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„Katastrophe“ im Tennis : „Verstehe nicht, in welcher Welt die leben“

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Klare Worte zur Adria-Tour: Barbara Rittner (rechts, hier 2018 neben Boris Becker) Bild: Picture-Alliance

Nach positiven Corona-Fällen bei der von Tennis-Star Novak Djokovic mitorganisierten Adria-Tour äußert sich auch die Chefin des deutschen Frauentennis kritisch. Barbara Rittner findet dabei drastische Worte.

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          Deutschlands Frauentennis-Chefin Barbara Rittner hat sich der Kritik an der Adria-Tour angeschlossen. „Das ist für die gesamte Tennis-Familie eine absolute Katastrophe. Da verstehe ich nicht, in welcher Welt die leben. Einigen ist ihr Erfolg wohl zu Kopf gestiegen“, sagte Rittner dem Kölner Stadt-Anzeiger. Bei der vom Weltranglistenersten Novak Djokovic mitorganisierten Show-Tour waren die Teilnehmer Grigor Dimitrow (Bulgarien), Borna Coric (Kroatien) und Viktor Troicki (Serbien) positiv auf das Coronavirus getestet worden.

          „Auch ein Novak Djokovic kann sich meiner Meinung nach nicht dahinter verstecken, dass sie sagen, sie hätten sich an die vorgegebenen Regularien gehalten. Denn offensichtlich gab es da keine richtigen Regularien“, sagte die 47-Jährige: „Die ganze Welt hält Abstand und trägt Masken. Und an der Adria saß man Schulter an Schulter ohne Masken, hat nachts gefeiert und sich oberkörperfrei in den Armen gelegen.“ Djokovic habe der Tenniswelt „einen Bärendienst erwiesen.“

          Das Finale zwischen Djokovic und Andrej Rublew (Russland) wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Die Adria-Tour hatte vor allem bei der Station Belgrad viel Kritik hervorgerufen. Die Zuschauerränge waren prall gefüllt, die Spieler umarmten sich und feierten ausgelassen in einem Klub. Mittlerweile wurde bekannt, dass sich auch Djokovic selbst mit dem Coronavirus infiziert hat.

          ATP empfahl Vorsichtsmaßnahmen

          Troicki sagte derweil der serbischen Nachrichtenagentur Telegraf am Montagabend, zunächst sei am vergangenen Freitag bei seiner Ehefrau das Virus festgestellt worden. Seine Tochter und er hätten sich dann am Sonntag testen lassen.

          Zu diesem Zeitpunkt gastierte die Tour im kroatischen Zadar. Dort war Troicki aber nicht dabei. Eine Woche zuvor hatte der 34 Jahre alte einstige Weltranglisten-Zwölfte in Belgrad gespielt. Dort verlor er gegen den Hamburger Alexander Zverev, der zuletzt auch in Zadar antrat und nach eigenen Angaben vom Montag wie sein Team negativ getestet wurde. Der 23-Jährige kündigte als Vorsichtsmaßnahme regelmäßige weitere Tests an und wolle den Quarantäne-Ratschlägen der Ärzte folgen.

          Nach den Coronafällen auf der Adria-Tour hat der Chef der Herren-Organisation ATP zwischenzeitlich abermals daran erinnert, dass es positive Tests auch bei strengen Hygienemaßnahmen geben könne. Der ATP-Vorsitzende Andrea Gaudenzi sagte der „New York Times“ (Dienstag-Ausgabe) allerdings auch, dass die Herren-Tour den Teilnehmern der Adria-Tour und anderer privat organisierter Turniere angemessene Sicherheitsmaßnahmen sowie die Einhaltung der Abstandsregeln empfohlen habe.

          Gaudenzi wünschte den Spielern schnelle Genesung und bedauerte die Fälle. „Ich weiß, dass es viel Kritik gab“, sagte der 46-jährige Italiener, fügte aber auch hinzu: „Man braucht keine Spieler und Menschen, die sich umarmen, damit jemand positiv getestet wird.“

          Kritik auch von Andy Murray

          Die Vorkommnisse könnten dazu beitragen, dass folgende Veranstaltungen sicherer würden, weil die Spieler williger seien, sich in einem begrenzten Raum aufzuhalten. „Es ist ein bisschen so, als wenn Du Deinen Kindern sagst, dass sie einen Helm tragen sollen, wenn die das Fahrradfahren lernen“, sagte der frühere Profi Gaudenzi. „Sie sagen ‚nein, nein, nein‘, dann fallen sie hin und tragen den Helm.“

          Die Herren-Tour soll am 14. August mit dem Turnier in Washington wieder beginnen. Ab dem 31. August sind die US Open in New York geplant. Dort sollen strenge Hygieneregeln gelten.

          Auch Andy Murray hat Djokovic für dessen unzureichenden Umgang mit den Corona-Regeln während der Adria-Tour kritisiert. „Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Novak. In der Nachbetrachtung macht das, was da passiert ist, aber keinen guten Eindruck“, sagte die einstige Nummer eins der britischen Tageszeitung „The Times“ (Dienstag). „Es ist wichtig, dass Top-Athleten auf der ganzen Welt zeigen, dass wir das ernst nehmen und uns darüber im Klaren sind, dass wir Abstandsregeln einhalten.“

          Murray meinte weiter: „Ich hoffe, dass wir daraus lernen, weil letztendlich wird die ATP Tour nicht zurückkommen, wenn wir jede Woche Probleme haben und die Spieler machen, was sie wollen“, sagte der Tennis-Profi, der in dieser Woche bei einem Showkampf-Turnier in England erstmals seit sieben Monaten wieder ein Match bestreiten wird.

          Bei dem Event unter strengen Hygieneregeln ist auch die britische Nummer eins Daniel Evans dabei. Die Nummer 28 der Welt kritisierte Djokovic ebenfalls scharf. „Ich denke, du solltest keine Spieler-Partys haben und wild durcheinander tanzen“, sagte Evans. „Er sollte etwas Verantwortung für das Event zeigen.“

          Djokovic hat die Vorwürfe bislang zurückgewiesen. Alle in Serbien und Kroatien geltenden Regeln seien eingehalten worden. Auf das Ergebnis seines Corona-Tests wartet der Serbe noch.

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