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Stand-Up-Paddling : Spazierengehen auf dem Wasser

  • -Aktualisiert am

Standfest: Robby Naish bei seinem neuen Lieblingssport Bild: ACT AGENCY

Merkwürdige Entwicklung: An den Stränden gehen immer mehr Hobby-Athleten mit Paddel und stehend aufs Surfbrett. Surf-Ikone Robby Naish will aus dem Stand-Up-Paddling den nächsten Trendsport machen - nicht ganz ohne Eigennutz.

          3 Min.

          Viel Übung und spezielle Technikgrundlagen braucht man nicht: „Einfach draufstellen und losfahren“, ruft Surf-Ikone Robby Naish den Zuschauern zu, die ihn von den Hamburger Magellan-Terrassen aus beobachten. Lautlos gleitet der 47 Jahre alte Hawaiianer auf seinem Board über das Wasser und vermittelt dabei ein Gefühl von Leichtigkeit und Eleganz. Gelegentlich ein antreibender Paddelschlag, aber man bekommt in keiner Sekunde das Gefühl, er könnte die Balance verlieren. Drei Meter lang und sechzig Zentimeter breit ist sein Sportgerät – im Vergleich zu Windsurf- oder Wellenreitbrettern eine fast schon überdimensionale Größe. Also rein ins Wasser und rauf aufs Board.

          Einige Mutige wollen einen Selbstversuch im Stehpaddeln am Rande des Worldcups in der Hamburger Hafencity wagen. Ins Wasser steigen, auf das Board legen. Kein Problem! Noch könnte man meinen, dass man sich im Sommerurlaub mit einer Luftmatratze im Meer treiben lässt. Dann: Versuchen den Oberkörper aufzurichten und auf das Brett knien, dabei mit dem Paddel abstützen. „Platsch!“ Das Wasser spritzt. So leicht, wie das sogenannte Stand-Up-Paddling bei Robby Naish aussieht, ist es für den Freizeitsportler dann doch nicht. Immer wieder nimmt der ein oder andere Novize ein unfreiwilliges Bad in der Elbe. Aber tatsächlich, nach ein paar Versuchen schaffen es alle, einige Meter stehend auf dem Brett über das Wasser zu gleiten.

          Um die Entstehung des Stand-Up-Paddlings ranken sich viele Gerüchte. Schon hawaiianische Könige sollen sich vor Jahrhunderten stehend auf überdimensionalen Brettern fortbewegt haben. Naish, einer der modernen Vorreiter der womöglich doch neuen Sportart, macht die Surflehrer am Strand von Waikiki für die Wiederentdeckung verantwortlich. Für sie war das Board schon Mitte des 20. Jahrhunderts ein Transportmittel, mit dem sie sich auch zwischen gefährlichen Riffen fortbewegen konnten. Außerdem hatten sie durch die erhöhte Position ihre Schüler und die herankommenden Wellen besser im Blick.

          Hafenrennen: Stand-Up-Paddling in Hamburg
          Hafenrennen: Stand-Up-Paddling in Hamburg : Bild: ACT AGENCY

          Auch als Rettungsboard waren die dicken und langen Bretter im Einsatz, nicht nur auf Hawaii, sondern zum Beispiel auch auf Sylt, wo die legendären Rettungsschwimmer ihre ersten Wellenreitversuche auf eben solchen Brettern wagten.

          Surfer mit Geschäftssinn

          Robby Naish ist vielmaliger Weltmeister im Windsurfen und nicht nur deshalb eine Legende, sondern auch, weil er immer wieder unentdeckte Nischen im Surfsport findet. Er gewann im Alter von dreizehn Jahren seinen ersten Titel im Windsurfen, 23 weitere folgten. In den neunziger Jahren verhalf er dem Kitesurfen zu weltweiter Popularität. Auch in dieser Sportart gewann er Weltmeistertitel. (siehe auch: Kitesurfen: Die Drachensegler und Video: Kite-Surf-Weltmeisterin Kristin Boese und die Faszination des Fliegens)

          Die Hamburger kennen Naish, stehen Schlange für ein Autogramm oder bitten um ein Foto. Nach dem Ende seiner Profikarriere 2001 hat er sich dem Stand-Up-Paddling verschrieben. Nicht ganz ohne Eigennutz. Naish ist nämlich ein erfolgreicher Geschäftsmann, seine Firmen vertreiben Boards für alle möglichen Surfdisziplinen. Weil bei Windsurfen und Wellenreiten die Verkaufszahlen in den vergangenen Jahren kaum mehr gestiegen sind, hatte die Branche auf einen neuen Trend gewartet. „Mittlerweile verkaufe ich in einigen Ländern fast mehr Stand-Up-Boards als klassische Windsurfbretter“, sagt Naish.

          Unabhängig vom Wind

          In Amerika und in den europäischen Nachbarländern sei die neue Disziplin schon äußerst beliebt. „Und in fünf Jahren sehe ich Stand-Up-Paddling auch in Deutschland als eine populäre Massensportart“, sagt Naish. Schließlich sei das Paddeln im Stehen nicht nur etwas für Profis, sondern im Prinzip für jeden. Und im Gegensatz zu Windsurfen und Wellenreiten seien auch keine speziellen Bedingungen notwendig.

          Stehendsurfen sei unabhängig von Jahreszeiten und Wetterbedingungen. Man brauche keine Wellen, keinen Wind, man brauche nur eine Wasserfläche. Echte Wellenreiter allerdings schauen, wenn überhaupt, nur mit einem Naserümpfen auf die Stehendpaddler. Und natürlich hat in der Realität das Stand-Up-Paddling nichts von der Dynamik und der Ästhetik des Surfens.

          Krafttraining oder Sightseeing-Möglichkeit

          Big-Wave-Surfer wie der Deutsche Sebastian Steudtner, der auf Hawaii lebt, nutzen Stand-Up-Paddling gern als Kraft- und Ausdauertraining. „Man kann das Level der jeweiligen Situation anpassen oder sich aber auch völlig verausgaben“, sagt Naish. „Wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin, dann fahren wir entspannt nebeneinander her. Ein bisschen wie Spazierengehen. Wenn ich alleine fahre, dann ist es vergleichbar mit Joggen, aber man kann auch kurze Sprints einbauen.“

          Naish rühmt auch den „Sightseeing-Charakter“ des entspannten Paddelns. „Man bekommt ein ganz besonderes Verhältnis zur Natur und der Umgebung, durch die man fährt“, sagt er. An Wettkämpfen der Stehendpaddler will Naish nicht mehr teilnehmen, das wird er den Jüngeren überlassen. Er wolle, sagt der nach wie vor drahtige Hawaiianer, „einfach nur als paddelnder Tourist unterwegs sein“.

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