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Stabhochsprung : Stechen, biegen, fliegen

Stechen, biegen, fliegen: Björn Otto schwingt sich auf Bild: dpa

Stabhochspringer Björn Otto muss sich mächtig reinhängen, um nach oben zu kommen. Seine Stäbe sind sein Werkzeug. Je härter sie sind, desto höher kann es gehen. Doch dieser Sport ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten.

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          „Nimm doch einen längeren Stab, dann kannst du auch höher springen“, ist einer der Lieblings-Laiensprüche, die Björn Otto immer wieder zu hören bekommt. Klar, wer an einem sechs Meter langen Stab hängt, so der Milchmädchen-Gedanke, muss ja nur noch über die Latte fallen - fertig ist der Meistersprung. Wenn nur die Physik nicht wäre. Denn irgendwie muss der Stabhochspringer ja erst mal hochkommen.

          Björn Ottos Sprungstäbe sind 5,10 Meter lang. Die größte Höhe, die er je damit gemeistert hat, waren 6,01 Meter - deutscher Rekord, übersprungen im September 2012 in Aachen. Es war die Krönung seines besten Jahres, in dem er bei den Olympischen Spielen, den Europameisterschaften und der Hallen-WM jeweils die Silbermedaille gewonnen hatte. Die Stäbe der Weltklasseathleten variieren in der Länge zwischen 4,90 und 5,20 Metern. Länger bringt nichts, weil selbst Otto sie dann trotz seiner enormen Oberarmmuskulatur nicht mehr richtig biegen könnte. „Das Maximalprinzip funktioniert nicht“, sagt er.

          Die zweite immer wiederkehrende Frage ist: „Wie, ihr habt eure eigenen Stäbe?“ Ja, haben sie, und es ist sehr wichtig - und oft sehr umständlich. Wenn Björn Otto zu einem Wettkampf fährt, wie diese Woche zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft nach Moskau (Finale an diesem Montag, 17 Uhr MESZ), hat er immer seine komplette Ausrüstung im Gepäck.

          Dabei entwickelt sich oft schon die Anreise zu einer Herausforderung: Wie schaffe ich es beim Check-In, das ganze Zeug ins Flugzeug zu bekommen? „Man steht viel auf Flughäfen rum“, so die Erkenntnis des vielbeschäftigten Stabhochspringers. „Manchmal wäre man schon gerne Sprinter.“ Zumal das Bodenpersonal oft nicht die geringste Vorstellung davon hat, was in der sperrigen Schutzhülle verborgen sein könnte: Teppiche, Segeltücher, Leinwände?

          Teures Gut: Jeder Stabhochspringer hat sein eigenes Päckchen Stäbe zu tragen
          Teures Gut: Jeder Stabhochspringer hat sein eigenes Päckchen Stäbe zu tragen : Bild: dpa

          Björn Ottos Reisegepäck besteht aus acht Stäben. Sieben, die alle gleich lang sind, aber für unterschiedliche Höhen gedacht sind. Und einen, der mal abgebrochen ist und nun nur noch 4,68 Meter misst. Den nimmt er zum Einspringen. Die anderen sieben unterscheiden sich in den Härtegraden.

          Um den Härtegrad zu messen, wird ein Stab an beiden Enden aufgelegt und in der Mitte ein genormtes Gewicht gehängt: 50 amerikanische Pfund, in etwa 22,7 Kilogramm. Die Abweichung der Stabmitte nach unten in Zentimetern entspricht dem Flexmaß - dem Härtegrad. Der Wert wird in den Stab eingraviert, genau wie die Länge und das Herstellungsdatum. Je höher der Sprung gehen soll, so die Faustregel, desto härter muss der Stab sein.

          Björn Otto springt Stäbe „um die 12 und darunter“ - es sind die härtesten in der ganzen Szene. Sein begnadeter Gegenspieler, der zartgliedrige Franzose Renaud Lavillenie, der 2012 alle Großereignisse gewann, springt mit wesentlich weicheren Stäben. Er ist aber auch zwanzig Kilo leichter als der 90 Kilogramm schwere und 1,90 Meter große Otto. „Mit seinen Stäben käme ich nicht mal über 5,20 Meter“, sagt der Deutsche. Generell könnte er seine Stäbe zwar mit einem Konkurrenten tauschen, aber es kommt nicht so häufig vor. Nur wenn zwei Athleten in etwa gleich groß, gleich schwer und gleich gut sind, könnten sie auch das gleiche Material verwenden.

          Ziel Lattenüberquerung: Neben, Mut, Schnelligkeit und Kraft gehören turnerisches Vermögen dazu und ein exzellentes Raum-Lage-Empfinden
          Ziel Lattenüberquerung: Neben, Mut, Schnelligkeit und Kraft gehören turnerisches Vermögen dazu und ein exzellentes Raum-Lage-Empfinden : Bild: REUTERS

          In der Szene werden Stäbe aus zwei unterschiedlichen Materialien genutzt. Otto springt mit Glasfaserstäben, andere mit Kohlefaser. Kohlefaser drängt schneller in die Ausgangsposition zurück, während Glasfaser etwas harmonischer ist. „Jeder probiert aus und springt letztlich mit dem, der am besten zu ihm passt“, sagt Otto. Im Laufe seiner zwanzig Springerjahre hat der 35 Jahre alte Kölner schon manches Exemplar in den Händen gehabt. Es ist kein ganz billiger Sport, denn ein guter Wettkampfstab kostet um die tausend Euro. Und ewig hält er auch nicht.

          „Ich habe mal im Trainingslager in Südafrika einen kompletten Satz verloren, weil am Flughafen ein Wagen drübergefahren ist“, erinnert er sich. Seinem Kollegen Raphael Holzdeppe kam einmal ein Set nach einer Flugreise aus Marokko abhanden. „Erst hieß es, sie seien falsch verladen, auf dem Weg nach Singapur, dann Australien, und irgendwann hat sich die ganze Spur verloren.“

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