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Tennis : Hier spielt der Chef selber

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Zuschauer: Michael Stich tritt mit Mischa Zverev im Doppel an Bild: dpa

Eine der Attraktionen in Hamburg ist der Turnierdirektor. Michael Stich tritt mit Mischa Zverev im Doppel an, damit er sein Ziel erreicht: Am Ende soll eine schwarze Null stehen.

          Der Himmel über Hamburg ist grau, über der Stadt hängen Wolken, zeitweise prasselt der Regen heftig hernieder. Die Vorhersagen für die kommenden Tage sind durchwachsen, weitere Schauer sind angekündigt: trübe Aussichten, auch für den neuen Turnierdirektor am Rothenbaum. Als Michael Stich zu Jahresbeginn die Verantwortung für das Tennisturnier übernahm, hatte er der Verlegung, die mit der Degradierung des ATP-Wettbewerbs einhergegangen war, zumindest eine positive Seite abgewinnen können. Weil nun erstmals im Juli statt wie einst im Mai gespielt werde, so der Elmshorner, könnte angenehmeres Wetter dazu beitragen, dass Zuschauer bis in „laue Sommerabende“ hinein Weltklassetennis erleben könnten. Am Montag jedoch mussten Spieler und Besucher schon tagsüber ins Trockene flüchten; immerhin auf dem überdachten Center Court konnte bis zum Abend durchgehend gespielt werden.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass die 103. Internationalen Deutschen Tennismeisterschaften trüber zu verlaufen drohen als die vorangegangen Auflagen, liegt aber weniger an den Wolken als vielmehr an der ATP. Die Verantwortlichen der Herrentour hatten dem Hamburger Sandplatzturnier den Masters-Status aberkannt und den attraktiven Frühjahrstermin kurz vor den French Open Madrid übertragen, wo der Tennis-Impresario Ion Tiriac das Sagen hat. Der Deutsche Tennis Bund (DTB) hat die Degradierung angefochten, doch vor einem amerikanischen Gericht eine Niederlage erlitten. Sollte das laufende Verfahren so enden wie in erster Instanz, dann drohen dem Verband insgesamt Anwaltskosten in Höhe von 15 Millionen Euro; seine Lizenz für das Rothenbaum-Turnier müsste er dann wohl abgeben. „Es ist zum Weinen“, sagt DTB-Sportwart Heinz Wagner. „denn das Hamburger Turnier war selten so gut wie in den letzten Jahren.“

          Die großen Stars lassen Hamburg links liegen

          Obwohl wirtschaftlich ein Verlustgeschäft, waren die German Open in den vergangenen drei Jahren Frühjahrsfestspiele der Extraklasse: 2006 feierte das Rothenbaum-Turnier seine hundertste Auflage, 2007 und 2008 erlebte Hamburg jeweils ein Traumfinale zwischen den beiden größten Stars der Branche, Roger Federer und Rafael Nadal. Die beiden Führenden der Weltrangliste hätten das Hamburger Turnier derart liebgewonnen, so verriet ein Tennismanager, dass sie bereitgestanden hätten, um sich in den ATP-Gremien für den Masters-Standort Rothenbaum einzusetzen. Doch offenbar wusste der DTB nichts davon, dass er im Streit mit der ATP die beiden einflussreichsten Tennisprofis hätte einbinden können. Nun, da das Turnier abgewertet und in die Zeit zwischen Rasen- und Hartplatzsaison verschoben wurde, lassen die großen Stars Hamburg links liegen und bereiten sich stattdessen auf die amerikanische Hardcourtserie vor. „Wir müssen uns mit einem 500er Event zufriedengeben“, sagt Sportwart Wagner.

          Das Dach hilft: Auch über dem neuen Turnier schweben dunkle Wolken

          Auch ohne Antrittsgelder zu zahlen, die für ein Turnier dieser Kategorie nicht unüblich sind, konnte Stich prominente Profis wie den schwedischen French-Open-Finalisten Robin Söderling verpflichten, musste aber Rückschläge wegstecken: Der Spanier Fernando Verdasco sagte ebenso wie der Tscheche Tomas Berdych oder der Franzose Gael Monfils kurzfristig ab. Die deutschen Spitzenspieler sind mit Ausnahme von Tommy Haas und Nicolas Kiefer am Start, und als weitere Attraktion greift auch der Turnierchef selbst zum Schläger: Michael Stich, der 1993 als bislang letzter Deutscher am Rothenbaum den Einzeltitel holte, wird mit dem Lokalmatadoren Mischa Zverev an diesem Dienstag im offiziellen Doppel-Wettbewerb antreten. Er habe seine Hausaufgaben gemacht, sagt der vierzig Jahre alte Elmshorner, nun seien die Zuschauer gefragt: „Sie müssen das Turnier annehmen und durch ihr Kommen unterstützen.“

          Ab 55.000 Zuschauern könnte das Turnier Geld abwerfen

          Als der Wimbledonsieger von 1991 die Turnierleitung übernahm, hoffte er auf bis zu 100.000 Besucher am Rothenbaum; mittlerweile genügte ihm knapp die Hälfte davon, um eine „schwarze Null“ zu schreiben. Sollte die magische Grenze von 55.000 Zuschauern überschritten werden, könnte das Turnier, das seit 2003 etwa eine halbe Million Euro pro Jahr Minus gemachte hatte, bei einem Etat von 3,2 Millionen Euro sogar wieder Geld abwerfen. Endet die Veranstaltung mit einem Verlust, dürften die Diskussionen um einen Verkauf des Turniers, das auch auf Unterstützung aus Qatar angewiesen ist, wieder von Neuem beginnen. Er habe einen Dreijahresvertrag mit dem DTB geschlossen, den er auch erfüllen wolle, sagte Stich, der als Turnierdirektor und Teilhaber der veranstaltenden „Hamburg Sports & Entertainment GmbH“ in doppelter Verantwortung steht. Er wolle das Traditionsturnier „in ruhiges Fahrwasser bringen“.

          In den vergangenen Wochen jedoch schlugen die Wellen an der Waterkant hoch. Michael Stich hatte zwar erfolgreich „meine Kontakte und meinen guten Ruf in die Waagschale“ geworfen; doch beim Ansinnen, einen in Deutschland nicht lizenzierten Sportwettenanbieter zum Titelsponsor zu machen, hatte er sich verrechnet. Aufgrund des Glücksspielstaatsvertrages untersagte das Hamburger Verwaltungsgericht „bet-at-home“, mit der Veranstaltung zu werben. Die Wogen waren erst geglättet, als die Stadt Hamburg, die wegen des Engagements des geplanten Namenssponsor ihren Zuschuss von 200.000 Euro auszusetzen drohte, ihre Unterstützung ebenso in vollem Umfang zusagte wie „bet-at-home“. Den einzigen Strich durch Stichs Rechnungen, den macht bislang nur das Wetter.

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