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Telekom-Skandal : Die Ausweichmanöver des Walter Godefroot

Godefroot mit Jan Ullrich, 1997 Bild: picture-alliance / dpa

Walter Godefroot war einst selbst Rennfahrer, danach jahrelang Teamchef. Nun versucht der Belgier sich gegen den Vorwurf zu wehren, einst ein Doping-System beim Team Telekom organisiert und finanziert zu haben. Doch vieles bleibt diffus.

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          Das Manuskript umfasste vier Seiten, Walter Godefroot las davon ab, und am Ende behauptete er: „Rückblickend betrachtet bin ich naiv gewesen.“ Kann man das einem Mann abnehmen, der sich seit 40 Jahren intensiv mit dem Radsport beschäftigt, der das Geschäft mithin aus dem Effeff kennt?

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Godefroot war einst selbst Rennfahrer, danach Teamchef, und nun versuchte er sich gegen den Vorwurf zu wehren, einst ein Doping-System beim Team Telekom organisiert und finanziert zu haben. Vieles blieb diffus am Dienstagmittag, als Godefroot in einem Messehotel in Gent erstmals öffentlich zu den Anschuldigungen Stellung nahm und ankündigte, gegen Jef D'hont gerichtlich vorgehen zu wollen. Der Belgier, der früher Betreuer beim Team Telekom war, hatte seinen Landsmann Godefroot in einem Buch schwer belastet. Es hatte danach - auch wegen der Enthüllungen des ehemaligen Profis Bert Dietz - eine Reihe von Doping-Geständnissen ehemaliger Telekom-Profis gegeben. Doch Godefroot sagte, niemals Rennfahrer „zum Gebrauch von Doping-Erzeugnissen angeregt oder angeleitet“ zu haben. Stattdessen griff er D'hont an, von dem Godefroot sich durch den Dreck gezogen fühlt. „Jef“, sagte er, „hat eine plumpe Lüge in die Welt gesetzt.“ Und niemals, beteuerte er, sei von den Rennfahrern „Geld an mich geflossen“.

          „Der ungezügelte Gebrauch wurde gebremst“

          Es war ein eigenartiges, fast bizarres Szenario in Gent. Godefroot erläuterte dabei, dass er stets „recht großen Abstand“ zu den Radprofis gehalten habe - offensichtlich wollte er damit verdeutlichen, über das Geschehen innerhalb der Mannschaft nicht umfassend informiert gewesen zu sein. Godefroot räumte nur ein, 1996, in dem Jahr also, als der Däne Bjarne Riis im Trikot des Teams Telekom die Tour de France gewann, plötzlich festgestellt zu haben, dass sich im Fahrerfeld ein Virus ausgebreitet habe. „Dieses Virus hieß Epo“, sagte Godefroot, und er fügte hinzu: „Den Namen des Produktes habe ich erst später erfahren.“ Der Fachmann aus Belgien tat am Dienstag so, als wäre er damals mit etwas völlig Neuem konfrontiert worden. „Wie lange wurde es zu diesem Zeitpunkt bereits benutzt? Ich wusste es nicht. Wer von diesem Virus befallen war und wer nicht? Das blieb auch für mich eine offene Frage.“

          60 Minuten Pressekonferenz, aber keine neuen Erkenntnisse
          60 Minuten Pressekonferenz, aber keine neuen Erkenntnisse : Bild: AP

          Dem Belgier, der 1997 Jan Ullrichs Tour-Triumph feierte, fiel angeblich nur dies auf: „Die Rennfahrer gingen auf unnatürliche Weise über ihre Möglichkeiten hinaus.“ Dies, erzählte Godefroot weiter, habe er Ende 1996 dem Niederländer Hein Verbruggen mitgeteilt, dem Präsidenten des Internationalen Radsportverbandes (UCI). Es soll dabei um Details über die Einnahme von verbotenen Substanzen gegangen sein, auch die Namen verdächtiger Profis wurden angeblich genannt. Die UCI beschränkte sich damals aber offenbar darauf, einen Hämatokritwert von 50 festzulegen; wer ihn überschreitet, wird mit einer Schutzsperre belegt. Godefroot sagte, dass die Maßnahme der UCI ein Segen gewesen sei. Er scheint sich damit zufriedengegeben zu haben. „Der ungezügelte Gebrauch wurde gebremst, und die Ärzte unternahmen alles in ihrer Macht Stehende, dem Wildwuchs bei der Medikamentierung Einhalt zu gebieten und ihn in geordnete Bahnen zu leiten.“ Doping also unter medizinischer Aufsicht? Auf diese Frage erwiderte Godefroot lediglich: „Ich habe immer gesagt: null Toleranz.“

          Argwöhnisch von der Öffentlichkeit beobachtet

          Immer wieder antwortete Godefroot in Gent ausweichend. Über Riis beispielsweise, der unlängst emotionslos den Epo-Missbrauch zugegeben hat, sagte er: Er wisse nicht, ob Riis mehr gesündigt habe als die anderen. Auf alle Fälle empfinde er Respekt vor dem Dänen. Über den schweigenden Ullrich äußerte sich der Belgier gar nicht: „Ich will nicht über andere Leute reden.“ Die Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes, betonte er gar, habe ihn überrascht. Blutdoping? „Davon“, sagte Godefroot in eigenwilligem Deutsch, „habe ich überhaupt keine Idee.“ Eine seltsame Sicht der Dinge. Ach ja, Godefroot sagte dann noch, dass es im Radsport nicht anders zugehe als in der Gesellschaft generell: „Er ist nicht besser und nicht schlechter als sie.“

          Godefroot bezeichnete sich auf alle Fälle als unschuldig; deswegen will er nun auch klagen. Er möchte sich nicht, sagte er, als einen „gewissenlosen Menschen“ dargestellt sehen. Vom Radsport wird er sich womöglich bald lösen. Seinen Beraterjob beim kasachischen Team Astana will er jedenfalls nach der Tour de France im Juli aufgeben. Godefroot hat beim Aufbau dieses Rennstalls geholfen, der aus dem Team Liberty Seguros hervorging - diese Equipe stand im Zentrum des spanischen Dopingnetzwerks. Das Team Astana, bei dem auch der Deutsche Andreas Klöden unter Vertrag steht, geht mit großen Hoffnungen in die Frankreich-Rundfahrt - es wird gleichwohl auch argwöhnisch von der Öffentlichkeit beobachtet. Einen wie Godefroot jedoch, der sich so gerne distanziert gibt, scheint dies nicht weiter zu stören.

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