https://www.faz.net/-gtl-11l5n

Team Milram : Die letzte Karte in der Radsport-Hand

Geriert sich als Anführer: Linus Gerdemann will keine „Schlampereien und Fehltritte” Bild: dpa

Mit Gerald Ciolek und Linus Gerdemann als Kapitäne startet das Team Milram in die Radsportsaison, als einziger deutscher Rennstall der ersten Kategorie. Manager Gerry van Gerwen beschwört pathetisch einen bevorstehenden Kulturwandel - und verlangt Erfolge.

          3 Min.

          Vechta, Reiterwaldstadion, ein vielversprechender Anfang: So sieht es jedenfalls der Monopolist in Blau, das Team Milram, der einzige deutsche Radrennstall der ersten Kategorie. Er möchte den Radsport gewissermaßen ganzheitlich betreiben, zu jeder Jahreszeit präsent sein. Da kam es ihm natürlich sehr gelegen, dass Paul Voß gleich von sich reden machte. Ein bisschen zumindest, bei einem Querfeldeinrennen unlängst in Vechta. Voß war dort der Schnellste, er ist einer der Neuen bei Milram, er wird als deutsche Nachwuchshoffnung bezeichnet.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Überhaupt ist Milram inzwischen sehr deutsch, 17 deutsche Profis stehen bei diesem Team unter Vertrag, das einst starke italienische Züge trug. Am Mittwochmittag wurde in einem Dortmunder Hotel viel über diesen Wandel gesprochen, Milram stellte dabei sein neues Gesicht vor, und der Niederländer Gerry van Gerwen sagte, dass er schon ein bisschen stolz sei. Er ist der Teamchef, und er glaubt jetzt eine „schöne Mannschaft“ zu haben.

          Gerdemann und Ciolek die neuen Kapitäne

          Vielleicht wird man künftig nicht mehr allzu viel von Voß hören, er wird sich im Straßenmetier noch entwickeln müssen. Andere sollen künftig Stärke zeigen, bei Klassikern und Rundfahrten, allen voran Linus Gerdemann und Gerald Ciolek. Sie sind in der Ära nach Erik Zabel die neuen Kapitäne von Milram, sie sollen sich in harten Zeiten als Identifikationsfiguren beweisen. Beide kamen vom Team Columbia, dem T-Mobile-Nachfolger.

          Ansprache beim Dessert: Manager Gerry van Gerwen verlangt saubere Arbeit - und verlangt Siege von spezieller Qualität

          Für Gerdemann hatte van Gerwen vermutlich eine Ablösesumme zahlen müssen, schließlich hatte der Münsteraner noch einen Kontrakt bis Ende 2009. Dass er Gerdemann verpflichten konnte, erfüllt den Geschäftsmann van Gerwen mit besonderer Genugtuung. „Viele haben gedacht“, sagt der Niederländer, „dass ich das nicht schaffe.“ Aber Gerdemann hatte ja auch unbedingt wechseln wollen, er will sich auf dem deutschen Markt präsentieren, das soll seiner Reputation förderlich sein.

          Van Gerwen sprach sehr pathetisch von Kulturumbruch

          Und natürlich vergisst er nicht zu erwähnen, dem krisengeplagten, von Doping-Affären erschütterten Radsport zu neuer Glaubwürdigkeit verhelfen zu wollen, der Sprinter Ciolek will dazu selbstredend auch seinen Beitrag leisten. Er sei schließlich, sagt Ciolek, mit Radsport-Deutschland groß geworden. Da dürfe man nicht tatenlos zusehen, „dass bei uns alles aufgegeben wird“.

          Milram also, das in Dortmund eine Teamzentrale eingerichtet hat, will den deutschen Radsport durch eine schwierige Phase führen. Van Gerwen betont, dass dies eine „riesige Verantwortung“ sei, jeder sei sich dessen bewusst. Er sprach sehr pathetisch von einem bevorstehenden Kulturumbruch. Van Gerwen soll den Rennfahrern schon bei einem Treffen Ende des vergangenen Jahres ins Gewissen geredet haben.

          Ansprache beim Dessert

          Markus Fothen, einer der Profis, die vom untergegangenen Team Gerolsteiner geholt wurden, erzählt von einer Ansprache des Niederländers beim Dessert: „Wir haben die letzte Karte in der Hand. Reißt euch zusammen.“ Der Landwirtsohn Fothen wähnt sich gut aufgehoben bei seiner neuen Equipe, er weist auf einen „erfolgreichen Stamm“ von jungen Profis hin. Das Niveau, behauptet er, sei besser als früher bei Gerolsteiner. Van Gerwen schätzt das offenbar genauso ein, er hält etwa 25 Siege in dieser Saison für möglich, darunter einige von spezieller Qualität. „Das erwarte ich.“

          Milram soll in der Lage sein, „überall mitzumachen“, bei jedem Rennen die Initiative zu ergreifen, auch bei der Tour de France. Da baut der niederländische Teameigner, der vor seiner Radsportlaufbahn als Koch gearbeitet hatte, in erster Linie auf den Frontmann Gerdemann. Es wäre nicht schlecht, sagt van Gerwen, „wenn er mal eine Etappe gewinnen oder ein paar Tage das Gelbe Trikot tragen würde“.

          Der Hauptgeldgeber prüft sein Engagement

          Gerdemann hat da schon seine Erfahrungen. „Ich habe meine Erfolge, und ich habe sie auf saubere Art erreicht“, sagt Gerdemann, der sich schon in Dortmund als Anführer gerierte mit den Worten: „Es darf keine Schlampereien und Fehltritte geben. Der Weg ist eindeutig. Wenn wir ihn nicht einschlagen, hat der Radsport in Deutschland keine Chance.“

          Es wird bereits im kommenden Juli wohl auch um die Zukunft des Teams Milram gehen. Zwar gibt es mit dem Hauptsponsor, der Bremer Nordmilch AG, eine Vereinbarung bis Ende 2010. Doch der Hauptgeldgeber hat bereits angekündigt, sein Engagement im Radsport immer wieder zu überprüfen, er hatte das auch vor einigen Wochen getan. Das waren, so van Gerwen, unruhige Tage, die auch die Profis mit Sorge erfüllt hatten.

          „Ruhe und Radfahren“

          Ein Mann wie Fothen äußerte zwar Verständnis für das Vorgehen von Nordmilch. „Die haben berechtigte Ängste. Sie wissen nicht, was auf sie noch lauert.“ Und doch riet er dem Finanzier auch, die Flinte nicht ins Korn zu werfen. „Ich würde denen nahelegen, dass man erst mal abwartet.“ Das neue Team Milram darf sich bewähren. Die Milchmänner aus Bremen, die schätzungsweise acht Millionen Euro pro Saison in den Radsport investieren, haben ihr Einverständnis gegeben. Und sie machten in Dortmund noch einmal klar, was ohnehin selbstverständlich ist: Wer dopt, fliegt. Van Gerwen, vermeintlich beseelt von Aufbruchstimmung, beschreibt die aktuellen Anforderungen so: „Ruhe und Radfahren.“ Auf einem Nebenschauplatz hat das schon mal geklappt.

          Weitere Themen

          Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß Video-Seite öffnen

          „Ich habe fertig“ : Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß

          Seit 1970 war Hoeneß als Spieler, Manager oder Präsident beim FC Bayern tätig und wurde in dieser Zeit zu einer polarisierenden Persönlichkeit des deutschen und internationalen Fußballs. Am Freitag war es für den Weltmeister von 1974 an der Zeit, zu gehen.

          Topmeldungen

          Yasmina Reza

          Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

          Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.