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Steffi Nerius : Das zweite Leben

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Das Aushängeschild der Trainingsgruppe: der kleinwüchsige Mathias Mester Bild: Edgar Schoepal

Zum Abschluss ihrer Speerwurf-Karriere wurde sie Weltmeisterin. Nun widmet sie sich ganz ihrer zweiten Aufgabe. Steffi Nerius trainiert behinderte Sportler. Dabei geht es ihr um Leistung - und um Gemeinschaft. Michael Eder hat sie im Training besucht.

          Im Gang zur Trainingshalle von Bayer Leverkusen hängt ein Poster, mit dem Nordrhein-Westfalen für sich wirbt. Die großen Köpfe des Landes sind versammelt, und Steffi Nerius lächelt zwischen Kardinal von Galen und Konrad Duden. Kein schlechter Platz. „Ja“, sagt Steffi Nerius und lacht laut. „Ich weiß auch nicht, wie ich dahin gekommen bin.“ An Ehrungen ist die 37-Jährige gewöhnt, seit sie im August in Berlin zum glanzvollen Ende ihrer Karriere Speerwurf-Weltmeisterin geworden ist. Die deutschen Spitzensportler haben sie daraufhin zu ihrem „Champion des Jahres“ gewählt.

          Was, glauben Sie, haben die Kollegen damit gewürdigt? Den WM-Titel? Oder mehr?

          „Wohl mehr, weil ich ja Paul Biedermann geschlagen habe, den zweifachen Weltmeister, der zweimal Weltrekord schwamm. Ich denke schon, dass die Kollegen meine ganze Karriere betrachtet haben, das ganze Paket. Vielleicht haben sie auch den Job gesehen.“

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          Den Job, vor dem die Kollegen Olympiasieger und Weltmeister Hochachtung haben, macht Steffi Nerius seit dem 1. Oktober. Sie ist bei Bayer Leverkusen hauptamtliche Trainerin für behinderte Sportler. Einer von ihnen ist Mathias Mester, und der biegt in der Leverkusener Halle gerade um die Ecke. Mester ist kleinwüchsig, 1,42 Meter groß und Weltmeister mit dem Speer, dem Diskus und der Kugel. „Er ist so etwas wie das Aushängeschild meiner Trainingsgruppe“, sagt Steffi Nerius.

          Neun Sportler und Sportlerinnen betreut sie in ihrem Kader, mit vier von ihnen flog sie am Mittwoch zur Weltmeisterschaft nach Bangalore in Indien. Mester ist ein lustiger Bursche. Während er durch die Trainingshalle geht, in der es von Sprintern, Stabhochspringern, Hammerwerfern und Hochspringern nur so wuselt, kommt er aus dem Grüßen nicht heraus: „Tag, Matse!“

          Bevor sich der 23-Jährige für das Kugelstoßtraining warm macht, sitzt er neben einem riesigen Hammerwerfer auf der Bank und erzählt, dass er sich für Indien noch ein Netbook gekauft habe. Sei ja so praktisch und klein, viel besser als sein altes Laptop. „Na ja, Kleiner“, sagt der Hammerwerfer trocken, „für dich ist das Netbook ja ein Laptop.“ Großes Gelächter, und Mester lacht am lautesten. Das ist der Umgangston hier zwischen behinderten und nichtbehinderten Athleten: freundschaftlich, direkt, ohne falsche Scheu.

          Wenig später steht Mester im Ring und stößt die vier Kilogramm schwere Kugel in Richtung der blauen Matten, die den Boden bedecken. Steffi Nerius sitzt auf einer Holzbank und schaut zu.

          „Zu passiv, mehr Druck von den Beinen!“

          Mester holt die Kugel. Der nächste Versuch.

          „Denk an die Konterbewegung. Du bist zu passiv mit den Beinen, du musst mehr Spannung auf die Schulter kriegen.“

          Der dritte Versuch.

          „Das war jetzt schön, aber nur schön, das reicht nicht, um weit zu stoßen.“

          Mester schafft einen weiten Versuch, er markiert ihn auf der Matte mit einem Stück Klebeband, seine Aufgabe nun: diese Marke übertreffen. Das will nicht gelingen. Wieder und wieder scheitert er am selbstgesteckten Ziel. Er schreit die Enttäuschung heraus.

          „Das war nix“, sagt Steffi Nerius. „Große Klappe reicht nicht. Einen noch, hopp oder topp!“

          Mester arbeitet seit 2005 mit Steffi Nerius. Man könne mit ihr viel Spaß haben, sagt er, aber sie habe auch ihre Prinzipien. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin, solche Sachen. „Ich arbeite gern mit ihr“, sagt Mester.

          Fleiß und Disziplin sind für Steffi Nerius der Treibstoff ihres Lebens. Sie hat neben die Sportkarriere immer etwas anderes gesetzt: erst in Köln Sport studiert, dann von 1998 an im Reha-Bereich gearbeitet. 2002 bekam sie einen Halbtagsjob als Behindertentrainerin bei Bayer, der seit Oktober zur vollen Stelle wurde.

          Warum haben Sie sich immer diese Doppelbelastung zugemutet?

          „Ich habe schon im Studium in den Semesterferien gemerkt, dass es nichts für mich ist, wenn ich neben dem Sport gar nichts zu tun habe. Man kann nicht nur über Sport nachdenken, ich brauche noch etwas anderes für den Kopf. Ich bin im Studium halt um sieben aufgestanden und habe erst mal zwei Stunden gelernt. Da scheitert es bei vielen Athleten, die ich so kenne. Aber man kriegt alles hin, wenn man organisiert ist.“

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