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Stabhochspringerin Lisa Ryzih : Mit Doktortitel nach Tokio

„Ich hatte ein Jahr verloren“, sagt Lisa Ryzih: „Jetzt kriege ich ein Jahr zurück.“ Bild: dpa

Lisa Ryzih glaubte, ein Jahr verloren zu haben durch die Verschiebung der Olympischen Spiele. „Jetzt kriege ich ein Jahr zurück.“ Die Stabhochspringerin nutzt die Corona-Zwangspause für die Promotion in Psychologie.

          3 Min.

          Schreckliche Wartezeit auf Olympia? Lähmende Untätigkeit? Nichts davon bei der Stabhochspringerin Lisa Ryzih. Im Garten ihrer Eltern in Grünstadt in der Pfalz macht sie Kraft- und Gymnastikübungen, in den Weinbergen ist sie schon mal bei Sprungübungen mit dem Stab zu treffen. Selbst wenn sie zu Hause in ihrer Wohnung in Mannheim sitzt, langweilt sich die Sportlerin nicht. Sie schreibt ihre Doktorarbeit in Psychologie. Die Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio 2020 auf den Sommer 2021 sind ein Geschenk für sie. „Ich hatte ein Jahr verloren“, sagt sie, die im Februar mit 4,45 Meter ihren neunten deutschen Titel gewann, den fünften in der Halle. „Jetzt kriege ich ein Jahr zurück.“

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          4,45 Meter – das sind dreißig Zentimeter weniger als ihre Bestleistung. Lisa Ryzih hat sich, seit dem vergangenen Jahr 31 Jahre alt, auf den langen Weg gemacht, wieder die Athletin zu werden, die sie vor 2018 war. Zugleich ist sie auf dem Weg in die Zukunft nach dem Sport. Psychologie, das sei immer eine Herzensangelegenheit gewesen, sagte sie schon, als sie 2009 ihr Studium in Landau begann. Ihr Diplom machte sie vor bald drei Jahren in Heidelberg mit einer Arbeit über die Körpersprache von Fußball-Profis. Kann man erkennen, ob diese ein Heim- oder ein Auswärtsspiel bestreiten? Kann man nicht. Die These, dass die Kicker im heimischen Stadion größeres Selbstbewusstsein ausstrahlten als im gegnerischen, ließ sich nicht bestätigen. Das sei kein Rückschlag, zitiert sie ihren Doktorvater, den Heidelberger Professor Henning Plessner. Es gebe kein Richtig und Falsch in der Wissenschaft.

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          Lisa Ryzih kommt, sportlich, aus einem tiefen Loch. Ein Achillessehnenriss beendete Anfang 2018 eine jahrelange Leidensgeschichte und bescherte ihr, zunächst noch mit einem Stützschuh am verletzten Fuß, fast ein ganzes Jahr ohne Sport. Bei der Europameisterschaft von Berlin war sie zwar im Olympiastadion, doch nicht als Teilnehmerin, sondern als Kommentatorin des Fernsehsenders Eurosport. Drei Monate hatte sie in Alicante in Spanien verbracht, und wenn sie über freie Sommertage am Strand sagt, dass sie so etwas vorher noch nie erlebt habe, scheint immer noch Staunen in ihrer Stimme zu liegen.

          Den vierten Platz von Zürich kann sie nun mit anderen Augen sehen.
          Den vierten Platz von Zürich kann sie nun mit anderen Augen sehen. : Bild: Picture-Alliance

          Lisa Ryzih wäre nicht sie selbst, in Omsk in Sibirien geborene Tochter einer russischen Familie mit strengem Arbeitsethos, hätte sie nicht die Zeit genutzt, die sich durch die Verletzung ergab. Sie erarbeitete einen Fragebogen, den sie bei den Baden-Württembergischen Schwimm-Meisterschaften und bei der deutschen Meisterschaft im Gewichtheben unter den Teilnehmern verteilte. Als sie bei der deutschen Hallen-Meisterschaft der Leichtathleten Anfang 2019 in Leipzig ihr Comeback gab, nutzte sie auch diese Gelegenheit zur Umfrage. Sechzig Prozent betrug der Rücklauf, 120 insgesamt, fast ausschließlich Frauen. Lisa Ryzih ließ diese, unmittelbar nach dem Wettbewerb und drei Monate später, ihre Leistung und ihre Plazierung beurteilen im Verhältnis zur Vorleistung, zur eigenen Erwartung und zur Reaktion des Trainers. Für ihre Doktorarbeit über Construal Level Theory versucht sie die Veränderung mentaler Abstraktionen durch Zunahme und Verringerung zeitlicher Distanz zu belegen; ein sozialpsychologisches Modell. Den Effekt kennt jeder, der weiß, dass man eine wichtige Entscheidung besser überschläft, als sie spontan zu treffen. Für die Athletin Lisa Ryzih besteht der praktische Wert der Arbeit darin, dass sie die vierten Plätze ihrer Karriere, etwa bei der Europameisterschaft von Zürich 2014, über die sie damals todunglücklich war, in der Rückschau mit Stolz betrachtet.

          Mit Sportpsychologe zu Olympia

          Ist Lisa Ryzih also auf dem Weg in die Sportpsychologie? Vielleicht, aber sie sagt, eigentlich sei das nicht ihr Ziel. Mit drei Jahren nach Deutschland gekommen, orientierte sie sich früh an der elf Jahre älteren Schwester Nastja, die 1999 in Maebashi Hallen-Weltmeisterin wurde. In der Jugend, bei den Junioren und in der Altersklasse U 23 gewann Lisa, von klein auf trainiert von ihrem Vater Vladimir Ryzih, jeweils den Weltmeistertitel, erwachsen wurde sie zweimal Zweite der Europameisterschaft. Man kann nur ahnen, welche Erwartungen und welcher Druck sie seitdem begleiten. Und man versteht, dass sie sagt, dass es irgendwann gut sei mit dem Sport. „Ich bin nicht Sportpsychologin, ich hatte in meinem Studium mit Sport nie etwas zu tun“, beharrt sie. „Für die Promotion nehme ich gern ein Thema aus dem Sport.“

          Schon 2010 gewann Lisa Ryzih (l.) ihre erste EM-Medaille, feiert damals Bronze gemeinsam mit Silke Spiegelburg (r.), die Silber holte.
          Schon 2010 gewann Lisa Ryzih (l.) ihre erste EM-Medaille, feiert damals Bronze gemeinsam mit Silke Spiegelburg (r.), die Silber holte. : Bild: Reuters

          Dies allerdings ist nicht die ganze Geschichte von Lisa Ryzih und der Sportpsychologie. Bevor 2018 die Fußverletzung Training und Wettkampf zeitweilig beendete, scheiterte sie bei der Hallen-Weltmeisterschaft von Birmingham; dreimal riss sie die Eingangshöhe von 4,50 Meter. „Damals habe ich gemerkt, dass ein Baustein fehlt“, erinnert sie sich. „Die letzten Zentimeter gewinnst du nicht durch einen schnelleren Anlauf oder einen härteren Stab.“ Nun begleitet ein Sportpsychologe sie auf ihrem Weg zurück. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich meine Routine verlieren könnte“, sagt sie. Bei der Team-Europameisterschaft in Bydgoszcz im vergangenen Jahr schockierte sie sich selbst mit einem weiteren Salto nullo. „Ich will erst mal wieder dorthin, wo ich schon mal war“, sagt sie. „Ich war doch gut.“

          Die Athletin und ihr Vater halten trotz der Verschiebung der Olympischen Spiele und trotz des Ausfalls aller Wettbewerbe in den nächsten Wochen und Monaten an ihrem Trainingsplan fest. Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren erleben sie einen Sommer ohne Leichtathletik-Saison. Lisa Ryzih gönnt sich lediglich einen Regenerationstag zusätzlich pro Woche. Den nutzt sie für den Weg zur Promotion. „Ich bin weit vorangeschritten mit meiner Arbeit“, sagt sie. „Was sonst soll ich machen?“

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