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Stabhochsprung : Stechen, biegen, fliegen

„Seit 1996 weiß ich jeden Sprung“

Wenn ein Stab beim Sprung der Belastung nicht standhält und bricht, ist es natürlich auch gefährlich für den Sportler. Die Stürze sehen oft spektakulär aus, doch danach gilt das Prinzip: Sofort noch mal versuchen, damit sich das Negativerlebnis nicht einprägt. Otto pflegt einen entspannten Umgang mit solchen Ereignissen: „Der letzte Stab, der mir abgebrochen ist, hängt jetzt im Wohnzimmer, als Deko.“ Manchmal werden aus den Bruchstücken auch Staffelstäbe zurecht gesägt und dem Verein geschenkt.

Runter kommen sie immer: doch auch die sichere Landung will gelernt sein
Runter kommen sie immer: doch auch die sichere Landung will gelernt sein : Bild: AFP

Björn Otto, der schon zwei Achillessehnenrisse verarbeiten musste, ist schmerzgestählt und wagemutig, verbirgt aber auch die Seele eines Buchhalters in seiner breiten Brust. Der Rheinländer notiert akribisch seine Leistungen: „Seit 1996 weiß ich jeden Sprung“. 570 Wettkämpfe, komprimiert auf eine Excel-Tabelle. Sein persönlicher Zugang zum Stabhochsprung kam über den Mehrkampf, mit 15 spezialisierte er sich dann. „Es gibt aber schon Bilder von mir, da bin ich sieben und stehe mit dem Bambusstab im Garten meiner Eltern.“

Zu den modernen Geräten pflegt er einen unsentimentalen Umgang. Glücksstab? „Hab ich nicht!“ Er nimmt auch nicht immer bei der gleichen Höhe den gleichen Stab, sondern lässt die äußeren Umstände einwirken. Kommt der Wind von vorne oder von hinten? Ist die Bahn langsam oder schnell?

Energie vom Körper auf das Gerät - und zurück

Stabhochsprung ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Theoretisch könnte man ihn auf eine Formel bringen, in dem man Anlaufgeschwindigkeit, Körpergewicht, Härtegrad, Einstichwinkel und Drehmoment miteinander verrechnet. „Aber es steckt zu viel Mensch drin“, sagt Otto. Eine falsche Bewegung - und das System stimmt nicht mehr. Wichtiger als Mathematik und Physik seien Kopf und Bauch. Deshalb hat er nicht mal ein genaues Maß für die Griffhöhe, er variiert sie nach Tagesform. Vor vier Wochen bei den deutschen Meisterschaften in Ulm stimmte alles: Otto holte erstmals in seiner langen Laufbahn den Titel im Freien.

Das Flexmaß des Stabes ist entscheidend, wie weit hinauf es gehen kann: Otto springt die härtesten Geräte
Das Flexmaß des Stabes ist entscheidend, wie weit hinauf es gehen kann: Otto springt die härtesten Geräte : Bild: dpa

Physikalisch gesehen kommt es beim Sprung darauf an, Energie vom Körper auf das Sportgerät zu übertragen - und wieder zurück. Dieser zweite Schritt ist der große Unterschied zu anderen Disziplinen. Beim Speerwerfen wird die aufgebaute Energie auf das Sportgerät übertragen, und dann fliegt der Speer, und der Werfer kann nur noch hinterhergucken. Der Stabhochspringer dagegen bleibt mittendrin im Geschehen - und hoffentlich Herr der Lage. Wer Stabhochspringer wird, muss deshalb besondere Eigenschaften aufweisen. Neben Mut, Schnelligkeit und Kraft gehören turnerisches Vermögen dazu und ein exzellentes Raum-Lage-Empfinden. Der Sportler muss jederzeit wissen, wo sich sein Körper im Raum befindet.

Wenn ein Weltklasse-Athlet mit 18 schnellen Schritten zum Sprung anläuft, die lange Lanze im Anschlag, dann ist das ein spektakuläres Bild. In einer Tempo-30-Zone würde er geblitzt werden, denn die Maximalgeschwindigkeit reicht nahe an zehn Meter pro Sekunde heran - das entspricht 36 Kilometern pro Stunde. Beim Einstich wird die komplette Energie mit dem dreifachen Körpergewicht auf die Schulter des Athleten übertragen. Bei Otto sind es 270 Kilogramm, die dann an seinem rechten Arm hängen.

Der starke Arm des Rheinländers: Im Moment des Absprungs hängen 270 Kilogramm an seiner rechten Schulter
Der starke Arm des Rheinländers: Im Moment des Absprungs hängen 270 Kilogramm an seiner rechten Schulter : Bild: dpa

Den Abstand der Latte zur Einstichlinie kann der Athlet zwischen null und 80 Zentimetern auswählen. Die Nulllinie ist nicht machbar, es wäre exakt senkrecht über dem Einstichkasten - in den der Athlet dann auch wieder hineinfallen würde. „Null kannst du nur einmal springen“, sagt Otto und grinst. Normal ist ein Abstand zwischen 60 und 80 Zentimetern: Dann springt man nicht nur hoch, sondern auch weit. Je weiter hinten die Latte liegt, desto sicherer ist das ganze Unterfangen, aber der Weg nimmt eben auch zu. Entsprechend enger wird die Angelegenheit, je höher es hinausgehen soll. 35 Zentimeter: das ist das Steilste, was sich Otto zutraut.

„Es gibt Leichtathleten und Stabhochspringer“

Der Springer selbst ist im Moment des Einstichs rund vier Meter vom Kasten entfernt. Er hängt sich mit seinem ganzem Gewicht in den Stab hinein, biegt ihn, hebt ab und muss bereit sein, die zurückschlagende Energie wieder aufzunehmen, um sich - Kopf unten, Füße voraus - in voller Körperstreckung Richtung Himmel zu bewegen, über die Latte zu rollen und sich schließlich beim Sturz nach unten so verhalten, dass die Landung kein schmerzhaftes Erlebnis wird. Ein spektakuläres Gesamtkunstwerk, bei dem der Stab das Werkzeug ist.

Innerhalb des Wanderzirkus der Springer, Läufer und Werfer gehören Sportler wie Otto zu den Hochseilakrobaten. „Es gibt Leichtathleten und Stabhochspringer“, sagt er.

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Unser Autor: Martin Benninghoff

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