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„Tennis-Ali“ Jo-Wilfried Tsonga : Fliegen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene

Ein neuer Tennisstern ist aufgegangen: Jo-Wilfried Tsonga Bild: AFP

Der Franzose Jo-Wilfried Tsonga macht bei den Australian Open seinem Spitznamen Ali alle Ehre. Im Stil des „Größten aller Zeiten“ entzauberte er den spanischen Weltranglistenzweiten Rafael Nadal mit spielerischer Leichtigkeit und steht im Finale der Australian Open.

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          „Tssonngaa“, hatte einer der 15.500 Zuschauer in der ausverkauften Rod-Laver-Arena begeistert gerufen, als unten auf dem Platz der Franzose Jo-Wilfried Tsonga gerade seinen ersten Punkt im Halbfinale der Australian Open gegen den spanischen Weltranglistenzweiten Rafael Nadal gewonnen hatte. Das klang, als wolle er dem krassen Außenseiter Mut machen in diesem Semifinale, das schon vorher die bislang größte Partie in seiner bisherigen Karriere darstellte - und die es nachher erst recht war.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Denn dieses „Tssonngaa“ war immer wieder zu hören gewesen, und die letzte Silbe wurde immer länger. „Tssonngaaaa“ hieß es nach dem ersten Satz, den der Franzose wie im Rausch 6:2 gewonnen hatte, „Tsonngaaaaaa“ nach dem zweiten Durchgang, als der Rausch nicht nachgelassen hatte und den der Franzose 6:3 für sich entschieden hatte. Vermutlich wird Nadal dieses „Tssonngaaaaaaaaa“ noch im Schlaf verfolgt haben, wenn er in dieser Nacht überhaupt welchen gefunden hat. Mit offenen Mündern hatten die meisten Fans diese Partie verfolgt, und wohl keiner konnte glauben, was er gesehen hatte: Nach 1:57 Stunden Spielzeit hatte der Franzose den Weltranglistenzweiten beim 6:2, 6:3 und 6:3 zeitweise geradezu vorgeführt.

          „So spielt keiner, der auf Platz 38 der Weltrangliste steht“

          „Die Wahrheit ist“, sagte Nadal eine Stunde später, „dass ich keine Chance hatte. Jemanden zu stoppen, der auf so einem Level spielt, ist schwer, ist fast unmöglich. Er hat heute Volleys gespielt, das kann ich nicht glauben.“ Nadal musste sich nicht alleine fühlen, glauben konnte das niemand. Mit all seiner Kraft - und der muskulöse Nadal besitzt davon jede Menge - hatte er seine Passierbälle über das Netz gejagt, wo sie dann aber von Tsonga mit einer traumwandlerischen Sicherheit in Punkte verwandelt wurden.

          Der „Muhammad Ali” des Center Courts

          Häufig flog sein Volley unerreichbar ins Feld des Spaniers, aber besonders groß wurde das Raunen im Publikum und das Staunen bei Nadal, wenn der Franzose diese Gewaltschläge mit Volleystopps so gefühlvoll entschärfte, dass der Ball gleich hinter das Netz tropfte und kaum noch aufsprang. „Das ist nicht sein Level, so spielt keiner, der auf Platz 38 der Weltrangliste steht“, sagte Nadal im Bemühen zu erklären, was nicht sein konnte. Denn natürlich hat die Tenniswelt solche Volleys schon einmal gesehen, aber in dieser Vielzahl, mit dieser Selbstverständlichkeit und noch dazu von einem, der erstmals in einem Grand-Slam-Halbfinale stand?

          Stechen wie ein Bienenvolk

          „Das ist wie ein Traum“, beurteilte Tsonga den Tag, der zu einem Albtraum für seinen Gegenspieler geworden war. Tsonga wird wegen seiner Ähnlichkeit mit dem größten aller Boxer „Ali“ gerufen, und am liebsten, hatte er nach seinen Siegen in den vorherigen Runden gesagt, möchte er nicht nur so aussehen wie der junge Ali, sondern auch genau so spielen, wie der Boxer einst seine Kämpfe anging: Fliegen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene.

          Doch an diesem Abend hatte er zugestochen wie ein ganzes Bienenvolk, und kann ein Schmetterling überhaupt so rasant fliegen? Der Tennisspieler, der wie ein Boxer gerufen wird, rannte so schnell wie ein Sprinter, und wieder staunte Nadal: „Habt ihr gesehen, wie er sich bewegt hat? Das ist unglaublich!“ Es war alles unglaublich, fast schon eine Spur zu unwirklich. Mit 17 Winnerschlägen hatte Tsonga den Favoriten im ersten Satz entzaubert, Nadal war insgesamt in diesem Durchgang gerade einmal auf 16 Punkte gekommen.

          Und es kam noch besser

          So etwas aber kommt schon einmal vor im Tennis, aber so geht es selten weiter. Und so ging es auch nicht weiter - es wurde für den Franzosen noch viel besser: Im zweiten Durchgang steigerte er sich auf 22 direkt erzielte Punkte, was die Tatsache erklärte, wieso Nadal nur einen unerzwungenen Fehler in seiner Bilanz stehen hatte. Er kam schließlich kaum einmal an einen Ball heran, und nach zwei Sätzen war der Spanier nicht einmal in der Nähe einer Breakchance gewesen. „Dabei“, bemerkte Nadal, „habe ich doch alles versucht.“ Und alles war vergeblich.

          Dranbleiben und darauf hoffen, dass der auf der anderen Seite plötzlich merkt, vor welchem Erfolg er steht und darüber ein wenig verkrampft - etwas anderes war für Nadal in dieser Partie nicht mehr zu tun. Die Chance kam tatsächlich zu Beginn des dritten Durchgangs, aber Verkrampfung sieht anders aus als die Antwort von Tsonga auf die einzigen gefährlichen Momente für ihn an diesem Abend. Den ersten Breakball wehrte er mit einem seiner unglaublichen Volleys ab, den zweiten mit einem Aufschlag, den Nadal nicht returnieren konnte, den dritten mit einem Ass.

          „Ich hatte noch nie eine so gute Vorbereitung“

          „Er war zu gut für mich heute Abend, viel zu gut“, sagte der Spanier, der gleich danach das schon vorentscheidende Break hatte hinnehmen müssen. Tsonga aber flog auf seiner Wolke weiter, und er wusste nachher auch genau, was ihm an diesem Abend am besten an seinem Spiel gefallen hatte: „Meine Vorhand, meine Rückhand, mein Aufschlag, meine Volleys und meine Stopps.“ Und mehr gibt es ja auch nicht in einem Tennisspiel.

          Aber ob er das alles noch einmal zeigen wird in einem Endspiel gegen den Weltranglistenersten Roger Federer oder gegen den Weltranglistendritten Novak Djokovic, die zu ihrem Semifinale an diesem Freitag antreten? „Das wird ein anderer Moment, das ist ein noch viel größeres Spiel als ein Halbfinale“, warnte Nadal vor zu großen Erwartungen. Tsonga aber, der zwischen den Ballwechseln so gleichgültig gewirkt hatte, als ginge ihn das alles an diesem Abend nichts an, blieb auch danach gelassen. „Natürlich habe ich noch nie auf so einem Level gespielt, aber ich hatte auch noch nie eine so gute Vorbereitung“, sagte er. Vor zwei Jahren stand seine Karriere wegen Bandscheibenbeschwerden noch in Frage, nun stellt er die Tennishierarchie in Frage. „Wenn er so spielt wie heute, kann er auch gegen Federer oder Djokovic gewinnen“, sagte Nadal. Vermutlich könnte er das sogar, wenn beide am Sonntag auf der anderen Seite stünden.

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