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Tennis-Damen : Teamgeist statt Missgunst

  • -Aktualisiert am

Ein Sieg der Mut macht: Sabine Lisicki hat in Charleston gewonnen Bild:

Sabine Lisicki, die Jüngste in der deutschen Fed-Cup-Auswahl, ist jetzt auch die Beste. Die Kolleginnen freuen sich mit - und hoffen auf einen Sieg gegen China im Fed-Cup-Spiel am Wochenende in Frankfurt.

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          Die Lage hätte prekär werden können. Eine so junge wie ehrgeizige Spielerin feiert im fernen Amerika ihren ersten großen Profititel, avanciert damit schlagartig zur neuen Hoffnungsträgerin im deutschen Tennis, kehrt direkt danach in den Kreis ihrer kaum minder ambitionierten Kolleginnen zurück (siehe: Tennisspielerin Sabine Lisicki: Fräuleinwunder – made in USA). Der Empfang hätte kühl verlaufen können, es hätte zu Spannungen kommen können, womöglich sogar zu Missgunst, weil ausgerechnet die allerjüngste zur allerbesten Deutschen aufgestiegen ist und die anderen schlagartig in den Schatten gestellt hat. Deutsche Davis-Cup-Kapitäne können ein Lied davon singen, wie heikel es ist, erfolgreiche und eitle Tennis-Egos binnen weniger Tage zu Mannschaftsspielern zu machen.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch Damen-Bundestrainerin Barbara Rittner kennt solche Sorgen zur Genüge, aber mittlerweile kann sie darüber nur noch lächeln. In ihrem Fed-Cup-Team herrscht eitel Sonnenschein, seit die Berlinerin Sabine Lisicki als frischgebackene Turniersiegerin von Charleston zum Team gestoßen ist. „Der Teamgeist wird für mich immer Priorität haben“, sagt die Damen-Bundestrainerin in Frankfurt, wo sie mit ihrem Fed-Cup-Aufgebot an diesem Wochenende gegen China um den Aufstieg in die Weltgruppe I spielt. „Seit meinem Amtsantritt vor vier Jahren habe ich auf solche Spielerinnen gewartet, die im Team Spaß haben wollen.“

          Die jungen Damen freuen sich mit der noch Jüngeren

          Die 19 Jahre alte Sabine Lisicki, die am vorigen Sonntag wie selbstverständlich ihren ersten Titel auf der WTA-Tour gewann, ist uneitel genug, um sich reibungslos ins Team einzufügen. Von Spannungen keine Spur, im Gegenteil. Die jungen Damen freuen sich mit der noch Jüngeren, die ihrerseits über mögliche Konfliktlinien mühelos hinweg lächelt. „Keine Angst, ich bleibe schön am Boden“, sagt die Berlinerin, die in Frankfurt zum vierten Mal zum Fed-Cup-Team gehört: „Es macht mir großen Spaß, für Deutschland zu spielen.“ Nichts anderes hat Barbara Rittner erwartet von der 43. der Weltrangliste, die wie die Nordhornerin Anna-Lena Grönefeld (Weltranglistenplatz 57) als Einzelspielerin gegen die starken Chinesinnen Jie Zheng (16) und Peng Shuai (33) vorgesehen ist.

          Eröffnungseinzel am Samstag: Sabine Lisicki (l) und die Chinesin Jie Zheng
          Eröffnungseinzel am Samstag: Sabine Lisicki (l) und die Chinesin Jie Zheng : Bild: dpa

          Diejenigen Damen, die sich für etwas Besseres hielten und daher nicht ins Konzept passten, hat Barbara Rittner vor zwei Jahren aussortiert. Auch damals ging es gegen China, aber nicht um den Aufstieg, sondern gegen den Abstieg. Martina Müller und Julia Schruff waren sich zu schade, um nach Peking zu reisen; es ging um Neid und um Geld. Die deutsche Fed-Cup-Chefin, die sich als „Harmonie-Mensch“ bezeichnet, rang sich nach der damaligen 1:4-Niederlage zu einer harten Linie durch – und stößt damit bei ihren heutigen Spielerinnen auf Gegenliebe. „Wenn unter uns Mädchen eine Zicke wäre, dann kann alles auseinanderbrechen“, sagt Andrea Petkovic. Die Darmstädterin, die nach einem Kreuzbandriss vor 16 Monaten in der Weltrangliste abgerutscht ist und daher nicht zum aktuellen Aufgebot gehört, hat sich in den vergangenen Tagen freudig in ihre Rolle als Trainingspartnerin gefügt.

          Barbara Rittner ist aus Erfahrung gut

          Bei aller guten Laune im Team, das sein Relegationsspiel Anfang Februar in der Schweiz gewann, fallen auch kritische Worte. Vor allem Anna-Lena Grönefeld hat sich zuletzt so einiges anhören müssen von Barbara Rittner. Nach ihrem erfolgreichen Comeback bei den US Open im vorigen Sommer habe sich die Nordhornerin „zu sehr unter Druck gesetzt und ist verkrampft“, sagt die Bundestrainerin. Trotz der „harten Gespräche“ sei das Klima aber prima geblieben. „Man bekommt ein Gespür für die richtige Situation und die richtigen Worte“, sagt Barbara Rittner, die 2005 Knall auf Fall von der Spielerin zur Teamchefin wurde. „Die Mädels wissen ja, dass ich ihnen helfen will.“

          Die Mutter der Mädel-Kompanie handelt aus Erfahrung gut. Neunzehnmal, so oft wie kaum eine andere Deutsche, hat die Rheinländerin selbst im Fed-Cup gespielt, hat 1992 an der Seite von Steffi Graf und Anke Huber den zweiten und bisher letzten Mannschaftstitel für die deutschen Damen geholt: in Frankfurt, wo sie an diesem Samstag ihren 36. Geburtstag feiert. „Ich weiß, wie ich die Spielerinnen anzupacken habe, weil ich vieles selbst durchlebt habe“, sagt Barbara Rittner. „Mal tröste ich die eine, mal trete ich der anderen in den Hintern.“

          Grundsätzlich seien die auserwählten Damen aber pflegeleicht; vor allem diejenige, die neuerdings aus dem Kollektiv herausragt. Sabine Lisicki mag alleine auf dem Platz aggressiv spielen, im Team ist sie entgegenkommend. „Als Coach komme ich gut an sie heran“, sagt Barbara Rittner, die hofft, dass „Sabines Erfolg auch den anderen Mädels einen Schub“ gibt. Mit ihrer selbstbewussten Art könnte Sabine Lisicki allemal zum Erfolgsfaktor gegen China werden. Dass sie Spitzenspielerinnen schlagen könnte, sagt die Turniersiegerin von Charleston, habe sie ja schon immer gewusst. Die Frage sei nur gewesen, wann sie mal „alle hintereinander weghauen“ würde.

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