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Snooker : Dank Fouls zum Weltmeistertitel

Der Beste mit Queue, Weste und Fliege: Stuart Bingham ist neuer Snooker-Weltmeister Bild: AFP

Fast aus dem Nichts stürmt Stuart Bingham zu seinem ersten Sieg bei der Weltmeisterschaft im Snooker. Im „Gentleman Sport“ unter den Billardvarianten siegt er in einem dramatischen Finale – auch wegen des größeren taktischen Geschicks und der nötigen Geduld.

          3 Min.

          Stuart Bingham und Shaun Murphy standen bei der 78. Snooker-Weltmeisterschaft im traditionellen Austragungsort des Crucible Theatre in Sheffield bereits mehr als acht Stunden abwechselnd am Snooker-Tisch. Ihr zwei Tage und vier Sessions währender Wettstreit gegeneinander und vor allem auch mit den 15 roten und sechs farbigen Kugeln zehrte an den mentalen Kräften der beiden Widersacher. Anfangs war der ehemalige Weltmeister Murphy einmal vier Frames davongezogen, was ein erheblicher Vorteil auf dem Weg zum für den Titel nötigen Gewinn von 18 einzelnen Spielen war. Aber Bingham, der es als Außenseiter und ohne eine allzu bemerkenswerte Erfolgsgeschichte in seinen bislang 20 Jahren als Profi nach Siegen gegen die Superstars Ronnie O'Sullivan und Judd Trump bis ins Endspiel geschafft hatte, schlug zurück.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die letzte Abendsession des Turniers eröffnete er schließlich mit einer 14:11-Führung. Doch auch dieser Zwischenstand war zwei Stunden später dahin: Murphy glich zum 15:15 aus und plötzlich bewies das Spiel Snooker, warum es so heißt: „to snooker“ lässt sich am besten übersetzen mit „jemanden in eine schwierige Situation bringen“. Und genau das taten die beiden englischen Protagonisten einer denkwürdigen Finalbegegnung fortan über eine Stunde lang.

          Defensive entscheidet Offensivspektakel

          Während die Frames dieser 78. Weltmeisterschaft im Schnitt weniger als eine Viertelstunde dauerten, sollte dieses eine Spiel dank herausragender Defensivtaktiken beider Spieler die vielen Millionen Zuschauer vor allem an englischen Fernsehgeräten, gemäß offizieller Zeitnahme, genau 63 Minuten und 31 Sekunden lang in den Bann ziehen. Und das am Ende einer Weltmeisterschaft, die als Offensivspektakel in Erinnerung bleiben wird: Die 32 Teilnehmer des Turniers erzielten die Rekordmarke von 86 Century-Frames, also einzelne Aufnahmen, bei denen mehr als 100 Punkte erzielt werden. Dafür muss ein Spieler mindestens 26 Kugeln (die farbigen Kugeln werden stets auf ihre Ausgangsposition zurückgelegt, solange noch rote Kugeln auf dem Tisch sind) in Serie perfekt einlochen, was eine fast übermenschliche Leistung ist bei den 3556 mal 1778 Millimeter großen Spielfeld, in Relation zu dem sich die Distanzen auf einem herkömmlichen Poolbillardtisch fast wie Golf zu MInigolf verhalten.

          Dezenter Jubel, wie es die Etikette verlangt: Bingham im Moment des Sieges Bilderstrecke
          Dezenter Jubel, wie es die Etikette verlangt: Bingham im Moment des Sieges :

          Die Entscheidung um den Weltmeistertitel aber fiel auf eine Weise, die als klassisch zu bezeichnen ist. Das ursprüngliche Wesen des Snooker besteht nämlich genau im Gegenteil des Offensivspektakels: Die Spieler nutzen die Regeln ihres Spiels, um dem Gegner das Spielen durch strategisches Positionieren der weißen Spielkugel zu erschweren. Gemäß der Regeln muss ein Spieler stets zuerst eine rote, lediglich einen Punkt zählende Kugel lochen, ehe er eine farbige, wertvollere spielen darf. Hinterlässt ein Akteur dem Gegner dank perfekter Plazierung des weißen Spielballs einen Tisch, auf dem er keine der verbliebenen roten Kugeln sauber direkt anspielen kann, so spricht man von einem Snooker. Der Gegner muss folglich über Bande oder mit einem Trickstoß eine rote Kugel anspielen und läuft Gefahr, durch Berührung einer verbotenen Kugel oder das versehentliche Lochen der Spielkugel ein Foul zu begehen, das mit mindestens vier Punkten geahndet wird. Der Gegner darf ihn diesen Stoß so lange wiederholen lassen, bis er regelkonform gelingt.

          Entscheidung nach der Toilettenpause

          Genau eine solche Situation entschied nun in jenem 31. Frame die Weltmeisterschaft: Bingham plazierte den Spielball derart geschickt hinter der schwarzen Kugel, dass Murphy siebenmal in Serie beim Versuch scheiterte, eine rote Kugel so anzuspielen, dass er es seinem Gegner wiederum nicht zu einfach macht, den Tisch abzuräumen. Das brachte Bingham 30 Punkte, die Murphy arg in Bedrängnis brachten. Später „snookerte“ Bingham seinen Rivalen abermals und entschied den Frame nach über einer Stunde und einer fairerweise vom Gegner gewährten und offenkundig sehr dringlichen Toilettenpause vor den entscheidenden Stößen für sich. Anschließend gewann Bingham gegen den sichtlich zermürbten Murphy auch die beiden weiteren Frames und siegte schließlich mit 18:15 nach gut zehn Stunden Spielzeit. Dank jener Fouls wurde Bingham Weltmeister.

          „Das ist der Lohn für 20 Jahre als Profi mit viel Blut, Schweiß und Tränen auf dem Weg“, sagte der 38 Jahre alte Bingham, der bis vor kurzem als Mitläufer der Profiszene galt, nun aber rund 400.000 Euro für seinen ersten Weltmeistertitel erhält. „Das 63-Minuten-Frame zur 16:15-Führung hat mir Ruhe verschafft.“

          Sein Gegner Murphy, 2005 im jungen Alter von 23 Jahren bereits erstmals Weltmeister, bewies im Moment einer bitteren Niederlage Größe. „Es gibt keinen Spieler, der es mehr verdient hätte als Stuart Bingham“, sagte er unter dem Applaus der Zuschauer im Crucible Theatre. Auch das nämlich steckt in dem Wort Snooker: Etikette, wie sie fast nur in England gepflegt wird. Die Spieler müssen Weste und Fliege tragen - uns sollten sich trotz fieser Störversuche auf dem grünen Wolltuch stets gut benehmen.

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