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Tortur ohne Stimmung : Die Spätschicht als Strafe für Kerber und Co.

Prager Tennisnächte sind lang: Angelique Kerber ist reif für den Urlaub. Bild: EPA

Der Billie Jean King Cup will mit einem neuen Format punkten. Doch die Prager Tennisnächte sind trist und quälend lang. Für die deutsche Damenauswahl endet die Premiere enttäuschend.

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          Spätschichten können im Tennis vieles sein, vom rauschenden Spektakel bis zur trostlosen Dämmerstunde. Die sogenannten Night Sessions bei Grand-Slam-Turnieren wie in New York oder Melbourne ähneln Partys, bei denen die Zuschauer auf den Rängen ausgelassen sind und ihre Energie im besten Fall auf die Tennisprofis unten auf dem Platz übertragen. Am nächsten Morgen kann jeder schön ausschlafen, für den Sieger des Vorabends geht es sogar erst am darauffolgenden Tag weiter. Bei anderen Wettbewerben wie derzeit dem Billie Jean King Cup dagegen kann die Spätschicht zur Tortur, ja fast zur Strafe werden: Kaum Zuschauer, null Stimmung, und der Körper der Spielerinnen noch schlapp von der Arbeit der vorangegangen Nacht. So kann das nichts werden mit dem sportlichen Erfolg, wie das Team der deutschen Tennisdamen in den vergangenen Tagen erleben musste.

          Thomas Klemm
          Sportredakteur.

          „Die Spielansetzung ist unglücklich gewesen“, sagte Angelique Kerber am späten Dienstagabend, nachdem sie mit der deutschen Auswahl 0:3 gegen die Schweiz verloren hatte und aus dem Teamwettbewerb ausgeschieden war. Und das nur 22 Stunden nachdem die 1:2-Auftaktniederlage gegen Gastgeber Tschechien besiegelt war und die deutschen Damen frühestens gegen drei Uhr morgens Schlaf fanden. Ihr Körper habe nach der kurzen Nacht „20, 30 Minuten gebraucht, um in Schwung zu kommen“, sagte Andrea Petković nach ihrer 4:6, 5:7-Niederlage gegen Viktorija Golubic. Barbara Rittner als Head of Women’s Tennis in Deutschland beurteilte die Umstände ungnädiger als ihre Spitzenkräfte. Nach den 10 000 Zuschauern am ersten Tag gegen die Tschechinnen höchstens 100 Zuschauer bei der hochklassigen Begegnung mit der Schweiz am zweiten Tag, das fand Rittner „echt traurig“.

          Verantwortlich für die Tristesse war der Tennis-Weltverband ITF, der dem traditionsreichen Fed Cup nicht nur den neuen Namen Billie Jean King Cup verpasst hat, sondern auch ein anderes Format. Statt die Länderspiele über mehrere Wochenenden im Jahr zu verteilen und vielen Mannschaften stimmungsvolle Heimspiele zu ermöglichen, wird seit diesem Jahr alles binnen einer Woche an einem Ort im Turnierformat durchgepeitscht. Rittner gefällt der neue Modus gar nicht, Kerber setzt auf einen „Prozess“ zum Besseren.

          Ein Hauch von Aufbruchstimmung

          Dass die Premiere des Billie Jean King Cup auch noch unmittelbar vor dem Jahresabschlussturnier der acht besten Tennisdamen in Mexiko geschieht, ist die Krönung, aber den Wirren der Corona-Pandemie geschuldet. Deshalb fehlte in Prag die große Prominenz, bis auf die dreimalige Grand-Slam-Turniersiegerin Angelique Kerber und die Olympiasiegerin Belinda Bencic, die sich ein packendes Duell lieferten. Auch wenn am Ende die Schweizerin 5:7, 6:2 und 6:2 siegte, blickte Kerber auf eine geglückte Saison zurück. „Ich bin wieder ganz oben bei den Topleuten“, sagte die 33 Jahre alte Kielerin, die unter anderem das Turnier in Bad Homburg gewann, in Wimbledon das Halbfinale erreichte und diese Woche wieder unter die Top Ten der Weltrangliste zurückgekehrt ist.

          Zwar gelang Kerber gegen die Weltranglistendritte Barbora Krejčiková das einzige deutsche Erfolgserlebnis. Gleichwohl herrschte ein Hauch von Aufbruchstimmung in den Nächten von Prag. Nicht nur, weil es nun in den wohlverdienten Urlaub geht, bevor die Vorbereitung auf die kommende Saison beginnt. Sondern auch, weil zwei Damen Hoffnungen machen. Zum einen die 34 Jahre alte An­drea Petković, die ihre Profikarriere fortsetzen will. Zum anderen die 22 Jahre alte Debütantin Jule Niemeier, die ihre Schlagkraft im Auftaktdoppel mit Anna-Lena Friedsam unter Beweis stellte. „Spielerisch ist sie für mich eine absolute Top-20-Spielerin, das sage ich ihr sieben-, achtmal am Tag“, sagte Petković. Mal sehen, ob die 134. der Weltrangliste bis zur zweiten Auflage des Billie Jean King Cup im April 2022 weitere Fortschritte macht. Jung genug ist Jule Niemeier ja, um die Tennisnächte dann in Budapest durchzumachen.

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