https://www.faz.net/-gtl-84pqc

Stabhochspringer Holzdeppe : Die Leiden eines Champions

Raphael Holzdeppe: Weltmeister 2013 Bild: dpa

Stabhochsprung-Weltmeister Holzdeppe ist nach zwei verkorksten Jahren wieder auf dem Weg nach oben. An Selbstbewusstein hat es ihm nie gemangelt. Nur an Sprunghöhe. Bei der Team-EM will er punkten.

          Weltmeister werden ist schon schwer, Weltmeister sein dagegen noch viel mehr. An diesem Wochenende wird Raphael Holzdeppe bei der Team-Europameisterschaft der Leichtathleten für Deutschland antreten: Für ihn sind es die ersten Titelkämpfe seit dem Gewinn der Goldmedaille vor fast zwei Jahren. Von Moskau bis Tscheboksary an der Wolga führte der Weg des 25 Jahre alten Stabhochspringers durch ein tiefes Tal. Seine erste Hallensaison als Champion fiel Rückenbeschwerden zum Opfer, es folgte ein so verkorkster Sommer, dass mancher von einem Seuchenjahr 2014 sprach, und dann ließ Holzdeppe einen Winter folgen, in dem er wieder nicht so recht vom Boden wegzukommen schien. Nun hat er in Eugene (Oregon) in den Vereinigten Staaten mit 5,80 Meter eine angemessene Flughöhe erreicht und damit auch die Qualifikation für die Weltmeisterschaften im August in Peking, für die er sich als Titelverteidiger eigentlich gar nicht qualifizieren müsste. Holzdeppe ist endlich wieder da.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Weltmeister zu werden ist großartig. Man hat den Traum verwirklicht, in der Welt ganz oben auf dem Podest zu stehen. Die ganze Mühe hat sich ausgezahlt. Ich habe den Moment genossen“, erzählt der 25-Jährige. „Ein, zwei Tage lässt man alles Revue passieren, und spätestens wenn man wieder zu Hause ist, im Training, überlegt man: Was muss ich tun, damit ich das alles noch einmal erleben kann?“ Die Konsequenz des Ehrgeizes: „Das geht nicht erst los, wenn man Weltmeister wird. Wenn man Pfalz-Meister wird, will man im Jahr drauf Rheinland-Pfalz-Meister werden.“

          Die Pfalz. Dort leben die Eltern, die Freunde, sie besuchte Holzdeppe während seiner Münchner Jahre, als er sich der Trainingsgruppe von Chauncey Johnson anschloss, immer wieder. Als Gewinner der olympischen Bronzemedaille von London hatte er die Pfalz und seinen Trainer Andrej Tiwontschik verlassen. Als Weltmeister kehrte er aus München zurück in die Heimat.

          Rekordsprung oder Titel veränderten einen Menschen, sagt Sergej Bubka. Der Ukrainer hat mehr als dreißig Mal den Weltrekord verbessert. Plötzlich sei dies der Maßstab, nichts Geringeres gelte mehr. Ein Sportler auf dem Gipfel müsse diesem Druck gewachsen sein. So wie Bubka das sagte, als er Holzdeppe beim Hallen-Istaf in Berlin begegnete, erklärt es die lange Abwesenheit des Champions.

          Leichtathletik als Beruf: Holzdeppe will es beweisen

          In seinem Bestreben, nach dem Höhenflug von Moskau er selbst zu bleiben, als im Winter Rückenschmerzen und im Sommer eine Wadenverletzung ihn stoppten, stieg Holzdeppe auch noch aus der staatlichen Spitzensportförderung aus. Nach dem Abitur 2009 war der Junioren-Weltmeister, Junioren-Weltrekordhalter und U-19-Europameister zur Bundeswehr gegangen, um wie ein Profi trainieren zu können. Spätestens mit dem Titel war er Profi geworden. Deshalb, sagt er, habe er die Stelle frei gemacht.

          „In den Medien wird immer behauptet, dass nur Fußballer und Boxer von ihrem Sport leben könnten. Ich will zeigen, dass dies auch in der Leichtathletik möglich ist“, sagt Holzdeppe. „Ich will ein Zeichen dagegen setzen, dass die Leichtathletik als Randsportart betrachtet wird. Sie ist die olympische Kernsportart. Auch wenn die Fernsehzeiten zurückgegangen sind: Weltmeisterschaften sind Riesen-Events. Man kann unseren Sport als Beruf ausüben.“

          Stabhochspringer Holzdeppe: mit 5,80 Meter wieder eine angemessene Flughöhe erreicht

          Für Stabhochspringer gibt es außerhalb der traditionellen Sportfeste in Deutschland einen veritablen Tournee-Zirkus. Von den Marktplätzen und aus den Einkaufszentren nimmt das Spektakel nun seinen Weg in die Hallen und Arenen. „Dies ist der richtige Weg, Leichtathletik zu präsentieren“, sagt Holzdeppe. „Mehr Show, das Ganze aufzuziehen wie Boxkämpfe mit Spotlight und Musik - das ist die Zukunft.“

          Doch selbstverständlich gehört mehr dazu, sich gen sechs Meter Höhe zu schwingen, als sich die Haare blond zu färben oder sich einen Stabhochspringer und eine Fackel mit den Olympischen Ringen auf die Oberarme tätowieren zu lassen, wie es Holzdeppe tat. „Man braucht innere Ruhe, vor allem aber eine innere Überzeugung“, sagt er. „Man muss wirklich wissen, dass das, was man machen will, auch funktioniert. Sobald man davon nur 98-prozentig überzeugt ist, hat man zwei Prozent Zweifel. Dann wird der Sprung nicht gut.“

          Karriereziel Olympia-Gold

          Holzdeppes Gewissheit wurde im vergangenen Winter einer schweren Prüfung unterzogen. „Am Ende eines solchen Jahres ist man bei sechzig Prozent des Trainings, das man sich vorgenommen hatte. Da fehlt einem dann schon etwas beim Aufbau der nächsten Saison“, erzählt er. „Eigentlich ist es simpel: Je kürzer der Anlauf, desto mehr Sprünge kann ich machen. Es ist nicht so anstrengend. Deswegen bin ich mit kurzem Anlauf gesprungen: Wir haben versucht, aufzubauen, was im Laufe des Jahres verloren gegangen war.“

          Viele Einsätze mit 14 Schritten statt große Sprünge mit maximaler Anlaufgeschwindigkeit aus 18 Schritten: Während Publikum und auch Konkurrenten Holzdeppe in der Krise sahen, war dieser längst dabei, sich auf die Weltmeisterschaftssaison vorzubereiten. Erwartungen der Öffentlichkeit belasten ihn nicht. „Klar ist das auch der eigene Anspruch: Jetzt bin ich Weltmeister, den Titel will ich noch mal gewinnen“, sagt er. „Jetzt habe ich Olympia-Bronze, als Nächstes will ich Gold gewinnen.“ Zunächst einmal wäre er zufrieden, wenn er seinen Teil dazu beitragen könnte, dass die deutsche Mannschaft ihren Titel als Europameister verteidigen kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anwalt Michael Cohen : Tricksen für Trump

          Der ehemalige Anwalt des Präsidenten soll vor dem Wahlkampf eine Firma bezahlt haben, Online-Umfragen für Trump zu manipulieren. Für Cohen sprang ein Fake-Fanclub heraus, dessen Huldigungen immer noch online sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.