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Eishockey-Spieler Kühnhackl : Plötzlich vor dem stolzen Vater

Mit Schwung aus der NHL: Tom Kühnhackl Bild: USA Today Sports

Eishockey-Nationalspieler Tom Kühnhackl wird zu einem formidablen Crack – und kämpft nun als Stanley-Cup-Sieger mit Deutschland um die Teilnahme an Olympia. Vater Erich, die größte deutsche Eishockey-Legende, darf stolz sein.

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          Die Zeiten haben sich geändert. Früher war es oft so, wenn die Kühnhackls einen gemeinsamen Auftritt absolvierten, dass dann der Vater im Mittelpunkt stand, und der Junior stets ahnte, welcher Satz im Laufe der Veranstaltung unter Garantie fallen würde: „Du bist also der Sohn vom Erich!“ Inzwischen ist der Generationswechsel vollzogen. Jüngstes Beispiel: Ein Empfang in ihrer Heimatstadt Landshut, den die Gemeindeoberen im Rathaus organisiert hatten, um den derzeit im internationalen Spitzensport erfolgreichsten Bürger des Ortes zu ehren: Tom Kühnhackl. Der Eishockeyspieler war dazu aus den Vereinigten Staaten angereist, mit Übergepäck.

          Er hatte den Stanley Cup im Schlepptau und konnte das glänzende Prachtstück mehreren tausend Fans auf dem Marktplatz präsentieren. Mit dem Triumph in der nordamerikanischen Profiliga stieg der Stürmer der Pittsburgh Penguins auch in der familieninternen Eishockey-Hierarchie endgültig zur Nummer eins auf: Neuerdings stiehlt der 24-Jährige seinem Senior die Schau. „Heute werde ich angesprochen: ,Sie sind doch der Vater von Tom‘“, berichtet Erich Kühnhackl - und ist dabei mächtig stolz auf den Werdegang seines Kindes, mit dem keiner der beiden bis vor kurzem rechnen konnte und den sie nun umso mehr genießen.

          Aus seinem Filius ist fern der Heimat ein formidabler Crack geworden: 1,88 Meter groß, 87 Kilo schwer, ein furchtloser Zweikämpfer, zu dessen Spezialauftrag es gehört, im Verteidigungsfall die defensiven Reihen mit zu schließen und seinen athletischen Körper in die Schüsse der Gegner zu werfen. „Mein Traum war eigentlich immer, ein NHL-Spiel zu machen“, erzählt Tom Kühnhackl, „dass es gleich so endet, mit dem ultimativen Preis, ist für mich unbeschreiblich.“ Erich Kühnhackls Karrierehöhepunkt liegt mittlerweile vierzig Jahre zurück. 1976 in Innsbruck gehörte er zur Auswahl der Bundesrepublik, die das bis heute einmalige Kunststück schaffte, von Winterspielen nicht mit leeren Händen, sondern mit einer Bronzemedaille heimzukehren.

          Entwicklung in entgegengesetzter Richtung

          Für solche Achtungserfolge kamen die nachfolgenden Generationen nie in Frage, die Entwicklung verlief eher in die entgegengesetzte Richtung. 2014, bei Olympia in Sotschi, war die Männerauswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) erstmals gar nicht vertreten. Auch für das nächste Turnier im Zeichen der fünf Ringe, in Pyeongchang, glückte keine direkte Qualifikation. An diesem Wochenende besteht die Gelegenheit, bei einem Vier-Nationen-Wettbewerb im lettischen Riga im Nachsitzen die Starterlaubnis zu ergattern. Tom Kühnhackl spielt dabei eine tragende Rolle im Konzept des Bundestrainers.

          Familiensache I: Eishockeyprofi Kühnhackl präsentiert in Landshut den Stanley Cup, der Papa bleibt im Hintergrund.

          Marco Sturm steht seit Mitte des vergangenen Jahres als Chef hinter der Bande der Nationalmannschaft. Die bisherige Bilanz des Seiteneinsteigers, der zuvor nur im Jugendbereich als Übungsleiter Erfahrungen gesammelt hatte, liest sich respektabel: Sieg beim Deutschland-Cup, Viertelfinalteilnahme im Mai bei der Weltmeisterschaft in Russland mit vier (teilweise beeindruckenden) Siegen in acht Spielen. Nun steht er vor der bislang größten Herausforderung: Nur wenn es den Deutschen gelingt, sich bis Sonntag gegen Japan, Österreich und die als stärkste Widersacher eingeschätzten Letten durchzusetzen, sind sie 2018 in Südkorea mit von der Partie. Sturm kam als Aktiver dreimal in den Genuss Olympias, unter anderem 1998 in Nagano, als er gemeinsam mit Peter Draisaitl dem Puck hinterherjagte; heute coacht er dessen Sohn Leon, der bei den Edmonton Oilers zu den Stammkräften zählt.

          Sturm gelang in der Kürze, was sich Franz Reindl, der krisenerprobte Präsident des DEB, von ihm erhofft hatte: Er erhöhte den Stellenwert des Nationalteams erheblich. Es war Reindls Idee, den Neuling mit der verantwortungsvollen Aufgabe zu betrauen - auch und gerade wegen seiner guten persönlichen Verbindungen in der NHL. Sturm lebt mit seiner Familie nach wie vor in Florida, wo er sich nach seiner Karriere ein Haus unweit von Fort Lauderdale gekauft hat.

          Premiere im Nationaltrikot

          Er verfolgt das Geschehen in der NHL in drei von vier Wochen im Monat hautnah, die übrigen sieben Tage pendelt er zum Arbeiten nach „good old Germany“. Durch seine guten Verbindungen zu den handelnden Personen handelt er sich, anders als sein glückloser Vorgänger Pat Cortina, bei Nominierungen kaum Absagen der Überseefraktion ein. Neben Kühnhackl und Draisaitl stehen in Riga auch die Feldspieler Tobias Rieder (Arizona Coyotes), Korbinian Holzer (zuletzt Anaheim Ducks), Christian Ehrhoff (zuletzt Chicago Blackhawks), Dennis Seidenberg (zuletzt Boston Bruins) sowie Keeper Philipp Grubauer (Washington Capitals) im Aufgebot; nominell war ein deutsches Team selten zuvor ähnlich stark besetzt.

          Tom Kühnhackl wird bei der Bewährungsprobe seine vielbeachtete Premiere erleben. Er stand noch nie mit dem Adler auf der Trikotbrust auf der großen internationalen Bühne. „Zeitlich hat es nie gepasst“, erzählt er, der als Teenager von daheim auszog und den beschwerlichen Weg durch die unterklassigen Juniorenligen in der kanadischen Provinz ging. Die dortigen Terminkalender durchkreuzten so manche Länderspieleinladung. Sein DEB-Debüt gab Kühnhackl erst am vergangenen Wochenende bei der Generalprobe gegen Weißrussland (2:3). Es war nicht spektakulär, was er bot, aber standesgemäß: Ihm genügten zwei Chancen, um sich als Torschütze auszuzeichnen. Eine Top-Quote, die seiner besonderen Bedeutung für das Team entspricht.

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