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Frankfurt-Marathon : Katharina Steinruck mit Olympia-Norm, Tesfaye mit Krämpfen

  • -Aktualisiert am

Im Ziel und am Ziel: Katharina Steinruck bleibt unter der Olympianorm. Bild: dpa

Starke Leistung von Katharina Steinruck: Die Läuferin von Eintracht Frankfurt nutzt das Heimspiel für die Olympiareife. Für ihren Vereinskamerad Homiyu Tesfaye läuft der erste Marathon nicht so gut.

          3 Min.

          „Die Grenze liegt nur in deinem Kopf.“ Diese Worte stammen in der Originalversion von Eliud Kipchoge, der Kenianer hat sie nach seinem Retorten-Weltrekord vor zwei Wochen in Wien ausgesprochen. Kurz nachdem der schnellste Marathonläufer der Welt – von insgesamt 41 Tempomachern abwechselnd eskortiert – die 41,195 Kilometer in 1:59:40 Stunden zurückgelegt hat. Und weil nur einen Tag später seine kenianische Landsfrau Brigid Kosgei die Grenze bei den Frauen – ganz offiziell – beim Chicago-Marathon auf 2:14:04 Stunden hinaus geschoben hat, spukt dieser Grenz-Satz jetzt in den Köpfen vieler Marathonläufer herum. Wenn auch die Beine nicht immer mithalten können.

          Beispiel Valary Aiyabei. Die 28 Jahre alte Kenianerin hat an diesem Sonntag beim Frankfurt-Marathon in 2:19:10 Stunden einen neuen Streckenrekord aufgestellt: Platz fünf in der Jahresweltbestenliste. Das ist respektabel genug, aber wer gesehen hat, in welchem Tempo die zierliche Ostafrikanerin das Rennen anging, dem konnte himmelangst werden. Ihr Ehemann, der sie bis ins Ziel begleiten sollte, musste früh kapitulieren. Aber sie rannte, als verfüge sie über einen unerschöpflichen Energievorrat. Lange Zeit lag sie auf Weltrekord-Kurs. Und das bei einer persönlichen Bestzeit von 2:20:53 Stunden.

          Aber der Marathon ist eben doch eine Sache der Ökonomie. Wer zu schnell angeht, bezahlt dafür in aller Regel. Auch bei Valary Aiyabei schwanden irgendwann die Kräfte, doch ihr Vorsprung war groß genug, um die beiden Äthiopierinnen Megertu Kebede (2:21:10) und Meskerem Assefa (2:22:11) deutlich auf Distanz zu halten. Und ihren Auftrag, Frankfurt endlich eine Zeit unter 2:20 zu bescheren, hat sie erfüllt. „Es ist schwer, wenn man so lange alleine laufen muss“, sagte sie.

          Zurückhaltender Beginn, dann Leinen los

          Katharina Steinruck, die Frankfurter Lokalmatadorin, hatte eine andere Taktik gewählt – wenn auch in einer anderen Zeitzone: zurückhaltender Beginn, Leinen los auf dem zweiten Abschnitt. Alles durchgetaktet, mit ihrem Tempomacher Steffen Uliczka als zuverlässigem Zugpferd. Die 30 Jahre alte Frankfurter Lokalmatadorin, bekannt unter ihrem Mädchennamen Heinig, war mit dem Minimalziel angetreten, die Olympianorm (2:29:30 Stunden) für Tokio 2020 zu schaffen. Als sie unter dem Jubel der Zuschauer über den Zielstrich in der Frankfurter Festhalle sauste, stand da „2:27:26 Stunden“ auf der Uhr: Persönliche Bestzeit, mehr als eine Minute schneller als 2016 beim Berlin-Marathon. Und das bei ihrem Comeback nach der Fersenoperation im November 2018. „Wir sind sehr konstant gelaufen, auf der zweiten Hälfte hieß es dann: Feuer frei. Die Beine haben gebrannt, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich hintenraus noch so schnell laufen kann“, sagte sie. „Das war richtig cool.“

          Zumal Katharina Steinruck ihren deutschen Konkurrentinnen im Kampf um die drei Olympia-Tickets eine Zeit vorgesetzt hat, die nur schwer zu übertreffen sein dürfte. „Die müssen jetzt erstmal an mir vorbei“, sagt sie nach diesem läuferischen Ausrufezeichen. „Sie hat alles umgesetzt, was wir uns erwartet haben, sie hat alles richtig gemacht“, lautete das Fazit ihrer Mutter Katrin Heinig. Die ist seit 2013 auch ihre Trainerin und war einst, zum Teil noch unter ihrem Mädchennamen Dörre, eine der besten Marathonläuferinnen der Welt. So weit ist ihre Tochter sicher noch nicht, aber Frankfurt, ihr insgesamt 13. Marathon, war schon ein Meilenstein. Endlich hat sich die Trainingsarbeit über Jahre samt der vollen Konzentration auf Frankfurt ausgezahlt. „Ich habe heute viel Selbstvertrauen gesammelt“, sagte sie. Ihre Mutter hat schon immer gewusst, dass in Katharina mehr steckt, als sie bislang zeigen konnte: „Ich bin froh, dass auch sie jetzt weiß, wozu sie in der Lage ist.“

          Homiyu Tesfaye weiß das noch nicht: Wie soll er das auch bei seinem Debüt? Aber vielleicht hätte der 26 Jahre alte Frankfurter mit äthiopischen Wurzeln besser auf erfahrene Ratgeber gehört. Wer über 1500 Meter mal WM-Fünfter war, ist noch lange kein Marathonläufer. Zumal, wenn man nach einem Jahr ohne Rennen plötzlich aus der sportlichen Versenkung auftaucht. Und dann rennt er los wie die Feuerwehr, liegt bei Halbzeit auf Kurs deutscher Rekord – und es kommt, wie es kommen muss: Allein unterwegs, von Krämpfen geplagt, fast schon ausgestiegen, dann auf der letzten Rille ins Ziel.

          2:18:30 Stunden, exakt sieben Minuten zu spät, um beim Sieg des Äthiopiers Fikre Bekele Tefera (2:07:08) sein großes Ziel – die Olympianorm zu knacken. Lehrgeld bezahlen, nennt man das. Dass ihm der 50-Kilometer-Geher Karl Junghannß, ebenfalls Marathon-Debütant, in 2:17:54 Stunden auch noch den Rang als schnellstem deutschen Mann abgelaufen hat, macht die Sache nicht besser. Auch wenn Homiyu Tesfaye ganz sicher das Potential für deutlich bessere Zeiten mitbringt. Zumal er jetzt um eine Erfahrung reicher sein sollte: Starker Wille hin, Kampfgeist her: Die Grenze liegt wohl doch eher in den Beinen.

          Frankfurt-Marathon

          1. Fikre Bekele Tefera (Äthiopien) 2:07:08 Std.; 2. Dawit Wolde (Äthiopien) 2:07:10; 3. Aweke Ajalew (Bahrain) 2:07:12; 4. Martin Kiprugut Kosgey (Kenia) 2:07:20; 5. Mark Kosgei Kiptoo (Kenia) 2:08:09; 6. Maru Teferi (Israel); 7. Kenneth Keter (Kenia) 2:09:29; 8. Daniele Meucci (Italien) 2:10:52; 9. Benard Kipyego (Kenia) 2:11:38; 10. Derek Hawkins (Großbritannien) 2:12:49; ... 27. Karl Junghannß (Erfurt) 2:17:54; 29. Homiyu Tesfaye (Frankfurt/M.) 2:18:30

           

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