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Telekom im Radsport : „Man muss die Reißleine ziehen“

Noch fährt sein Team im Zeichen der Telekom: Bob Stapleton Bild: dpa

Der Telekom-Vorstand berät über einen Ausstieg aus dem Radsport. Beim Ende von T-Mobile könnte es durch weitere Enthüllungen noch größere Eruptionen als bisher geben. Teamchef Bob Stapleton allerdings bleibt optimistisch.

          Schon mal was von Craig Lewis gehört? Der Mann ist Amerikaner, 22 Jahre alt und nun - nach eigener Einschätzung – am Ziel seiner Träume: Der Radrennfahrer Lewis nämlich ist beim Bonner Rennstall T-Mobile untergekommen. Wie Tony Martin, ebenfalls 22, gebürtiger Cottbuser. Martin drückt derweil allerdings auch noch die Schulbank: Er lässt sich zum Polizeimeister ausbilden. Ein Polizist mitten im stark belasteten Peloton - eine kuriose Fügung.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          T-Mobile verbreitete zuletzt gern Berichte über Lewis oder Martin. Schließlich handelt es sich um Fahrer, die helfen sollen, die Zukunft des Teams zu sichern. Womöglich aber haben sich die Parteien dabei gehörig verspekuliert. Das Morgen von T-Mobile ist sehr ungewiss seit den Erzählungen des Dopingsünders Patrik Sinkewitz. Angeblich soll sich der Vorstand der Deutschen Telekom AG bereits am Dienstag mit der aktuellen Lage befasst haben. Sofortiger Ausstieg aus dem Radsport? Man werde sich von keiner Seite unter Druck setzen lassen, sagte Christian Frommert, der Telekom-Kommunikationschef, und „eine verantwortungsvolle Entscheidung in absehbarer Zeit treffen“.

          „Hat das Unternehmen schon Schaden genommen?“

          Die Zeichen stehen auf alle Fälle wieder auf Sturm bei T-Mobile – und möglicherweise stoppt der Sponsor diesmal doch sein Engagement wegen der ständigen Debatten über umfangreiche Dopingpraktiken auch bei T-Mobile. Jürgen Kindervater, der frühere Sportmarketing-Chef der Deutschen Telekom, der – einst involviert beim Team Telekom – einiges über die dunklen Seiten der Branche wissen dürfte, gab jetzt diese Empfehlung: „Man muss die Reißleine ziehen, sonst nimmt das Unternehmen Schaden - wenn es nicht schon Schaden genommen hat.“

          T-Mobile tat am Dienstag noch so, als würde es den Fall Sinkewitz aufarbeiten wollen – und trotz der neuen schweren Turbulenzen weiter im Radsport mitmischen können. Das Geständnis von Sinkewitz habe unterstrichen, ließ Teamchef Bob Stapleton wissen, „dass der Schnitt, den T-Mobile im Management vollzogen hat, notwendig war und dass wir unseren Weg im Anti-Doping-Kampf weitergehen müssen“. Der Amerikaner, dessen Mannschaft zuletzt auch durch die Verpflichtung des langjährigen Armstrong-Gefährten George Hincapie ins Gerede gekommen war, sprach von drastischen Veränderungen im Team und im Sport selbst.

          „Für 2008 haben wir diesen Kurs weiter optimiert“

          Er wies auf ein umfangreiches Anti-Doping-Programm hin und behauptete: „Für 2008 haben wir diesen Kurs weiter optimiert.“ Obwohl die derzeitige Führung keine Verantwortung für das T-Mobile-Team vor der Übernahme Ende 2006 trage, habe man, so Stapleton, beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und bei der Staatsanwaltschaft Akteneinsicht beantragt – die Bonner wollen also an die Informationen gelangen, die Sinkewitz den Ermittlern gegeben hat. Dazu stellte T-Mobile einen Antrag beim Internationalen Radsportverband, der – sobald ihm die entsprechenden Unterlagen vorliegen – die Offenbarungen von Sinkewitz bewerten soll.

          Die Bonner könnten jedoch bei dieser Offensive in großer Not gestoppt werden: Michael Lehner, Heidelberger Anwalt von Sinkewitz, will ihnen die Protokolle der Sinkewitz-Anhörung vorläufig nicht zur Verfügung stellen. Es gehe dabei nicht um Geheimniskrämerei, sagte Lehner gegenüber dieser Zeitung. In dem Verfahren gegen Sinkewitz wolle er derzeit aber mögliche „Seitenstörungen“ vermeiden. Das Urteil in der Causa Sinkewitz wird noch im November erwartet.

          „Letztendlich gegen Windmühlenflügel gekämpft“

          Während Stapleton, der die ProTour-Lizenz besitzt und auch die Verträge mit den Profis abgeschlossen hat, offenbar nicht an einen Rückzug von T-Mobile glaubt und sogar von glänzenden sportlichen Perspektiven redete, äußerte sich Frommert am Dienstag zurückhaltend. Schließlich stelle sich die Frage, ob man bei den Bemühungen, gegen Doping vorzugehen, „letztlich gegen Windmühlenflügel gekämpft habe“. Man könne, so Frommert, nicht blind einen Weg fortsetzen, ohne die Konsequenzen zu hinterfragen.

          T-Mobile, dessen neuer Kader nach bisheriger Planung Anfang Januar auf Mallorca präsentiert werden soll, hat mit seinem Geldgeber einen Kontrakt bis 2010. Ihn erfüllen zu wollen, hatten die Bonner im August nach den schweren Erschütterungen bei der Tour de France bestätigt. Die Vergangenheit holte das Team allerdings durch die Beichte des Kronzeugen Sinkewitz, der auf eine einjährige Sperre hofft, wieder ein.

          „Im Moment kratzen wir nur an der Oberfläche“

          Sinkewitz hatte sich über ein Betrugssystem, über Eigenblutdoping bei T-Mobile geäußert, und er rückte durch seine Aussagen vor dem Sportgericht des BDR auch die Teamleitung von 2006 ins Zwielicht. Immerhin war der Hesse während der Tour 2006 von Straßburg zur „Behandlung“ nach Freiburg gefahren – es dürfte unwahrscheinlich sein, dass davon niemand bei T-Mobile etwas bemerkt hat.

          In der Zunft gab es zumindest am Dienstagmittag auch noch Stimmen, die auf ein Festhalten von T-Mobile am Radsport hindeuteten. Weil dadurch, so ein Insider, das Geschehen noch einigermaßen zu kontrollieren sei für die Equipe. Er ließ damit durchblicken: Es könnte bei einem Ende von T-Mobile durch mögliche weitere Enthüllungen noch größere Eruptionen als bisher geben. Im Moment, sagte der Mann zu den Dopingdiskussionen, „kratzen wir nur an der Oberfläche“. Was dabei zutage tritt, ist freilich schon erschreckend genug – und desillusionierend dazu.

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