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Tennis : Der Herr der Asse auf der Titanic

  • -Aktualisiert am

Emotionen beim Wimbledon-Triumph Bild: AP

Der Wimbledon-Sieger von 2001, Goran Ivanisevic, will wieder einer der Großen werden. Der Tennisprofi träumt davon, im Dezember für Kroatien zu spielen - beim Davis-Cup-Finale gegen die Slowakei.

          3 Min.

          Tennis kann ja so lustig sein. Goran Ivanisevic protestiert gegen das Urteil des Schiedsrichters. Doch der Mann auf dem hohen Stuhl bleibt hart.

          Ivanisevic eilt zum Kühlschrank neben der Bank, nimmt eine Flasche heraus, gießt Wasser in einen Pappbecher und serviert ihn dem Schiedsrichter - als Erfrischung, damit er beim nächsten Mal wieder aufmerksamer hinschauen könne.

          Die Besucher in der Essener Gruga-Halle lachen über diesen gespielten Gag - so wie sie zuvor über die Grimassen und die zeitlupenähnlichen Ausholbewegungen des 49 Jahre alten Tricktennisspielers Mansour Bahrami gelacht haben, der später mit einer Zigarre und einem Glas Rotwein in der Spielerlounge sitzt.

          Srdjan Ivanisevic gratuliert seinem Sohn
          Srdjan Ivanisevic gratuliert seinem Sohn : Bild: AP

          Altstars schlagen auf

          Die Atmosphäre ist wie bei einem Juxturnier, das viele Tennisklubs einmal im Jahr zur Freude ihrer Mitglieder ausrichten. Der sportliche Wert ist gering, die Gaudi groß.

          Doch ist das Ganze wirklich nur ein Spaß? Der Veranstalter dieses Altherrenturniers von Welt kündigt die Spiele als „Rückkehr der Legenden“ an, als „Champions Trophy 2005“. In Essen schlagen Altstars wie John McEnroe, Pat Cash oder Jim Courier auf.

          Mit 34 Jahren ist Ivanisevic der Jüngste bei diesem Treffen der Veteranen. Vor anderthalb Jahren hat er seine Karriere als Profi auf der ATP Tour beendet, weil eine komplizierte Schulterverletzung ihn daran hinderte, seinen Beruf weiter schmerzfrei oder gar erfolgreich auszuüben.

          Ruhm und Geld

          Auch der großgewachsene Kroate gibt vor, als Jungsenior wieder angefangen zu haben, weil er mit den Kollegen und Konkurrenten von früher Spaß haben wolle. Überhaupt habe er ja sein ganzes Leben Tennis gespielt. „Warum also sollte ich nicht hier spielen?“

          Seine Rückkehr auf den Court hat jedoch einen ernsten Hintergrund, genaugenommen sogar zwei: Ruhm und Geld. Ivanisevic will sich nochmals verabschieden - mit einem großen Comeback im Dienste seines Landes.

          Er träumt davon, im Dezember für Kroatien zu spielen - nicht bei den alten Herren, sondern im Davis-Cup-Finale gegen die Slowakei. Die Chance, nominiert zu werden, mag er nicht einschätzen, schon gar nicht in Prozent.

          „Ich stehe bereit“

          „Das wäre dumm. Bevor ich daran denke, ob ich spiele, muß ich erst mal eingeladen werden. Niemand ändert gern ein Team, das gewinnt“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber ich stehe bereit.“ Und neben dem Telefon. „Ich hoffe, daß unser Teamchef Nikola Pilic mich anruft. Er hat das letzte Wort.“

          Pilic, der mit der deutschen Mannschaft dreimal den Davis Cup gewann, hat Signale ausgesendet, die Ivanisevic ermutigen. Die beiden kroatischen Spitzenspieler Ivan Ljubicic und Mario Ancic haben ihren Platz sicher.

          Im Doppel gilt der Einsatz des berühmtesten kroatischen Tennisspielers aber als wahrscheinlich. Wie es heißt, will Pilic ihn im Team dabeihaben. Damit das geplante Comeback nicht als PR-Gag mißverstanden wird, hat Pilic eine Hürde aufgestellt. Vor dem Finale soll Ivanisevic gegen Sasa Tuksar, die Nummer 199 der Weltrangliste, spielen. „Der Gewinner des Matches wird der vierte Spieler im Finale sein“, sagt Pilic.

          Dabeisein ist alles

          Der Vorhang zur großen Bühne scheint sich noch einmal zu heben für Ivanisevic. „Wenn wir den Davis Cup gewinnen, wäre das so, als würde unsere Fußballmannschaft Weltmeister werden“, sagt er. Diesen Auftritt will er sich nicht entgehen lassen, nach dem Motto: Dabeisein ist alles, ob „als Mitglied der Mannschaft, als Assistent des Teamchefs oder notfalls als Balljunge“.

          Kehrte er als Davis-Cup-Sieger in seine Heimatstadt zurück, wäre der Jubel der Massen vielleicht noch größer als nach seinem Wimbledonsieg. Im Sommer des Jahres 2001 empfingen ihn mehr als hunderttausend begeisterte Menschen am Flughafen von Split.

          Warum aber tut sich ein Mann, der das erlebt hat, Auftritte wie in Essen an? Vor Zuschauern, die sich am Blick in die Geschichte erfreuen und deren Zahl der Veranstalter auf Anfrage wohlwollend mit 700 angibt?

          Das Geld ist dahin

          Er spielt nicht bloß aus Langeweile, wie ein Veteran, der dem Ruhm von einst ein Update verpassen will. Ivanisevic spielt, weil er Geld braucht, obwohl er auf den Tennisplätzen dieser Welt neben 22 Einzel- und neun Doppeltiteln fast zwanzig Millionen Dollar an Preisgeld gewonnen hat.

          Das meiste davon soll er mit riskanten Immobiliengeschäften verloren haben. „Jede einzelne Investition war falsch. Mein Vermögen ist versunken wie die Titanic“, sagt er. Der wirtschaftliche Mißerfolg sei nicht zuletzt auf die weitverbreitete Korruption im Lande zurückzuführen.

          „Ich habe niemanden bestochen, im Baugeschäft in Kroatien kann man nicht einmal eine Hundehütte errichten ohne Bestechungsgelder.“

          „Herr der Asse“

          Angesprochen auf berufliche Jugendsünden, sagen Filmstars gern: Ich war jung und brauchte das Geld. Ivanisevic ist nicht mehr ganz so jung und braucht das Geld immer noch oder schon wieder. Aber er will die Nominierung für das Davis-Cup-Finale nicht als Almosen; er wünscht sich sehnlichst, noch einmal gebraucht zu werden.

          „Wenn die Mannschaft mich braucht, helfe ich ihr.“ Ob sie seiner Hilfe bedarf, wurde in Essen nicht beantwortet. Im ersten Spiel gegen Petr Korda, den Australien-Open-Sieger von 1998, gewann Ivanisevic glatt in zwei Sätzen.

          Auf einem „schnellen“ Boden ist er immer noch der „Herr der Asse“ - wie in der wahren Legende. Das spricht zumindest dafür, daß die malade Schulter noch einen großen Auftritt verträgt. Die Sehnsucht, (im Doppel) gebraucht zu werden, hilft Ivanisevic auf die Sprünge und vielleicht ins Rampenlicht.

          Doch weder Nationalstolz noch der Blick auf das Konto sind geeignet, die Koordinaten vollends zu verschieben. Ob das Davis-Cup-Finale die wichtigste Herausforderung seines Berufslebens wäre, wird er gefragt. „Nein“, antwortet Ivanisevic. „Wimbledon war wichtiger.“

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