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Stelian Moculescu : Zweimal richtig mutig im Leben

Wer Erfolg hat, hat viele Freunde: Stelian Moculescu nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft Bild: dpa

Rumänien - Deutschland und zurück: Volleyball-Titelsammler Stelian Moculescu baut sich mal wieder ein neues Nest. Doch die bewegte Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln. Bernd Steinle hat den Trainer in seiner neuen alten Heimat besucht.

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          „Stelian Moculescu ist der König des Volleyballs!“ Es klingt erst mal ziemlich abgedreht, was der so seriös wirkende Mann mit den grauen Haaren und dem dunklen Anzug da in die Halle ruft. Damit passt der Satz aber wunderbar zu diesem Moment: zu den Sektfontänen, die in hohem Bogen durch die Halle schießen, zu den Jagdszenen mit schäumenden Schampusflaschen, zu den verrückten Freudentänzen von Spielern, die ihr Trikot wie einen Turban ums Haupt geschlungen haben.

          Bernd Steinle
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der VfB Friedrichshafen mit seinem Trainer Stelian Moculescu ist an diesem Donnerstagabend Anfang Mai zum zehnten Mal deutscher Volleyballmeister geworden. Doch das allein ist es nicht, was den Sprecher des Sponsors bei seiner Eloge so pathetisch werden lässt. Es ist vielmehr eine Art Respekt, vielleicht schon Ehrerbietung davor, wie Moculescu diesen Sport zu seinem Lebensinhalt bestimmt hat. Oder auch: wie dieser Sport das Leben Moculescus bestimmt hat. So genau lässt sich das in diesem Fall nicht mehr trennen.

          Stelian Moculescu, 1950 in Kronstadt geboren, wächst im Rumänien der sechziger Jahre zu einem vielversprechenden Zuspieler heran. Der Alltag im Sozialismus macht ihm bald zu schaffen, lässt ihn immer wieder an Grenzen der persönlichen Freiheit stoßen, und so weiß der junge Moculescu früh, was er will: raus aus diesem Land. Das wissen schnell auch andere: 1971 werden ihm Pass und Ausreise verweigert - Moculescu verpasst deswegen die Bronzemedaille der Rumänen bei der EM in Mailand.

          Abschied aus Deutschland: Moculescu kehrte nach vielen Jahren nach Rumänien zurück
          Abschied aus Deutschland: Moculescu kehrte nach vielen Jahren nach Rumänien zurück : Bild: AP

          „Diese Geschichte hat mich sehr viel Substanz gekostet“

          Trotzdem schafft er es im Jahr darauf ins Aufgebot für die Olympischen Spiele in München. Am 11. September 1972, Rumänien hat das Turnier auf Platz fünf abgeschlossen, macht er sich frühmorgens aus dem Olympischen Dorf auf, nur mit „Romania“-Handtuch, Rasierzeug und Volleyballschuhen ausgerüstet. Er marschiert zu dem Treffpunkt, den er mit dem damaligen Bundestrainer vereinbart hat. Er wartet eine halbe Stunde, doch niemand taucht auf. Dann endlich nähern sich die Scheinwerfer eines VW-Busses. Der Trainer hat verschlafen.

          Moculescu erhält politisches Asyl, jobbt auf dem Bau, arbeitet sich nach oben. Daneben spielt er Volleyball, wird Trainer, arbeitet sich auch im Sport hoch und verwirklicht seinen Traum, das Hobby zum Beruf zu machen. „15 Jahre hat es gedauert“, sagt er, „und mein Glück war, dass ich eine Frau hatte, die das verstanden hat. Die die Geduld hatte, diesen Weg mitzugehen.“ Bald sackt Moculescu die Titel reihenweise ein. Meister, Pokalsieger, Supercup. 2007 gewinnt er die Champions League. Zweimal ist er Bundestrainer, einmal Ende der achtziger, dann wieder von 1998 an, zehn Jahre lang.

          Es werden anstrengende, kontroverse, kräftezehrende Jahre, in denen er oft die mangelnde Unterstützung des Verbands beklagt, und die er dennoch mit dem ersehnten Ziel abschließt: der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking, der ersten für Deutschland seit 36 Jahren, seit den Spielen in München. Damit sieht er seine Mission als Bundestrainer als erfüllt an und hört - wie angekündigt - auf. „Diese Geschichte hat mich sehr viel Substanz gekostet“, sagt er. „Ich habe lange gebraucht, um mich davon zu erholen. Eigentlich habe ich das erst jetzt so richtig geschafft.“

          Mit furchterregenden Muskelbeulen an Armen und Beinen

          Vier, fünf Angebote habe er nach seinem Rücktritt als Bundestrainer erhalten, sagt Moculescu, auch aus Ländern, die in der Weltrangliste noch vor Deutschland (Platz 13) stehen. Er entscheidet sich für die Nationalmannschaft Rumäniens. Weltranglistenplatz: 55. Obwohl er dort nicht von jedem mit offenen Armen empfangen wird, wie das halt so ist, wenn ein Trainer aus dem Ausland ankommt und vermeintlich alles besser weiß als die Trainer im eigenen Land. Einmal, erzählt Moculescu, habe ihm deshalb ein Bekannter gesagt: „Du warst zweimal in deinem Leben mutig. Einmal, als du abgehauen bist. Und dann, als du wieder zurückgekommen bist.“

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