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Surfen : Windsurfer fühlen sich „geopfert“

  • -Aktualisiert am

Passion Windsurfen: Björn Dunkerbeck in Aktion vor Sylt Bild: pixathlon / HZ

Surf-Superstar Björn Dunkerbeck will nicht akzeptieren, dass der Internationale Segelverband seinen Sport für das telegenere Kitesurfen aus dem olympischen Programm nimmt.

          Björn Dunkerbeck ist immer noch empört, wenn er an den 5. Mai 2012 und an seine Folgen denkt: „Es war wie ein Überfall“, sagt er, „sie haben dem Windsurfen einfach den olympischen Status geklaut.“ 19 Council-Mitglieder des Internationalen Segelverbandes (das sind Abgesandte der Mitgliedsländer) waren bei der Tagung nahe dem Lago Maggiore dafür, einen neuen Segel-Wettbewerb bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio auszuprobieren: das Kitesurfen. 17 Abgeordnete stimmten für das olympische Windsurfen der Klasse RS:X. Das bedeutete das Aus für eine Sportart, die seit 1984 olympisch war. Angekündigt hatte sich der Entscheid gegen das Kursrennen mit Brett und Segel nicht.

          Doch weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) mehr auf junge, hippe und telegene Sportarten setzen will, um die „Jugend der Welt“ anzusprechen, reagierte der Welt-Segelverband Isaf und verbannte das Windsurfen - wohl, weil ihm das Kiten mit seinem jugendlichen Image passender erschien. Dunkerbeck drückt es so aus: „Nur weil sie zwanzig bunte Kites haben wollen, um damit das Segeln zu retten, weil es im Fernsehen gut aussieht, haben sie Windsurfen geopfert - das ist absurd.“

          Dunkerbeck kämpft um seine Sportart

          Dunkerbeck ist 43 Jahre alt und neben Robby Naish die Windsurf-Legende schlechthin. Er habe überhaupt nichts gegen das Kiten, behauptet er, doch schon der reine Zahlenvergleich macht es seiner Meinung nach sinnlos, fortan auf Kiten zu setzen: „Es geht doch bei Olympia darum, die besten Sportler zusammenzubringen. Es geht nicht darum, aus Krampf etwas Neues zu machen: Weltweit gibt es mehr als 1000 Windsurfer, die auf hohem Niveau surfen. Aber es gibt nur ein paar Dutzend, die auf höchstem Niveau kiten.“

          Dunkerbeck kämpft um seine Sportart. Er steht an der Spitze einer Bewegung, die von vielen olympischen Windsurfern im besten Alter getragen wird, die plötzlich um ihre Zukunft bangen. Sie üben mit Internetpetitionen und Facebook-Einträgen derzeit Druck auf die Isaf aus - mit Erfolg: Beim nächsten Kongress vom 1. bis 11. November in Dublin steht die Sache Surfen versus Kiten wieder auf der Tagesordnung.

          Der Internationale Windsurfverband soll vor dem Council seine Position vortragen, für die Wiedereingliederung werben dürfen. Die Isaf scheint ein schlechtes Gewissen zu haben, denn eines ihrer Mitglieder, der spanische Verbandspräsident Gerardo Seeliger, hat zugegeben, bei der Wahl „falsch abgestimmt“ zu haben. Er habe wohl auf den falschen Knopf gedrückt - für das Kiten. Allerdings ist es kaum vorstellbar, dass Seeliger, ein Universitätsprofessor mit 30 Jahren Segelerfahrung, sich bei einer solch schwerwiegenden Entscheidung geirrt hat. Spanien ist eine Windsurfnation, und wahrscheinlich hat der spanische Segelverband nachträglich Druck auf ihn ausgeübt. Der deutsche Verbandspräsident Rolf Bähr stimmte übrigens für RS:X.

          Holger Hennschen vom Sailing Team Germany (STG) - dort sind die deutschen Spitzensegler versammelt - kann sich nicht vorstellen, dass Seeliger „falsch“ abgestimmt hat, er sagt: „Bei der Abstimmung im Mai ist alles mit rechten Dingen zugegangen.“ Hennschen wurde im Juni extra eingestellt, um die deutsche Nationalmannschaft im Kitesurfen aufzubauen - mit Ziel Rio 2016. Natürlich schaut er interessiert auf die Isaf-Verbandstagung in Dublin. Für die Abteilung Kiten im STG wäre es ein Schlag ins Gesicht, sollte es im November zur Rolle rückwärts kommen und das Windsurfen den olympischen Status zurückerhalten. Allerdings geht niemand davon aus. Nur wenn es im Council eine Zweidrittelmehrheit für eine Neuabstimmung gäbe, würde neu gewählt. „Wir gehen davon aus, dass Kiten olympisch bleibt“, sagt Hennschen. Der Wunsch beider Lager wird kaum zu erfüllen sein: „Meine Empfehlung ist: Windsurfen bleibt drin, und Kitesurfen kommt rein“, sagt Dunkerbeck. Dazu wird es nicht kommen, denn das IOC will nur zehn Segelwettbewerbe. Und die wären mit dem Kiten erreicht.

          Jugendträume der Olympier? Die Kitesurfer sollen 2016 in Rio mehr Farbe in die Sommerspiele bringen Bilderstrecke

          Etwas merkwürdig findet man die Knall-auf-Fall-Entscheidung der Isaf auch beim Sailing Team Germany. Wäre Windsurfen erst zu den Spielen 2020 für Kiten aus dem Programm geflogen, hätten die einen mehr Zeit zur „Abwicklung“ gehabt und die anderen mehr Zeit zur Vorbereitung. Denn jetzt muss alles ziemlich schnell gehen. Beim STG setzt man seit Sommer voll auf die Karte Kiten - ohne das Surfen zu vergessen. Am nächsten Wochenende findet bei Kiel ein erster Sichtungslehrgang für die Kite-Nationalmannschaft statt. Dann werden Moana Delle und Toni Wilhelm, die beiden deutschen RS:X-Olympiastarter, auch dabei sein. Hennschen sagt: „Wir richten uns ausdrücklich auch an Windsurfer. Wir fühlen uns denjenigen gegenüber verpflichtet, die seit acht oder zehn Jahren surfen und denen nun ihre Sportart weggenommen wird.“

          Aufs falsche Pferd gesetzt

          Doch steht die kuriose Umschulung vom Segel zum Drachen auch für pure Not: Zwar hat das Kiten seit Jahren einen größeren Zulauf als das Windsurfen, doch gibt es in Deutschland kaum eine Handvoll Kitesurfer, die bei den Weltcup-Wettbewerben im Kursrennen vorn dabei sind. Für viele junge Lenkdrachenartisten ist Kursrennen ein Abfallprodukt. „Die olympischen Spiele sind für mich kein Ziel“, sagt der beste deutsche Freestyler, Mario Rodwald. Rodwald will nicht weit draußen auf dem Meer um Bojen kiten, sondern am Spülsaum Tricks und Sprünge vorführen. Doch weil die Isaf keinen Wettbewerb will, der von Kampfrichterentscheidungen abhängt, und die Kursrennen auch bei wenig Wind gefahren werden können, fiel die Wahl auf das sogenannte Racing. Dass Isaf und IOC den unattraktivsten Teil des Kitens eingekauft haben, beleuchtet niemand aus dem Surfer-Lager kritisch: Für sie gilt ja schon seit 1984, dass sie dem olympischen Publikum ihr Prunkstück vorenthalten, das Wellenreiten. Gleichgültig also, ob Kiten, Surfen oder beides: Aufs falsche Pferd wurde in jedem Fall gesetzt.

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