, was zu befürchten gewesen war. Agnieszka Radwanska ist eine zähe Gegnerin, gegen die jeder Punkt quasi gleich mehrfach gewonnen werden muss, und gegen die man ein hohes Risiko eingehen muss. Dass der Polin noch dazu kaum eigene, unerzwungene Fehler unterlaufen, macht die Geschichte nicht einfacher.

          Spektakuläre Schläge von Kerber

          Angelique Kerber gelangen so zwar in der Regel mit ihrem druckvollen Spiel die spektakuläreren Schläge. Leichter punkten konnte allerdings ihre Gegnerin, die sich darauf verlassen konnte, dass der erste Fehler häufiger auf der anderen Seite des Netzes zu sehen war. Dazu trug auch bei, dass Angelique Kerber läuferisch diesmal nicht ganz so stark wirkte - möglicherweise lähmte der Anlass der Partie aber auch ein wenig die Beine. „Ich habe allerdings auch viel gespielt in letzter Zeit“, sagte die Kielerin, die beim Vorbereitungsturnier in Eastbourne erst im Finale gescheitert war.

          Nahezu fehlerfrei: Radwanska spielt im Halbfinale ein fast perfektes Match Bilderstrecke
          Nahezu fehlerfrei: Radwanska spielt im Halbfinale ein fast perfektes Match :

          Die Freundschaft der beiden Halbfinalgegnerinnen, die schon gemeinsame Urlaub verbracht haben und sich seit frühester Kindheit kennen, musste diesmal während der Partie ruhen. Als Dritte im Bunde war damals die Dänin Caroline Wozniacki dabei gewesen, die wie Angelique Kerber polnische Wurzeln besitzt. Bedenkt man, dass auch Sabine Lisicki polnische Eltern hat, könnte das Nachbarland über eine enorm starke Damen-Mannschaft verfügen. Doch die eine, die übrig geblieben ist, reicht möglicherweise fürs erste auch.

          Fehlerquote bei null

          Besonders nervös wirkte Agnieszka Radwanska im ersten Grand-Slam-Halbfinale ihrer Karriere nach dem etwas wackeligen Start nicht mehr, und im zweiten Satz stellte sie ihre Fehlerquote fast gänzlich auf null. Konstanz ist ihre Sache, und so blieb es bei einem einzigen unerzwungenen Fehlschlag.

          Zu wenig an diesem Tag für Angelique Kerber, die zwar einen Weg aus der misslichen Situation suchte, aber ohne die Mithilfe der Gegnerin keinen fand. Das Break zum 2:3 schien schon eine frühe Entscheidung zu bedeuten, aber die Deutsche kämpfte um ihre Chance, die sich gleich im nächsten Aufschlagspiel der Polin auch bot. Doch auch diese letzte Breakchance in dieser Partie machte Agnieszka Radwanska zunichte und blieb dabei einer sehr erfolgversprechenden Devise im Tennis treu - den Ball immer einmal mehr zurückschlagen als die Gegnerin. „Das ist natürlich sehr frustrierend, wenn die Gegnerin nicht nur alles zurück bringt, sondern auch noch stets gut kontert“, sagte die Deutsche.

          Kerber rückt auf Platz sieben vor

          Allzu viel Grund, enttäuscht zu sein, hatte Angelique Kerber dennoch nicht. Auf der am Montag erscheinenden Weltrangliste wird sie auf den siebten Platz vorrücken und damit so gut dastehen wie noch nie. Noch dazu war sie am Mittwoch nach dem Training zu einem Treffen in der Umkleidekabine mit ihrem einstigen Idol Steffi Graf gerufen worden. „Da hatte ich Gänsehaut und gleichzeitig das Gefühl, sie schon ewig zu kennen“, sagte sie. 1999 hatte Steffi Graf als bislang letzte Deutsche das Damenfinale in Wimbledon erreicht.

          Da Sabine Lisicki im vergangenen und Angelique Kerber in diesem Jahr erst kurz davor scheiterten, zeichnet sich ab, dass dies nicht mehr allzu lange so bleiben muss. „Ich fühle mich wohl auf Rasen und freue mich schon auf Olympia“, sagte Angelique Kerber, „meine Karriere endet auf jeden Fall hiermit nicht.“

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