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TBV Lemgo : Ein Traditionsklub in Not

  • -Aktualisiert am

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Im Mai 2010 gewann der TBV Lemgo den EHF-Pokal, nun ist er in großer Not Bild: picture alliance / dpa

Wem gehört der TBV Lemgo? Vor der Gesellschafterversammlung ist die Eigentümerlage wegen der Privatinsolvenz des ehemaligen Geschäftsführers Fynn Holpert ungeklärt.

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          Der Ort verspricht Transparenz. Ins „Lichtforum“ einer Lemgoer Designfirma haben die Verantwortlichen des Handball-Bundesligavereins TBV Lemgo GmbH & Co. KG für den 6. März zur Gesellschafterversammlung geladen. Der Beirat um seinen Vorsitzenden Siegfried Haverkamp will laut Tagesordnung darum bitten, die Erhöhung des Gesellschaftskapitals bis zu einem Betrag von sechs Millionen Euro auch ohne Zustimmung der Kommanditisten beschließen zu dürfen. Klingt nach einer Formalie. Doch der Hintergrund dieses Antrags könnte dramatische Züge annehmen für den Traditionsklub, der 2011 seinen 100. Geburtstag feierte.

          Der TBV, vor zehn Jahren der gefeierte „TBV Deutschland“, gespickt mit Stars wie Daniel Stephan, Christian Schwarzer oder Markus Baur, befindet sich in stürmischer See. Im Juni 2012 klaffte ein Loch von 1,4 Millionen Euro im Etat des Klubs. Und mit Fynn Holpert und Volker Zerbe verließen die beiden Geschäftsführer den Klub im letzten Herbst. Holpert wurde die Kopie eines 200-Millionen-Euro-Schecks zum Verhängnis, den er mit dubiosen Geschäftspartnern der Sparkasse Lemgo vorlegt hatte; die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des Betrugs und der Urkundenfälschung. Zerbe wurde im September vom Beirat vorgeworfen, den Klub um einen Betrag in sechsstelliger Höhe geschädigt zu haben, eine Strafanzeige gegen das Idol, das mit dem Aufstieg des TBV seit den 1980er Jahren untrennbar verbunden war, folgte. Zum Stand beider Verfahren will sich die Staatsanwaltschaft Detmold nicht äußern. Damals sprach Beiratschef Haverkamp pathetisch von einem „Tag der Offenbarung“.

          Haverkamp selbst allerdings spielt auch gegenüber den Eigentümern des TBV nicht immer mit offenen Karten. So war bei der letzten Gesellschafterversammlung am 14. November in Bielefeld nicht davon die Rede, dass kurz zuvor die Kommanditanteile der Heristo AG, die als Teilhaber und Großmäzen des TBV im Sommer 2011 ausgestiegen war, in Höhe von 2,142 Millionen Euro auf eine TBV Lemgo Beteiligungs-GmbH übertragen worden waren - laut Haverkamp für den symbolischen Betrag von einem Euro. Und dass diese GmbH laut aktuellem Handelsregisterauszug allein dem damals schon demissionierten Fynn Holpert gehört und auch von ihm als Geschäftsführer geführt wird.

          Doch noch die Mehrheit

          Ein Problem ist das für den Klub in zweierlei Hinsicht. Zum einen hält der ehemalige Geschäftsführer Holpert, ebenfalls ausweislich des Handelsregisters Lemgo, über die TBV Lemgo Beteiligung-GmbH mit knapp 49 Prozent des nominellen Stammkapitals faktisch die Mehrheit an der TBV Lemgo GmbH & Co KG, weil nur einer der zahlreichen Klein-Anteilseigner bei der Abstimmung fehlen müsste.

          Noch prekärer allerdings ist heute für den Klub, dass Holpert inzwischen pleite ist; am 5. Februar eröffnete das Amtsgericht Detmold das vorläufige Insolvenzverfahren über das Vermögen Holperts. Und deswegen müssen die TBV-Verantwortlichen nun befürchten, dass Insolvenzverwalter Frank Neumann den Handball-Bundesligaverein mitregiert.

          Holpert sagte auf Anfrage, dass ihm die Anteile schon längst nicht mehr gehörten. Er habe sie, da seine persönlichen Schwierigkeiten abzusehen gewesen seien, dem Steuerberater Marc Golüke (Bad Salzuflen) „übertragen im Rahmen meiner Demission als Geschäftsführer beim TBV, um Schaden von dem Verein abzuwenden“. Golüke, der am 6. März über die Finanzen des TBV berichten will, bestätigt auf Anfrage, dass Holpert inzwischen nicht mehr an der TBV Lemgo GmbH & Co KG. beteiligt sei. Wer die neuen Inhaber sind, will Golüke nicht sagen. TBV-Geschäftsführer Christian Sprdlik erklärt: „Die Anteile sind übertragen worden und werden verwaltet und sollen veräußert werden.“ Im Handelsregister Lemgo liegt jedoch keine Neueintragung vor. Das Rätsel lautet: Wem gehört aktuell der TBV Lemgo?

          In Not: Fynn Holperts Privatinsolvenz  kann Folgen für den TBV Lemgo haben

          Der Klub muss damit rechnen, dass auch der Insolvenzverwalter diese Frage aufklären will und womöglich stattgefundene Anteilsverkäufe rückabwickelt. „Ich bin, wie alle Insolvenzverwalter, beauftragt, möglichst viel Geld für die Masse zu holen. Und wenn sich Anhaltspunkte dafür ergeben, bin ich da“, sagte Neumann dieser Zeitung.

          Und die Fragen, die in diesem Fall automatisch auftauchen, könnten sehr unangenehm werden für Haverkamp und damit für den ganzen Klub. Schließlich weiß der TBV-Beiratschef schon länger von den finanziellen Problemen Holperts. Diese tangierten ihn nicht, erklärte er noch im September. Ob er schon im November 2011 davon Kenntnis hatte, als im TBV-Gesellschaftsvertrag ein Passus eingebaut wurde, wonach ein insolventer Kommanditist ausgeschlossen werden dürfe, dürfte den Insolvenzverwalter ebenfalls interessieren. „Ich bin entspannt“, sagt TBV-Geschäftsführer Sprdlik trotz des Menetekels. Ob die Gesellschafter des Klubs das ähnlich sehen, wird er am 6. März im Lichtforum erleben.

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