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Giro d’Italia : Uefa-Cup der Radprofis

  • -Aktualisiert am

Zweifel an der Form: Egan Bernal ist beim Giro kein klarer Favorit. Bild: EPA

Der Giro d’Italia ist der Stolz einer ganzen Nation – doch viele Topfahrer sehen die Rundfahrt nur als zweite Wahl. Daran ändert auch ein Dante-Zitat auf dem Rosa Trikot nichts.

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          Als Franz Beckenbauer Mitte der neunziger Jahre noch ein Bonmot-Produzent war, taufte er den damaligen Uefa-Cup, in dem seine Bayern antreten mussten, kurzerhand in den „Cup der Verlierer“ um. Der Cup der Gewinner im Fußball hieß schon zu jener Zeit Champions League. Übertragen auf den Radsport, ließe sich damals wie heute sagen: Die Champions League, das ist die Tour de France. Und der Uefa-Cup? Nun ja, man wird es in Italien nicht gerne hören: Der Uefa-Cup, das ist der Giro d’Italia. Er ist der Stolz einer radsportverrückten Nation, er ist die Nummer zwei der größten Rundfahrten der Radsportwelt, aber eben doch nur die Nummer zwei, im Beckenbauerschen Sinne ist er die Rundfahrt der Verlierer.

          Die aktuellen Champions, die ganz Großen des Radsports, sind auch bei der 104. Auflage der Rundfahrt, die in den kommenden drei Wochen über einen schweren Parcours kreuz und quer durch Italien führt, nicht dabei. Weder die Slowenen Primoz Roglic (Jumbo-Visma) und Tadej Pogacar (UAE), die sich ganz auf ihr bevorstehendes Duell bei der Tour de France konzentrieren, weder der Niederländer Mathieu van der Poel (Alpecin-Fenix), der es vorzieht, sich auf die Olympia-Qualifikation mit dem Mountainbike und seine Tour-Premiere zu konzentrieren, noch der belgische Topstar Wout van Aert (Jumbo-Visma), der ebenfalls die Frankreich-Rundfahrt ansteuert.

          Dass der Giro auch in diesem Jahr auf hohem Niveau zweite Wahl ist, versucht man vielseitig zu kaschieren. Selbst dass der Kolumbianer Egan Bernal (Team Ineos-Grenadiers) startet, der Tour-Sieger von 2019, sagt weniger über die Anziehungskraft des Giro aus als über die Stellung, die Bernal derzeit in seinem Team hat, das mangelnde Zutrauen in seine Form. Als klarer Favorit gilt er deshalb auch in Italien nicht. Diese Rolle wird Simon Yates’ Team (Team BikeExchange) zugetraut. Der Brite beendete die Tour de France 2019 auf Rang 49, nachdem er zwei Etappen gewonnen hatte. Im vergangenen Jahr schon fuhr er den Giro, bei dem er vor der achten Etappe wegen eines positiven Corona-Tests auf Platz 21 liegend aussteigen musste. Auch der deutsche Rundfahrer Emanuel Buchmann vom Team Bora-hansgrohe, der 2019 bei der Tour de France noch hervorragender Vierter war, 2020 aber nicht nur wegen gesundheitlicher Probleme nur auf Rang 38 in Paris ankam, soll nun beim Giro ein Spitzenergebnis einfahren.

          Auch ihm traut sein Rennstall bei der anstehenden Tour de France offensichtlich keine Top-Platzierung zu. Die Tour hat dem Ravensburger fürs Erste den Zahn gezogen. Ebenso wie dem Franzosen Thibaut Pinot, der 2019, den Sieg vor Augen, verletzt vom Rad steigen musste und 2020 im Feld unterging. Pinot wollte nun den Giro fahren, Form und Rückenschmerzen verhinderten aber auch dies. Buchmann immerhin geht mit einigen Erwartungen in die italienische Rundfahrt. Die offizielle Begründung, dass er auf die Tour verzichtet, lautet: Die Strecke in Frankreich mit zwei längeren Zeitfahren komme Bergspezialisten wie ihm nicht entgegen.

          Die Tour weist wie der Giro in diesem Jahr zwei Zeitfahren auf. Sie summieren sich in Italien auf 38 Kilometer, in Frankreich auf 58. Selbst für einen Sprinter wie Peter Sagan, Buchmanns Teamkollege bei Bora, ist die Nichtnominierung für die Tour und sein zweiter Start beim Giro nur mit Mühe als „neue Herausforderung“ zu verkaufen. Sagan, dessen hochdotierter Vertrag bei Bora-hansgrohe Ende des Jahres ausläuft, hat siebenmal das Grüne Trikot bei der Tour de France gewonnen. Der 31-jährige Slowake, der bei der vergangenen Tour-Auflage keine Etappe gewinnen konnte, verpasst erstmals seit 2012 die Frankreich-Rundfahrt, von der sein Chef Ralph Denk sagt, dass sie für sein Team 70 Prozent des jährlichen Werbewerts generiere. Sie ist die, mit weitem Abstand, die größte Bühne des Radsports.

          Die besten Chancen auf den Gesamtsieg beim Giro werden, neben Yates und Bernal, dem Russen Aleksandr Vlasov, dem Portugiesen João Almeida und dem Spanier Mikel Landa eingeräumt. Alles starke Fahrer, aber keine Besetzung für die ultimative Champions League. Und doch ist ein Profi dabei, der in diese Liga gehört – oder bald schon dazugehören wird: Remco Evenepoel (Deceuninck-Quick-Step). Der erst 21 Jahre alte belgische Wunderknabe, der zunächst als Jugend-Nationalspieler im Fußball von sich reden machte, ehe er aufs Rad stieg, schaffte in der vergangenen Saison bei vier Starts vier Rundfahrtsiege: bei der Vuelta San Juan, der Algarve-Rundfahrt, der Burgos-Rundfahrt und der Polen-Rundfahrt.

          „Bereit, zu den Sternen emporzusteigen“

          Ein übler Sturz auf einer Abfahrt während der Lombardei-Rundfahrt, bei dem er sich einen Beckenbruch und eine Lungenquetschung zuzog, zwang ihn zu einer langen, fast halbjährigen Pause. Für ihn, in dem viele Belgier schon den neuen Eddy Merckx zu sehen glauben, ist Italien eine Test-Rundfahrt. Bora-Teamchef Denk hatte vor Wochen versucht, den jungen Belgier in sein Team zu locken – als kommenden Super-Rundfahrer, als kommenden Sieger der Tour de France. Das hat nicht geklappt. Evenepoel verlängerte seinen Vertrag bei Deceuninck-Quick-Step um fünf Jahre bis 2026. Denk gab Buchmann einen neuen Dreijahresvertrag.

          „Disposto a salire alle stelle“, so lautet in diesem Jahr der Schriftzug auf dem Rosa Trikot des Führenden in der Gesamtwertung beim Giro. „Bereit, zu den Sternen emporzusteigen“. Es ist ein Zitat aus der Göttlichen Komödie von Dante. Für Evenepoel ist dies tatsächlich das Ziel. Zumindest für ihn ist der Giro eine Etappe zu den Sternen. Eine Etappe nach Paris.

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