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Team Milram : Radeln um die Existenz

  • -Aktualisiert am

Ungewisse Zukunft: Milram und seine deutschen Stars Fabian Wegmann (l.) und Linus Gerdemann Bild:

Das Team Milram ist das letzte deutsche Pro-Tour-Team. Es muss „glaubwürdig erfolgreich sein“. Denn das Thema Doping wird es das ganze Jahr verfolgen. Michael Eder hat das Team bei seinen Saisonauftaktbemühungen beobachtet.

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          So trostlos, so unromantisch, so betongrau und nüchtern - so stellt man sich die Radsportwelt vor in Zeiten des Dopings und des Doping-Verdachts, und so ist dies ein Ort, wie geschaffen für die Zentrale einer professionellen Rad-Equipe. Wer zum Team Milram will, dem einzig verbliebenen deutschen Pro-Tour-Team, muss sich in einem tristen Dortmunder Industriegebiet über den riesigen Parkplatz einer Spedition kämpfen, vorbei an Lastwagen, Zugmaschinen, Hängern. Dahinter ein Zweckbau, zweistöckig, die „Teamzentrale“.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Achtzehn Schlafplätze gibt es darin; wenn die Materialwagen nachts von den Rennen zurückkommen, können Betreuer und Mechaniker hier übernachten. Vom Gebäude führt ein Zugang zu einer Halle, in der die Teambusse stehen und die Werkstatt untergebracht ist. Am Eingang stapeln sich Kisten mit Massageöl, Verpflegung, Bekleidung. In der Werkstatt hängen an rennfreien Tagen 75 Rennmaschinen und 200 Sätze Laufräder. Materiallaster stehen in der Halle und davor, zwei Reisebusse, ein Wohnmobil, 13 Begleitfahrzeuge. 200 Renntage hat Milram 2009 - es gibt viel zu tun, viel zu gewinnen, aber auch viel zu verlieren.

          Ausstieg des Hauptsponsors droht

          Es ist eine wichtige Saison für das Team und dessen niederländischen Manager Gerry van Gerwen, es geht um die wirtschaftliche Existenz. Wenn alles schief läuft, könnte am Saisonende der Hauptsponsor abspringen. Die Nordmilch AG, die für ihre Marke Milram wirbt, hat nach den Doping-Fällen Schumacher und Kohl vom Team Gerolsteiner vergangenes Jahr angekündigt, ihr Engagement zu prüfen, ein Ausstieg zum Saisonende ist nicht ausgeschlossen. Also muss van Gerwen sein Team zu Erfolgen steuern - und durch ein Jahr ohne Doping-Auffälligkeiten. „Glaubwürdig erfolgreich sein“ - das ist die Maxime, die man im Team wie ein Mantra wiederholt. Allerdings hat es van Gerwen verpasst, wirklich Klarschiff zu machen.

          Der Mann für die Gesamtwertung und der Mann für die Sprints: Linus Gerdemann (l.) und Gerald Ciolek

          Mit Christian Henn hat er von Gerolsteiner einen Sportlichen Leiter verpflichtet, der seine Karriere 1999 nach einem positiven Testosteron-Befund beendete und später auch einräumte, mit Epo gedopt zu haben. Und gegen den Italiener Claudio Sprenger, einen von drei Teamärzten, steht der Vorwurf im Raum, er habe 1998 beim Team Polti dem Deutschen Jörg Jaksche Insulin gespritzt, ein Vorwurf, den der Italiener zurückweist. (siehe: Radsport: Milram steht zu Teamarzt Claudio Sprenger)

          Das Radsportjahr steht unter schlechten Vorzeichen - mal wieder

          Das Thema Doping wird sie das ganze Jahr verfolgen, das wissen sie bei Milram. Das Radsportjahr steht unter schlechten Vorzeichen, denn nicht nur der dopingverdächtige Lance Armstrong kehrt zurück, sondern auch eine ganze Reihe überführter Doper, die ihre Strafe abgesessen haben: Ivan Basso, Tyler Hamilton, Floyd Landis. Sollten sie die großen Rennen dominieren, sollten sie durch die Schlagzeilen radeln, wäre dies ein Fiasko für den Radsport, der weg will vom Ruf, nicht Rennen zu veranstalten, sondern Apothekenrundfahrten.

          Van Gerwen ist ein jovialer Mann, der zum Optimismus neigt und sein Team gerüstet sieht für die Saison eins nach Sprintstar Erik Zabel. „Wir wachen jeden Tag auf, und etwas Großes kann passieren“, sagt der Niederländer. Als es vor der Saison darum ging, ein neues Team zusammenzustellen, hatte er von Nordmilch die klare Vorgabe, ein „deutsches“ Team müsse her, eine junge Mannschaft, unbelastet von Doping-Fällen aus der Vergangenheit, mit klaren Strukturen und Zielen, Fahrer auch mit dem Zeug zum Star.

          Das Ziel: Mindestens 25 Siege

          Van Gerwen hat keine schlechte Arbeit geleistet, hat aus der Konkursmasse von Gerolsteiner Fabian Wegmann, Markus und Thomas Fothen, Peter Wrolich, Robert Förster und Ronny Scholz geholt und als Sahnehäubchen obendrauf Linus Gerdemann und Gerald Ciolek vom Team High Road, zwei junge Fahrer der Extraklasse, Rundfahrer der eine, Sprinter der andere, 26 und 22 Jahre alt. Gerdemann und Ciolek sind die Häuptlinge, alle anderen sind Indianer. Und es gibt eine klare Taktik, wovon man im vergangenen Jahr nicht reden konnte. „Letzte Saison“, sagt van Gerwen, „hatten wir zwei Strategien: Bei flachen Etappen war die Taktik Zabel, und bei allen anderen Etappen hatten wir überhaupt keine.“

          Mit dem Allrounder Gerdemann (siehe auch: Radprofi Linus Gerdemann: Ein Beruf neben der Spur) und dem schnellen Ciolek wird sich das ändern, Milram hat nun andere Möglichkeiten. Mindestens 25 Siege will van Gerwen in dieser Saison einfahren, darunter einige „von spezieller Qualität“. Man könne bei jedem Rennen die Initiative ergreifen, sagt er, auch bei der Tour de France, wo alle Hoffnungen auf Gerdemann ruhen, der vor zwei Jahren schon einmal in Gelb fuhr. Van Gerwen hat die Teamzentrale in Deutschland installiert, und er will sie mit Leben füllen. Die Fahrer sollen regelmäßig nach Dortmund kommen, sich zum Training treffen und zum Entspannen in einem Wellnesshotel; hier soll die medizinische Betreuung stattfinden, es soll nicht mehr jeder sein eigenes Süppchen kochen können mit Zutaten, von denen keiner weiß; das Team soll nicht mehr so anonym sein wie in Zeiten, als die halbe Mannschaft aus Italienern bestand und man sich kaum sah abseits der Rennen.

          Mailand-San Remo als Auftakt

          „Bei uns gibt es eine klare Teamorder“, sagt Ciolek, „und das ist gut so.“ Dass einer wie Markus Fothen, bei Gerolsteiner jahrelang selbst in der Kapitänsrolle unterwegs, nun als „unterstützender Fahrer“ in die zweite Reihe rückt und wie alle anderen für die beiden erklärten Stars fahren muss, soll kein Problem sein. „Jeder Fahrer hatte von Anfang an eine klare Ansage und wusste, was auf ihn zukommt“, sagt Ciolek. Die Stimmung sei gut, von Grüppchenbildung keine Spur. Van Gerwen setzt auf den Ehrgeiz der jungen Mannschaft: „Alle wollen noch etwas erreichen, alle haben noch im Kopf, einmal ein Star zu werden. Letztes Jahr waren welche dabei, die keine persönlichen Ziele mehr hatten.“

          Am Wochenende geht es los. Die Räder drehen sich, die Saison beginnt. Um Siege wird zwar schon seit ein paar Wochen geradelt - Quatar-Rundfahrt, Mallorca, Paris-Nizza, diese Woche noch Tirreno-Adriatico. Alles recht und schön, aber doch nur Ouvertüren. Das Konzert beginnt am Samstag mit dem fast 300 Kilometer langen Klassiker Mailand-San Remo, „La Primavera“, die Fahrt in den Frühling. „Die Eröffnung der Radsaison“, sagt van Gerwen, „alles andere ist Einrollen.“

          Ciolek als Hoffnungsträger

          Alle großen Teams werden präsent sein, und bei all der Publicity fehlt natürlich auch Armstrong nicht beim ersten großen Showdown in Europa. Mindestens zehn Fahrer haben eine Siegchance; wer gewinnen will, braucht neben einer perfekten Mannschaftsleistung die passende Tagesform. „Und alle Sterne müssen günstig stehen“, sagt van Gerwen. Sein Mann für die Zielgerade von San Remo ist Gerald Ciolek.

          Obwohl einer der schnellsten Männer im Peloton, stand der Kölner im vergangenen Jahr beim Team High Road im Schatten von Mark Cavendish. Der Brite war noch einen Tick fixer, gewann vier Tour-Etappen; für den Deutschen blieben bei seiner Frankreich-Premiere zwei zweite und zwei dritte Plätze. „Es war nicht einfach für mich“, sagt Ciolek. „Wir waren supererfolgreich, aber ich habe meine eigenen Erfolgserlebnisse vermisst.“ Nun ist er nicht mehr als Anfahrer für Cavendish gefragt, nun fährt er auf eigene Rechnung. „Die Verantwortung liegt jetzt bei mir.“ Cavendish ist für Ciolek Vergangenheit, zumindest im eigenen Team.

          Ein knapp 300 Kilometer langes Katz-und-Maus-Spiel - auch ohne Dopingjäger

          Jetzt also Mailand-San Remo: ein faszinierendes Rennen, ein knapp 300 Kilometer langes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ausreißern und Sprintern. 300 Kilometer! „In den ersten vier, fünf Stunden“, sagt Ciolek, „musst du den Kopf abschalten. Das Rennen beginnt erst bei 150, 200 Kilometern. Bis dahin heißt es mitfahren und so viele Körner sparen wie möglich.“ 30, 40, manchmal 70 Kilometer dauert es, bis das Katz-und-Maus-Spiel erst einmal beendet ist, bis sich eine Ausreißergruppe gefunden hat, mit deren Besetzung alle Teams leben können. Dass eine frühe Ausreißergruppe bis San Remo durchkommt, ist bei einem so großen Rennen wie Mailand-San Remo nahezu ausgeschlossen.

          Wenn die erste Gruppe steht, verläuft das Rennen erst einmal ruhig, dann kommt bei Kilometer 140 der erste Berg, der Passo del Turchino. Da gehen die Fahrer das erste Mal ans Limit, ebenso 50 Kilometer später am Le Manie, wo das Feld noch einmal auseinanderfällt. Aber es ist noch zu weit zum Ziel, deshalb läuft alles wieder zusammen und ordnet sich neu. „Man versucht, vor den Anstiegen vorne reinzufahren und sich dann ein bisschen durchreichen zu lassen“, sagt Ciolek, „aber nur so weit, dass man am Ende noch dabei ist“ - an Cipressa und Poggio, den beiden legendären kurzen Anstiegen vor San Remo.

          Was lässt sich planen? „Zumindest die letzten beiden Anstiege“, sagt Ciolek. „Dass man vorher sagt, da brauche ich noch ein oder zwei Helfer, die vor mir sind, mir bei der Abfahrt den Seitenwind nehmen, und dass man noch einen vor sich hat für die letzten 2000 Meter.“ Wenn alles läuft wie gewünscht, dann sind, wenn es über den Poggio geht, am Ende noch Christian Knees und Peter Wrolich bei Ciolek, vielleicht auch Gerdemann als Joker. Welche Fähigkeiten müssen die Helfer haben? „Man braucht einen, der ein gutes Auge hat, der ruhig vor einem fahren kann, der für den Hintermann mitdenkt, damit man dahinter nicht ein Loch nach dem anderen zufahren muss.“ Der einen durch das ganze Chaos und die Hektik auf die Zielgerade fährt. Das alles kann man planen. Wie es dann allerdings aussieht in der Realität, das ist eine andere Geschichte. Geschrieben wird sie am Samstag in San Remo.

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