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Tennis in Wimbledon : Manchmal können sie alles

Ausgepowert und glücklich: Florian Mayer steht im Viertelfinale Bild: REUTERS

Wie einst Becker, Stich und Kiefer: Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber gehören zu den besten Acht in Wimbledon. An diesem Mittwoch spielen beide um den Einzug ins Halbfinale. Es ist der größte Erfolg des deutschen Tennis seit 15 Jahren.

          Es gibt ja allerlei Geschichten rund um dieses Wimbledon, die dieses Turnier so einzigartig machen. Und selbst wer noch nicht dort war, weiß beispielsweise natürlich, dass es hier diese stark überteuerten Erdbeeren gibt, die erfolgreich in einer Vanillesauce ertränkt werden.

          Das Hauptthema in diesem Jahr ist allerdings mal wieder das Wetter, denn der englische Sommer gibt sich alle erdenkliche Mühe, seinem miserablen Image gerecht zu werden. Kein Tag ohne Regen, die Wetterprognosen sind weiter unerfreulich, und die Frage, die der indische Tennisspieler Vijay Amitraj 2007 während eines ähnlich verregneten Turniers stellte, wäre auch diesmal wieder passend: „Warum wird Wimbledon eigentlich nicht im Sommer gespielt?“

          Mittlerweile haben sie an der Church Road zumindest auf dem Centre Court ein Dach - zumindest dort ist der Spielbetrieb gesichert. Auf den anderen Plätzen hieß es am Montag wieder, flexibel zu bleiben, also rauf auf den Platz, warmspielen, die Partie beginnen, ein paar Spiele zu absolvieren, dann wieder runter vom Platz, etwas essen gehen, aber nicht zu viel, weil ja nur Schauer angekündigt waren, wieder rauf auf den Platz und einspielen, ab und an mit bangen Blicken in den Himmel schauen, ob es diesmal gut gehen würde. Solche Tage sind ideal, um die nervenschwächeren Naturen völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen - so mancher ist bei mehrfach unterbrochenen Partien schon komplett aus dem Tritt geraten.

          Mayer kann alles und manchmal nichts

          Würde man so ganz heimlich für sich eine Rangliste aufstellen, wer prädestiniert dafür sein könnte, sich von dieser ganzen Unruhe wegen des Wetters anstecken zu lassen, wäre Florian Mayer ganz sicher ein Kandidat.

          Der Bayreuther war 2004 in Wimbledon bis ins Viertelfinale vorgedrungen und galt schon als die nächste Hoffnung im Boris-Becker-Land - aber es stellte sich schnell heraus, dass Erwartungen nichts sind, was seinem Spiel gut tut. Mayer hat eine Achterbahnfahrt hingelegt, pausierte auch schon einmal, weil er am Burnout-Syndrom litt, worüber er heute nicht mehr sprechen möchte.

          Aus dem Tennisspieler Mayer schlau zu werden, ist ein Ding der Unmöglichkeit, er kann alles und manchmal nichts, und das ist in einem Sport, der vor allem Konstanz verlangt, überhaupt nicht hilfreich. Spät hat Mayer erkannt, dass eine überragende Fitness vieles erleichtert und dies darüber staunenden Zuhörern nach seiner Rückkehr auf die Profitour auch kundgetan.

          Überragender Dienstag

          In Wimbledon überraschte er nun nicht nur damit, dass er freiwillig auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen verzichtet, sondern auch mit einer weiteren Quintessenz seiner bisherigen Laufbahn. „Ich werde fortan um jeden Punkt kämpfen, das habe ich nicht immer getan“, sagte er, was erklärte, warum so manches schief gelaufen war.

          Am Montag hatte Mayer sein Achtelfinale gegen den auf Platz 19 in der Weltrangliste elf Positionen vor ihm geführten Franzosen Richard Gasquet begonnen und den ersten Satz gewonnen, ehe der erste Regen einsetzte. Gasquet aber ist eine ähnliche Wundertüte wie Mayer, jederzeit zu ganz großen und zu erschreckend schwachen Darbietungen fähig.

          Als es am Dienstag weiterging, spielte der Franzose solide und der Deutsche überragend. Mayer gewann auch den zweiten Satz, dann setzte wieder Regen ein. Ein schlechtes Aufschlagspiel reichte, um den dritten Durchgang abzugeben - danach wären viele nicht verwundert gewesen, wenn Mayer wie so oft ins Grübeln gekommen wäre und doch noch in fünf Sätzen die ganze Partie verloren hätte.

          Nun wartet Djokovic

          Stattdessen spielte er aber „einen perfekten vierten Satz“, gewann schließlich 6:3, 6:1, 3:6 und 6:2. „Es war eins der besten Spiele meiner Karriere“, sagte Mayer danach, und zur Belohnung darf er nun erstmals seit jenem Auftritt im Jahr 2004 wieder auf einer der ganz großen Plätzen antreten.

          Der Gegner könnte allerdings schwerer nicht sein, denn im Viertelfinale wartet der Weltranglistenerste und Titelverteidiger Novak Djokovic. „Aber Tennis“, sagt Mayer, als er eine Erklärung für seinen unerwarteten Einzug in das Viertelfinale sucht, „ist einfach ein komischer Sport. Es kann so viel passieren.“

          Kohlschreiber unerwartet souverän

          Florian Mayer ist ja nicht der einzige deutsche Spieler, der nach ersten Erfolgen seine Probleme mit Erwartungen hatte. Auch Philipp Kohlschreiber gehört dazu, der dabei aber vornehmlich am eigenen Anspruch scheiterte. Der Augsburger glaubte lange, für die ganz großen Triumphe auserkoren zu sein, aber damit ist es noch nicht so recht etwas geworden - wenn sich eine Chance bot, bei Grand-Slam-Turnieren weit vorzudringen, kam ihm immer irgendetwas dazwischen.

          In Wimbledon aber hat Kohlschreiber nun die günstige Gelegenheit genutzt, die sich ihm mit dem frühen Scheitern von Rafael Nadal bot. Er besiegte erst den Nadal-Bezwinger Lukas Rosol und nun den Amerikaner Brian Baker (6:1, 7:6 (7:4), 6:3), der nach vielen Verletzungen ein bemerkenswertes Comeback hingelegt hatte. Beide Aufgaben löste Kohlschreiber jeweils unerwartet souverän und zog ebenfalls in die Runde der letzten Acht ein.

          Das Wetter also ist keine Überraschung - es sind die Deutschen. Zwei deutsche Herren im Viertelfinale, das hatte es zuletzt 1997 gegeben (da waren es mit Boris Becker, Michael Stich und Nicolas Kiefer sogar drei), dazu mit Angelique Kerber und Sabine Lisicki zwei Damen in einem deutschen Viertelfinale - da kapituliert sogar das Wimbledonbuch, das alles weiß.


           

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