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Streit bei den Reitern : Geld oder Tierliebe?

  • -Aktualisiert am

Zu gefährlich: Auf dem schlammigen Untergrund wollten die Deutschen nicht starten Bild: dpa

Vor einer Woche verzichtete das Nationenpreisteam wegen der schlechten Platzbedingungen auf den Start in St. Gallen. Die Gesundheit der Pferde war wichtiger als Ruhm und Geld. Nun droht den Deutschen eine harte Strafe.

          Erstaunlich: Bei den deutschen Meisterschaften der Reiter, die regelmäßig in Balve im Sauerland stattfinden, hat es bis Samstag noch nicht geregnet. Trotzdem reden natürlich auch hier alle über die europäische Sintflut, nicht nur wegen der Fernsehbilder. Die deutsche Nationenpreismannschaft der Springreiter ist vor einer guten Woche in St. Gallen Opfer der massiven Regenfälle geworden, weil das Geläuf im Stadion Gründenmoos so tief geworden war, dass sie es nicht riskieren wollten, mit ihren Pferden zu starten.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Gesundheit der Pferde war ihnen wichtiger als Ruhm und Geld. Die himmlischen Sturzbäche waren aber nur der erste Teil des Problems für die Equipe von Bundestrainer Otto Becker. Die Reaktion der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (Fei) der zweite: Sie droht den Deutschen für ihren entschlossenen Schritt eine harte Strafe an. Wegen Nichtstarts sollen sie aus der Punktwertung der Nationenpreis-Serie gestrichen werden, würden damit das Finale in Barcelona verpassen, wo 1,5 Millionen Euro Preisgeld zu gewinnen sind, und außerdem in die zweite Liga absteigen, so dass sie auch im nächsten Jahr vom großen, von einem saudischen Sponsor gefüllten Geldtopf ausgeschlossen wären.

          Abbruch an Tag zwei

          “Wir haben gesagt, wir reiten nicht, ungeachtet aller Konsequenzen“, sagte Otto Becker in Balve. „Der Tierschutz hat oberste Priorität“, ergänzte Dennis Peiler, der Sportchef des Verbandes. In dieser Woche wird eine Entscheidung des Weltverbandes erwartet, die im Grunde auf eine einzige Frage reduziert werden kann: Geht es der Fei ernsthaft darum, Schaden von den Pferden fernzuhalten - oder ist das Geld wichtiger? „Das Wohl des Pferdes steht über allem“, heißt es sinngemäß im Verhaltenskodex der Fei, doch in St. Gallen war von diesem Grundsatz wenig zu erkennen. Tagelang hatte es geschüttet, aber diese Serie hat einen potenten Sponsor und soll deshalb auch die versprochene Fernsehpräsenz bringen.

          Schon am Vortag hatten sich die Equipechefs mit John Roche, dem Springsport-Direktor der Fei, zusammengesetzt und versucht zu erreichen, dass der Nationenpreis ausnahmsweise in nur einem Umlauf entschieden würde, aber der lehnte unter Berufung auf das Reglement ab. Am nächsten Morgen erklärten zunächst mehrere Nationen, dass sie nicht antreten wollten. Als Roche ihnen auseinandersetzte, welche drakonische Strafe ihnen dafür blühen würde, baten einige darum, mit ihren Zweitpferden antreten zu dürfen. „Pferd ist Pferd“, sagt Becker dazu. Das habe ihre Meinung nicht beeinflusst.

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          Nur Deutschland verzichtete. Im Lauf des Tages, als die Verhältnisse sich weiter verschlechterten, wurde der Nationenpreis dann doch gewaltig modifiziert. Der vom Reglement vorgeschriebene Wassergraben und die Dreifache wurden herausgenommen, schließlich wurde doch noch - entgegen der früheren Ansage - der zweite Umlauf gestrichen und in ein Stechen umgewandelt, bei dem nur noch jeweils ein Pferd auf den matschigen Rasen geschickt wurde - Großbritannien gewann.

          Plötzlich war es auch erlaubt, die Pferde auszutauschen. Roche befand sich im ständigen Austausch mit der Fei-Rechtsabteilung und Generalsekretär Ingmar de Vos, der sich nicht die Mühe machte, den Platz zu besichtigen. Am folgenden Tag wurde das Turnier abgebrochen. „Sicherheit, Fairness und Vernunft hatten Priorität“, erklärte Veranstalterin Nayla Stössel. Das hätte Otto Becker ihr schon zwei Tage früher sagen können.

          Das Springkomitee entscheidet

          „Otto Becker hat das richtige Gespür und Weitblick bewiesen“, sagte Peiler. Die deutschen Erfahrungen sprachen sowieso gegen einen Start. Bei den Europameisterschaften 1987 zog sich Paul Schockemöhles Deister im Gründenmoos eine Verletzung zu, die seine Karriere beendete - traurig führte der Reiter eines der besten Pferde der Welt aus dem Parcours. Bei der EM 1995, wieder einem völlig verregneten Titelkampf, verzichtete die deutsche Equipe ganz und erhielt dafür später einen Fair-Play-Preis.

          Auch mit diesem Trauma im Kopf waren sich die deutschen Reiter Ludger Beerbaum mit Chiara, Meredith Michaels-Beerbaum mit Bella Donna, Christian Ahlmann mit Codex one und Marcus Ehning mit Copin van de Broy einig. Und das nicht nur aus Rücksicht auf die Pferde, sondern auch auf deren Besitzer. Acht bis zehn Millionen Euro dürften die betreffenden Vierbeiner in der Summe wert sein.

          Das Springkomitee der Fei hat bereits getagt. „Wir haben uns die Fakten geben lassen, aber eine Entscheidung wurde noch nicht getroffen“, sagt der Essener Stefan Ellenbruch, der in dem Gremium die Richter vertritt. Der deutsche Verband versucht erst einmal im Guten, die harte Strafe abzuwenden. Erst dann soll geprüft werden, ob die Wertung des St. Galler Nationenpreises wegen der zahlreichen Regelverstöße angefochten werden kann. Im Recht fühlen sich die Deutschen sowieso. „Egal wie es ausgeht“, sagt Otto Becker. „Wir würden es jederzeit wieder so machen.“

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