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Stabhochspringer Otto : Der Dauerflieger

  • -Aktualisiert am

Björn Otto macht mit 35 Jahren nicht mehr jede Übung im Training - und springt dennoch höher denn je Bild: dpa

Für Stabhochspringer Björn Otto beginnt beim Auftakt der Diamond League in Doha an diesem Freitag die WM-Saison. Mit 35 Jahren springt der WM-Zweite besser denn je - und finanziert sich mit seinen Erfolgen eine zweite Karriere als Pilot.

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          Flug QR 28 von Frankfurt nach Doha erreichte soeben die Reiseflughöhe von 39.000 Fuß, da hatte der Passagier auf Platz 32 E bereits sein Laptop aufgebaut und breitflächig Unterlagen ausgebreitet. Das Flugzeug war zum Glück höchstens zur Hälfte besetzt, so dass kein Sitznachbar störte oder gestört wurde. Die Kapuze über den Kopf gezogen, nutzte Stabhochspringer Björn Otto die sechs Stunden Flugzeit auf dem Weg zum Diamond-League-Meeting in der Hauptstadt von Qatar an diesem Freitag zum intensiven Lernen. „Ich habe kommenden Mittwoch eine wichtige Prüfung“, erklärte er, „da muss man die Zeit nutzen.“ In nicht allzu ferner Zeit will Otto in einer Boeing 737 oder einem vergleichbaren Passagierflugzeug ganz vorne sitzen, und zwar nicht in Reihe eins oder First Class, sondern im Cockpit.

          Denn seit März absolviert der 35-Jährige eine Ausbildung zum Piloten. Weil dies schon sein erklärter Berufswunsch war, als er noch 28 Semester Biologie studierte, bürgerte sich in Berichten über ihn gerne das Synonym „Air Otto“ ein. Vor allem dann, wenn der passionierte Gleitschirmflieger mal wieder zu sportlichen Höhenflügen angesetzt hatte.

          Und dies gelang ihm zuverlässig auf seine alten Wettkampf-Tage. Nach zwei Achillessehnenrissen 2008 und 2010 gab er nicht etwa auf, sondern kam zurück - und erwischte 2012 sein persönliches Glanzjahr: WM-Zweiter in der Halle, EM-Zweiter im Freien und als Krönung die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen. Stets geschlagen allerdings vom Franzosen Renaud Lavillenie, weshalb Nörgler dem Deutschen mit den stechend blauen Augen schon einen Silberblick unterstellten. Doch Ottos Erfolgsphase ging weiter. Zum Jahresabschluss gelang ihm beim Marktplatzspringen in Aachen ein Satz über die magische Sechs-Meter-Grenze: 6,01 Meter - deutscher Rekord und Senioren-Weltrekord seiner Altersklasse.

          In Doha beginnt die heiße Phase der Saison

          Nach Jahren des Probierens mit seinem Trainer Michael Kühnke hat Otto schlicht den Bogen raus. Auch in der folgenden Hallensaison meisterte er Spitzenhöhen zwischen 5,70 und 5,90 Meter im Dreitagesrhythmus, weshalb er schon sagte: „Ich trainiere nicht mehr, ich springe einfach.“ Was lässig klingt, aber zum Teil auch stimmt. „Ich kann in meinem Alter nicht mehr jede Übung machen, ich muss mich auf das Wesentliche konzentrieren.“ Seinen Anlauf hat er von 18 auf 20 Schritte erweitert, dadurch ist das Tempo höher, die Kraftübertragung besser, die Flugkurve höher. Elf von 13 Wettbewerben gewann er 2013, nur bei der Hallen-EM war Lavillenie mal wieder stärker: Otto holte sich sein viertes Silber binnen 12 Monaten. „Der Kampf geht weiter“, sagte er zu Beginn der Sommersaison. „Auch Renaud ist nicht unschlagbar.“ Und tatsächlich ließ er den Franzosen bei zwei Meetings in den Vereinigten Staaten Ende April unter sich.

          Die Aushängeschilder der deutschen Stabhochsprungmannschaft: Raphael Holzdeppe (links) und Björn Otto
          Die Aushängeschilder der deutschen Stabhochsprungmannschaft: Raphael Holzdeppe (links) und Björn Otto : Bild: AFP

          Die heiße Phase der WM-Saison 2013 startet nun in Doha - ohne Lavillenie. Dafür mutet der Stabhochsprung-Wettbewerb wie eine ausgelagerte deutsche Meisterschaft am Persischen Golf an: Zehn Springer sind gemeldet, darunter neben zwei Russen, einem Ukrainer und dem starken Griechen Kostas Filippidis sechs Deutsche: Der Kölner Otto ist der Vorspringer, der sich aber „nicht als Anführer“ sieht, dazu Raphael Holzdeppe, der Bronzemedaillengewinner von London, sowie der Olympia-Vierte Malte Mohr (beide München). Und die drei Leverkusener Tobias Scherbarth, Hendrik Gruber und Karsten Dilla aus der stark besetzten zweiten Reihe ergänzen nicht nur das Feld, sondern wollen es aufmischen.

          Auf die Frage, warum so viele Deutsche eingeladen sind, sagt Dilla: „Weil sie die Besten haben wollen.“ Jüngst hatte das Sextett bereits mit einem Showmeeting im Düsseldorfer Flughafen für Aufsehen gesorgt: Gewonnen hat Otto, der allerdings einen Heimvorteil einräumte: Im Rahmen seiner Ausbildung in der Flugschule habe er Tage zuvor „vier Abflüge von Düsseldorf Airport“ geübt. Morgens Pilotenschule, abends Training, zwischendurch Lernen. „Man muss ein gutes Zeitmanagement haben“, sagt der Dauerflieger. 22 Monate soll die Doppelbelastung dauern, dann will er den selbst finanzierten Pilotenschein in der Tasche haben. Ein großer Anreiz, in der Hitze von Doha zu springen, sind die ausgelobten Prämien: Dem Gewinner winken vier Punkte im „Diamond Race“ und 10.000 Dollar für die Ausbildungskasse. Ottos Ziel ist deshalb klar. Gewinnen. Egal wie hoch.

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