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Nordkorea : Surfen im Schurkenstaat

  • -Aktualisiert am

Ein Stückchen heile Welt: Auch in Nordkorea liefert das Surfen schöne Bilder Bild: Markos Aristides Kern

Das Regime von Kim Jong-un will den Tourismus in Nordkorea ausbauen. Der Münchner Künstler Markos Aristides Kern kommt da gerade recht. Er bringt die ersten Wellenreiter in die Diktatur im Osten Asiens.

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          Markos Aristides Kern hat eine Menge Dinge gemacht, die andere für reichlich verrückt halten. Der 33 Jahre alte Münchner hat als Videokünstler angefangen, jetzt inszeniert er mit seiner Agentur „Visual Drugstore“ weltweit Räume und Landschaften, leuchtet sie aus, bespielt sie mit Projektionen, erschafft Welten aus Schall, Raum und Licht wie den MOOK-Club in Schanghai.

          Oder er ist mit seinem so getauften Multimedia Offroad Vehicle unterwegs, einem umgebauten Raketenwerfer der Bundeswehr, mit ihm bringt er spielerische Projektionen auf die Straße, Marketing- oder Guerrilla-Aktionen, was auch immer der Kunde will. Kern ist der Prototyp des Kreativen, Weltfirmen wie BMW, Porsche oder Hugo Boss buchen ihn, er hat den Zwinger in Dresden bespielt und die Wiener Karlskirche, einen Tafelberg in der Sahara und einen Eisberg in der Antarktis.

          Grenzen? Gibt es nicht!

          Grenzen? Gibt es für ihn nicht. Kern, der Vielflieger, ist rastlos unterwegs, am liebsten in Asien, immer auf der Suche nach Neuem, Ungewöhnlichem, nach der Sensation. Und weil er auch begeisterter Hobbysurfer ist, hat eine Bekanntschaft im vergangenen Jahr in China zu einem Projekt geführt, das ausnahmsweise nicht mit Kunst zu tun hat, sondern mit Wellenreiten. Aber natürlich nicht schnöde in Bali oder Sri Lanka oder Hawaii, sondern in Nordkorea, wo Diktator Kim Jong-un mit aller Brutalität regiert.

          Surfen im Schurkenstaat - Kern fand das ein gute Idee, als er in China Andrea Lee kennenlernte. Die Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln organisiert mit ihrer Reiseagentur Uri-Tours von New Jersey aus seit Jahren Trips nach Nordkorea, das trotz extremer Abschottung rund 100.000 Touristen im Jahr empfängt, der Großteil aus der Volksrepublik China und rund 5500 aus Europa. Auch für eine weitgehend isolierte Diktatur wie in Nordkorea ist der Tourismus wichtig, er bringt ein paar Devisen ins Land. Bis 2017 wollen die Nordkoreaner die Zahl der zahlenden Besucher verzehnfachen, bis 2020 sollen es zwei Millionen Touristen werden, das ist das Ziel, das aus Pjöngjang vorgegeben wird. Es klingt reichlich ehrgeizig, und vielleicht liegt es auch daran, dass die Surfer um Kern jetzt so herzlich willkommen geheißen wurden. „Es hätte ja auch sein können“, sagt Kern, „dass sie gedacht hätten, wir haben eine Vollmeise, als wir mit unseren Brettern angekommen sind.“

          Eine Polizistin in Pjöngjang
          Eine Polizistin in Pjöngjang : Bild: Markos Aristides Kern

          Vor drei Monaten war Kern zum ersten Mal ins Land gereist, hatte sich umgeschaut, soweit dies möglich war, und war begeistert. Gemeinsam mit Andrea Lee beschloss er, im Spätsommer wiederzukommen, mit ein paar Surfern, um an der weitgehend unerschlossenen Ostküste nach Wellen zu suchen und nach Kontakt zu den Menschen. Vier Tage habe es gedauert, bis die nordkoreanische Tourismusbehörde die Reise genehmigt habe, sagt er. 2000 Dollar kostete sie für jeden Teilnehmer, nicht die Welt für ein Surfabenteuer fernab der Touristenströme.

          Mitte September sitzt Kern in einem Hotel am Majon Beach, ein paar Kilometer von Hamhung entfernt, der zweitgrößten Stadt Nordkoreas mit 700.000 Einwohnern. Er ist per Skype zu erreichen. Problemlos, wie er betont. Viel problemloser als zum Beispiel in China sei der Zugang zum Internet. Facebook, Twitter, Instagram, Skype, Whatsapp seien genau wie alle wichtigen westlichen Websites zu erreichen, überhaupt sei alles noch viel besser als erwartet. Die Gegend, sagt Kern, sei unglaublich schön. Erst waren sie in den Bergen, Stand-up-Paddling auf unberührten Flüssen und Bergseen. Jetzt sind sie am Majon Beach. Die Wellen sind nicht groß hier, aber sie sind genau richtig, um Surfen zu lernen, und das war das Ziel der Aktion: Das Surfen wollten sie nach Nordkorea bringen, es den Menschen zeigen, etwas aufbauen, etwas hinterlassen, das die Isolation des Landes vielleicht einen Millimeter kleiner werden lässt.

          Gerade hat das Komitee für Menschenrechte in Nordkorea einen Bericht veröffentlicht, der vom Ausbau der GULags berichtet. Ein solches Internierungs- und Umerziehungslager soll es auch in der Nähe von Hamhung geben. Immer mehr Frauen, heißt es in dem Report, würden in die Lager gebracht, Frauen, die nach China geflohen waren und von den dortigen Behörden nach Nordkorea ausgeliefert wurden. Darf man in einem solchen Land Urlaub buchen, darf man da auf cool machen und surfen? Darf man die Augen verschließen vor grauenhaften Menschenrechtsverletzungen? Vor Folter, Arbeitslagern, Erschießungen? Vor Hunger, Verfolgung, Zwangsarbeit?

          Kern ist kein politischer Mensch. Natürlich wisse er, „dass es in Nordkorea Dinge gibt, die weit davon entfernt sind, zumutbar zu sein“. Aber er sei eben am liebsten fernab der touristischen Ecken auf Entdeckungstour, „dort, wo es anders ist“. Und anders ist Nordkorea, das zumindest kann man dem Land nicht absprechen. „Wenn man sich etwas vor Ort anschauen kann“, sagt Kern, „dann schaue ich es mir an.“ Die Menschen beschnuppern, sich mit ihnen unterhalten, „ein paar Leuten etwas Gutes tun“, ihnen das Surfen beibringen, wenn sie Lust drauf haben, „eine Kommunikation starten mit einem neutralen Thema“. Doch Kommunikation mit wem?

          Zu acht waren sie unterwegs auf ihrem „Exploration Trip“, acht ausländische Surf-Touristen, Kern war der einzige Deutsche, dazu erst fünf Locals, dann acht, „und dann haben wir den Überblick verloren, so groß war der Andrang“. Natürlich war es nicht so, dass die Menschen aus Hamhung herbeiströmten, um das Surfen zu probieren, die „Locals“, das waren in der Hauptsache Angestellte des Hotels und Leute vom Tourismusbüro, treue Begleiter auf der Reise, die auch als freundliche und gut geschulte Aufpasser fungierten.

          Wie geht es weiter? Kern ist Feuer und Flamme. Die Surfbretter hat er am Majon Beach gelassen, das Hotel wird einen Verleih einrichten, für 50 Won, umgerechnet 33 Cent, sind die Boards zu haben. Das Angebot soll beworben werden, und im nächsten Jahr will Kern von Mitte April bis Oktober Surftrips anbieten, verschiedene Pakete mit Ausflügen in die Städte und Berge. Zwei Angestellte aus dem Hotel, einen Mann und eine Frau, will er in Hainan in China als Surfinstruktoren schulen lassen. In Europa will er gebrauchte Boards und Neoprenanzüge sammeln und an den Majon Beach schaffen - für die erste nordkoreanische Surfschule. Und wenn der Diktator zur Eröffnung käme? „Warum nicht“, sagt Kern. „Dann würden zwanzig Millionen Nordkoreaner im Staatsfernsehen von unserem Projekt erfahren.“

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