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Steve House : Jenseits der Berge

Zwischen Erschöpfung und höchstem Glück: Steve House steht auf dem Gipfel des Cho Oyu (8188 Meter) Bild: Fotos aus dem Buch "Jenseits des Berges" von Steve House, Piper Verlag

Der Amerikaner Steve House verblüffte die Bergsteiger-Szene mit einer der größten alpinistischen Leistungen überhaupt. Dann kostete ihn ein Sturz fast das Leben. Das hat seine Perspektive verändert.

          4 Min.

          Steve House erwachte in einem Hotelzimmer in Portland, das Gesicht auf dem Bett, nebenan ein Haufen Erbrochenes. Eine leere Whiskyflasche und eine Menge leerer Bierdosen lagen auf dem Boden, doch was weder auf dem Bett noch auf dem Boden lag, war das Mädchen, das er am Abend zuvor kennengelernt hatte. Es war genauso verschwunden wie der Inhalt seiner Brieftasche, der Rest der 500 Dollar, die er mit seiner Diashow verdient hatte. Dieser Tag, so House in seinem preisgekrönten Buch „Jenseits des Berges“, sei der Tiefpunkt jener Monate Anfang 2006 gewesen, der Zeit der Verlorenheit und der Ziellosigkeit, in die er gestürzt war, kurz nachdem er die Bergsteigerszene mit einer der größten alpinistischen Leistungen überhaupt verblüfft hatte.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im September 2005 gelang dem amerikanischen Extrembergsteiger mit seinem Partner Vince Anderson die Durchsteigung der Rupalwand am Nanga Parbat (8125 Meter). Einer 4500 Meter hohen Steilwand, einer einzigen Herausforderung aus Fels, Eis, Schnee, Kälte und Höhe. Was die Leistung einzigartig machte, war die Art und Weise, in der House und Anderson die Wand bewältigten - im Alpinstil. Das heißt: ohne Hochträger, ohne Hochlager, ohne Fixseile. Nur mit der Ausrüstung, die sie selbst auf dem Rücken trugen. Es ist die schlichteste und die schwierigste Art, einen Berg zu besteigen, Rucksack rauf, ab in die Wand, Rucksack wieder runter. Bergsteigen pur.

          Nach acht Tagen hatten House und Anderson Wand und Gipfel geschafft - und die Bergwelt lag ihnen zu Füßen. Sie wurden mit dem renommierten Preis Piolet d'Or ausgezeichnet für die beste alpinistische Leistung des Jahres. Alle rissen sich um einen Bericht von der Wahnsinnstat, Reinhold Messner bezeichnete House danach als „den besten Höhenbergsteiger unserer Zeit“. Es war nicht nur eine Verbeugung vor der Leistung am Nanga Parbat, sondern vor der ganzen Karriere des Steve House, seinem Stil, seiner Art des Kletterns.

          Am Abgrund: House' Partner Vince Anderson im Lager am Nanga Parbat
          Am Abgrund: House' Partner Vince Anderson im Lager am Nanga Parbat :

          Eine Erfahrung, die Leben verändert

          „Er begeht die richtigen Routen an oft unbekannten Bergen, auch wenn alle Welt auf den Everest rennt. Oft hat man noch gar nichts gehört von den Gipfeln, die er besteigt“, so Messner im Vorwort zu Houses Buch. Durch Erstbegehungen und schwierige Routen in Alaska oder den Rocky Mountains und Erfolge wie die Solo-Tour auf den K7, die zweite Besteigung des knapp 7000 Meter hohen Bergs in Pakistan, versetzte House die Szene immer wieder in Erstaunen - auch wenn sie an der breiten Öffentlichkeit vorbeigingen. Es waren die falschen Berge für ein großes Medienecho.

          Mit dem Abenteuer an der Rupalwand änderte sich das - auch wenn House noch auf dem Gipfel erkannte, „dass genau in dem Augenblick, in dem ich mein Ziel erreiche und mein wahres Ich finde, beides sofort wieder verloren ist“. Was sich nicht änderte, war sein Verständnis des Bergsteigens. Es ist geprägt von einem anderen Erlebnis am Nanga Parbat, 15 Jahre zuvor, bei seiner ersten Expedition. „Das war eine Erfahrung, die mein Leben verändert hat“, sagt er heute. Damals war er 18, hatte gerade ein Jahr als Austauschschüler in Slowenien verbracht und dort Interesse am Klettern gefunden. Um einen Platz in der slowenischen Nanga-Parbat-Expedition zu bekommen, gab er sein Alter kurzerhand mit 20 an - die Schummelei klappte, und von der Expedition, auf der er prompt höhenkrank wurde, nahm er vor allem zweierlei mit: „eine enorme Inspiration durch die Kletterer“, so House, von denen zwei den Gipfel erreichten; und eine enorme Abneigung gegenüber dem „Vermüllen des Bergs“ durch zurückgelassene Ausrüstung und Fixseile.

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