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Ärger im Badminton : Mehr „Anhängsel“ statt zusätzliche „Attraktion“

  • -Aktualisiert am

Meister: Mark Lamsfuß Bild: picture alliance / Xinhua News Agency

Das Experiment des Verbandes misslingt: Die bewusst gewählte Nähe des Meisterschaftsfinales zum Tennisturnier in Stuttgart kritisierten Sieger wie Verlierer. Und doch soll das Projekt eine Zukunft haben.

          2 Min.

          Sie lachten und feierten wie nie zuvor, die Badmintonspieler des 1. BC Wipperfeld. Zum ersten Mal darf sich die Mannschaft aus dem Oberbergischen deutscher Meister nennen, nach einer famosen Aufholjagd gegen den entthronten Titelverteidiger 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim. „Es war eine krasse Drucksituation“, sagte Mark Lamsfuß, der im gemischten Doppel mit Jenny Moore den entscheidenden Punkt zum 4:3-Sieg gewann, nachdem Wipperfeld angesichts eines zwischenzeitlichen 1:3-Rückstands das Aus vor Augen hatte.

          Thomas Klemm
          Sportredakteur.

          Der Premierentitel für den Favoriten, das passte zu all den Neuerungen in der zu Ende gegangenen Bundesligaspielzeit. In der Punkterunde waren elf statt zehn Mannschaften zugelassen, als Folge der wegen Corona radikal verkürzten Vorsaison. Vor allem wurde das Finalturnier der besten vier Teams an einem neutralen Ort ausgetragen, und zwar in Stuttgart parallel zum hochkarätig besetzten Damen-Tennisturnier.

          Was dazu führte, dass der Termin für das Final Four nicht nur ungewöhnlich spät, sondern auch ziemlich unglücklich gewählt war. Eine Reihe von Spielern kam direkt aus Dänemark angereist, wo in den Tagen zuvor das landeseigene Final Four ausgetragen worden war. Und unmittelbar nach dem Stuttgarter Finale stiegen die meisten Teilnehmer gleich wieder ins Flugzeug, überwiegend mit Richtung Madrid zu den Europameisterschaften.

          Die in der Bundesligasaison ungeschlagene Iris Wang vom SV Fun-Ball Dortelweil hatte als Staatsbürgerin der Vereinigten Staaten sogar einen 18-Stunden-Flug nach El Salvador zu den panamerikanischen Meisterschaften vor sich – sieben Stunden Zeitverschiebung inklusive. „Der Final-Four-Termin ist kompletter Irrsinn“, sagte Kai Schäfer, der Mannschaftsführer des hessischen Aufsteigers Dortelweil, der im Halbfinale 3:4 an Bischmisheim scheiterte. Doppelspezialist Lamsfuß sah sich um einen würdigen Abschluss gebracht. „Unsere Siegesfeier fällt aus, weil wir alle sofort abreisen.“

          „Wir sind sehr zufrieden“

          Den Funktionären war die Spieler-Hatz zwar bewusst gewesen, als sie das Bundesligafinale spät nach Stuttgart vergaben. Doch zu groß erschien die Verlockung, sich an das traditionsreiche ProfiTennisturnier zu docken und damit etwas Glanz abzubekommen. Erwartungsgemäß lobte der Deutsche Badminton Liga Verband (DBLV) seine Entscheidung. „Tolle Spiele, super Atmosphäre – wir sind sehr zufrieden“, sagte DLBV-Präsident Arno Schley. Den Unmut der Spieler über die Ansetzung kurz vor der EM mochte Schley nicht nachvollziehen: „Als Profis touren sie doch das ganze Jahr durch die Welt.“

          Obwohl eine Reihe von Weltklassespielern auf dem Feld stand, konnte Badminton in der Schleyer-Halle kaum vom Tennis in der benachbarten Porsche Arena profitieren. Wipperfeld, Bischmisheim, Lüdinghausen und Dortelweil sind Namen, die auf sportverwöhnte Schwaben eher provinziell, wenig anziehend wirken. So blieb die Badmintonszene – am Samstag 4000 beim Tennis-Halbfinale, etwa 400 beim Badminton-Endspiel – weitgehend unter sich.

          Die Vermischung reichte oft nur in den Übergang von der einen Halle zur anderen – zum Essen und Trinken. Und das, obwohl sich Markus Günthardt, Direktor des Tennisturniers, mächtig ins Zeug gelegt hatte für die andere Rückschlagsportart: „Wenn du Tennis magst, magst du auch Badminton.“

          Der Bohei kam nicht überall gut an. Viele Badmintonspieler empfanden sich mehr als Anhängsel und nicht als eine „zusätzliche Attraktion“, wie von Günthardt versprochen. „Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind“, kritisierte Schäfer, weil der Saisonhöhepunkt praktisch zum Rahmenprogramm abgewertet wurde: „Man hatte das Gefühl, es sollte allen erklärt werden, dass Badminton nicht einfach Federball ist, sondern eine professionelle Sportart“, zeigte sich Lamsfuß irritiert.

          Sosehr das Drumherum – zwei Felder im Rampenlicht, auf denen parallel gespielt wurde – einem Turnier dieser Güte würdig war: Noch stimmungsvoller wäre es wohl gewesen, wenn das Final Four nicht an einem Ort ausgetragen worden wäre, wohin alle Beteiligten aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland reisen mussten, sondern an einen der Teilnehmer vergeben worden wäre. Für Lamsfuß ist Stuttgart noch nicht verloren: Mit ein paar Verbesserungen könnte das Ligafinale zu einem „super Event“ werden. Was dafürspricht: Beim Badminton ging es am Wochenende deutlich lebhafter zu als nebenan beim Tennis, wo es immerzu hieß: Ruhe bitte.

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