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Stefan Matschiner, Sportmanager : Gibt es die Spinne in Österreichs Doping-Netz?

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Stefan Matschiner, der Manager des gedopten Radprofis Bernhard Kohl, hat einen bemerkenswerten Bekanntenkreis. Er wird verdächtigt, es gibt Indizien. Aber bewiesen ist nichts.

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          Am gestrigen Samstagabend war im österreichischen Fernsehen Amüsement angesagt. Mit der schon am 25. September aufgezeichneten „Promi Sportler Millionenshow“ zugunsten der österreichischen Sporthilfe. Auf dem Ratestuhl des ehemaligen Skirennläufers und Moderators Armin Assinger, quasi Österreichs Günther Jauch, saß auch Bernhard Kohl, der Gesamtdritte und Gewinner des Bergtrikots der Tour de France 2008. Ein sympathischer, 26-jähriger Bursche, gelernter Schornsteinfeger, ein österreichischer Held.

          Drei Tage vor der Ausstrahlung der nachträglich um Interviewpassagen bezüglich der Vorgänge bei der Tour de France von Kohl gekürzten Sendung hatte der Radprofi unter Tränen Doping eingestanden - immerhin schon 48 Stunden, nachdem er selbst über positive Tests auf das Epo-Präparat Cera informiert worden war (Siehe: Doping im Radsport: Kohl outet sich - Schumacher schweigt weiter). An der Seite des Geständigen: Stefan Matschiner, seit einigen Jahren Kohls Manager, der ob seines bemerkenswerten Bekanntenkreises in den vergangenen Tagen zu einer Art Leibhaftigen des österreichischen Sports mutiert war.

          Matschiner bleibt ironisch

          Der 33-jährige ehemalige Mittelstreckenläufer Matschiner fasst die Verdächtigungen gegen seine Person mit einiger Ironie selbst zusammen. „Ich gebe alles zu, ich bin für alles verantwortlich. Nachdem ich das ganze Doping in Österreich organisiere, warte ich jetzt auf die Medaillenflut, die über mich hereinbrechen wird.“ Wäre Matschiner tatsächlich die große Spinne im Doping-Netz der Alpenrepublik, eines Landes, das nach einer legendären Aussage des mächtigen Skiverbandspräsidenten Peter Schröcksnadel zu klein für gutes Doping ist, hätte er in den vergangenen Jahren alle Hände voll zu tun gehabt.

          Bernhard Kohl in sommerlicher Radsportidylle

          Alleine seit der Jahrtausendwende wurden mehr als ein Dutzend mehr oder weniger bekannte österreichische Sportler und Sportlerinnen mit verbotenen Substanzen erwischt, überwiegend Leichtathleten und Radfahrer. Langläufer und Biathleten stehen seit Februar 2002, seit dem ersten sogenannten Olympiaskandal, unter Generalverdacht. In Salt Lake City fanden sich damals in einem von Langläufern genutzten Privathaus Gerätschaften für Bluttransfusionen. Die Folge: Der zuständige Sportdirektor und ehemalige Langlauftrainer Walter Mayer wurde lebenslang für Olympia gesperrt.

          Matschiner war in Turin - auf Einladung von Walter Meyer

          Vier Jahre später in Turin kam es zu Doping-Razzien in den Quartieren der österreichischen Biathleten und Langläufer. Mayer, der trotz der Sperre in Turin anwesend war, ergriff die Flucht. Österreichs Nationales Olympisches Komitee stand vor dem zumindest zeitweiligen Ausschluss aus der olympischen Bewegung, zwei Biathleten und vier Langläufer sowie etliche Betreuer wurden lebenslänglich für Olympia gesperrt. Doping-Nachweise gab es keine, verschiedene Untersuchungskommissionen konnten lediglich Indizien sammeln. Die restlose Aufarbeitung des Turiner Skandals zieht sich ebenso, wie sich die Ermittlungen gegen ein Wiener Spendenzentrum für Blutplasma, in dem sich einer anonymen Anzeige zufolge Dutzende Sportler „Blutauffrischungen“ genehmigt haben sollen, dahinschleppen.

          Stefan Matschiner war zumindest indirekt in den Turiner Skandal involviert. Auf Einladung von Walter Mayer weilte er im Piemont, will dort aber nur gefeiert haben. „Es ist, wie es ist, von den Tagen habe ich nicht viel erlebt.“ Und er hatte, nach höflicher Ladung vor eine Untersuchungskommission, auch nicht viel mehr zu sagen, als dass sein Schwiegervater ein Bekannter Mayers sei (siehe: Warnung vor Wundermännern wie Walter Mayer).

          Mayer und Matschiner verbindet das Marathon-Business

          Freilich verbindet Matschiner mit Mayer, den Geächteten, auch das Marathon-Business. Der Oberösterreicher betreibt die International Sports Agency (ISA), eine Marketingagentur, die vor allem kenianische Langstreckenläufer betreut. Mayer wiederum ist mit Eva-Maria Gradwohl, der österreichischen Marathon-Rekordhalterin, liiert. Gradwohl ist erst im vergangenen Frühjahr die schärfste inländische Konkurrentin, Susanne Pumper, wegen eines positiven Doping-Tests abhandengekommen (siehe: Neues aus dem Österreich-Sumpf: Gedopt durch den Wiener Prater).

          Pumper wiederum vertraute dem in Österreich gut beschäftigten ehemaligen DDR-Sportmediziner Helmut Stechemesser. Und der betreute auch den Leichtathleten Matschiner. Der Kontakt zu Pumper sei daher ganz normal, „aber ich war nie ihr Manager, wie auch behauptet wird. Ich habe ihr lediglich einmal zu einem Start in Köln verholfen.“

          Der Freund Manfred Kiesl

          Enger gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Manfred Kiesl, den Matschiner einen Freund nennt. Mit dem Ehemann der ehemaligen österreichischen Spitzenläuferin Theresia Kiesl betrieb Matschiner bis 2004 die ISC. Heute vertreibt Kiesl das (gründlich abgetestete) Nahrungsergänzungsmittel Erybol, für das auch Bernhard Kohl wirbt.

          Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Kiesl bekannt, als 1997 im Kühlschrank des Paares Kiesl Anabolika gefunden wurden. Manfred Kiesl nahm alle Schuld auf sich und wurde wegen Handels mit Anabolika zu einer Geldstrafe verurteilt; seine Frau, die 1500-Meter-Olympiadritte von Atlanta 1996, war aus dem Schneider. „Ich habe ihn erst danach kennengelernt. Er hat einen Fehler gemacht, hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Ich glaube ihm“, sagt Matschiner über Kiesl.

          Der Kunde Simon Vroemen

          Gegenwart des Managers ist neben dem „Fall Kohl“ auch jener des in Hamburg lebenden niederländischen Hindernisläufers Simon Vroemen, eines Kunden der ISC, der im Sommer positiv auf ein anaboles Steroid getestet wurde. „Ein laufendes Verfahren“, sagt Matschiner. „Möglicherweise kam es wegen eines Asthmasprays zu diesem Testergebnis.“

          Matschiners Vergangenheit wurde erst mit dem Doping-Skandal um Kohl ein Thema. Auch für Hans-Michael Holczer, den ehemaligen Teamchef des gefallenen Bergkönigs bei Gerolsteiner. „Für mich war in Sachen Kohl immer nur sein Anwalt Siegfried Fröhlich maßgebend. Der hat die Verträge gemacht. Ich habe Kohl nach den Tour-Erfolgen geraten, sich einen Mann für die Pressearbeit zu besorgen. Er hat mir Matschiner in Kitzbühel, vor dem Start der Deutschland-Tour, vorgestellt. Wir haben nur ein paar Worte gewechselt, wegen dieser Millionenshow-Geschichte“, sagt Holczer. Holczer gab's am Samstag im österreichischen Fernsehen nicht zu sehen, dafür aber zu hören. Als Telefon-Joker für Kohl, der 20 000 Euro erspielte.

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