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Sprinterin Verena Sailer : Die schnellste Deutsche - eigentlich

Sprinterin Verena Sailer: Ein deutscher Rekord „wäre etwas wert, wenn man ihn gelaufen wäre.“ Bild: dpa

Verena Sailer ist in der ewigen Bestenliste Achte über 100 Meter - hinter sieben Doperinnen. Doch das blendet sie aus. Ein deutscher Rekord, sagt sie: „wäre etwas wert, wenn man ihn gelaufen wäre.“

          Eigentlich gibt es das Wort „eigentlich“ im Sport nicht. Gerade in der Leichtathletik sind Sieg und Niederlagen eindeutig, die Leistungen sind messbar. Rekorde sind absolut. Und so ist Verena Sailer, die unangefochtene deutsche Meisterin im Sprint in der Halle und im Stadion, für Deutungen und Interpretationen nicht zu haben. Auf die Frage, ob sie nicht eigentlich den deutschen Rekord halte mit ihrer Bestzeit im Sprint von 11,02 Sekunden, gelaufen im vergangenen Jahr in Weinheim, erwidert sie bei der Hallen-Weltmeisterschaft der Leichtathleten in Zoppot (Polen) am Samstag: „Solche Gedanken mache ich mir gar nicht.“ Aber ein deutscher Rekord, das ist doch etwas! „Er wäre etwas wert, wenn man ihn gelaufen wäre.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch Werner Franke, der Mikrobiologen aus Heidelberg und große Aufklärer von Doping insbesondere im deutschen Sport, lässt keinen Raum für eigentlich und uneigentlich. „In Wahrheit hält Verena Sailer den deutschen Rekord über hundert Meter“, sagt er. „Keine deutsche Sprinterin ist je sauber unter elf Sekunden gelaufen.“

          Keine Deutsche sauber unter elf Sekunden

          Die sogenannte ewige Bestenliste des Deutschen Leichtathletik-Verbandes weist sechs von ihnen aus: Marlies Göhr vom SC Motor Jena ist seit dem 8. Juni 1983 in 10,81 Sekunden die Schnellste; ihr folgen Marita Koch (10,83), Silke Gladisch (10,86), Katrin Krabbe (10,89), Heike Drechsler (10,91) und Bärbel Wöckel 10,95.

          Und auch Annegret Richter, die mit einer Hundertstel über den elf Sekunden auf Rang sieben folgt, haben Brigitte Berendonk und Franke in ihrem Buch „Doping-Dokumente“ nachgewiesen, dass ihr wie den anderen damals in den achtziger Jahren männliche Sexualhormone Beine machten. „Und das ist alles gerichtsfest“, sagt Franke.

          Ihr größter Sieg: 100-Meter-Europameisterin 2010 in Barcelona Bilderstrecke

          Weil die Delegierten des Welt-Leichtathletikverbandes den Antrag des deutschen Verbandes ablehnten, zur Jahrtausendwende einen Schlussstrich unter das Zeitalter auch des sportlichen Wettrüstens zu ziehen und eine neue Rekordliste zu beginnen, und weil ehemalige Athleten aus Ost und West dem deutschen Verband, als er die Streichung im Alleingang erwog, mit Schadensersatzansprüchen drohten, ist alles beim Alten geblieben.

          „Die Lüge wird am Leben gehalten“

          Als großes Eigentlich hat die Liste eine Präambel, die auf Frankes Buch und auf Gerichtsurteile wegen Dopings Minderjähriger verweist. „Die Lüge wird am Leben gehalten“, schimpft Franke. Der Weltverband hat wie zum Hohn vor wenigen Jahren Rekordlisten für Junioren aufgelegt, in denen Heidi Krieger aus der DDR als Nummer zwei des Kugelstoßens geführt wird. Aus der Sportlerin ist, auch durch die Doping-Mittel, die ihr verabreicht wurden, längst ein Mann geworden. Dieser, Andreas Krieger, protestiert erfolglos dagegen, in dieser Liste geführt zu werden.

          Das Talent der 28 Jahre alten Verena Sailer aus Illertissen im Allgäu besteht auch darin, sich konzentrieren zu können. Sie blendet aus, was zu der Zeit passierte, in der sie geboren wurde, ebenso wie das, was Konkurrentinnen von heute in ein schlechtes Licht stellt, etwa die Doping-Kontrollen, besser: deren Abwesenheit und Wirkungslosigkeit in der Hochburg des Sprints auf Jamaika. Sie wisse nicht, was die Sprinterinnen aus der Karibik tun und lassen, erwidert sie, wenn sie darauf angesprochen wird; sie wisse nicht einmal, was sie denken, weil sie mit ihnen nicht ins Gespräch komme. Von einem angeborenen Vorteil schwarzer Sprinterinnen allerdings will sie nichts wissen. „Ich glaube nicht, dass ich weniger Talent habe, weil ich weiß bin“, sagt sie.

          Weltweit geringere Chancen als in Europa

          Dennoch hat Verena Sailer im weltweiten Vergleich geringere Chancen als im europäischen. Wenn sie sich also auf die nahe Zukunft konzentriert, sind das weniger Halbfinale (15.15 Uhr) und Endlauf (18.05 Uhr) über 60 Meter an diesem Sonntag als vielmehr die Europameisterschaft im August in Zürich. Vor vier Jahren wurde sie in Barcelona Europameisterin. Auch in diesem Jahr sind die Aussichten gut. Im Gegensatz zum Winter 2009/10, in dem sie pausierte, tut sie in diesem Winter etwas für ihr Selbstbewusstsein.

          Beim Indoor-Istaf vor einer Woche in Berlin lief sie über 60 Meter in 7,12 Sekunden so schnell wie nur einmal in der vergangenen Saison und ist damit die Nummer acht in der Welt und Nummer zwei in Europa hinter der Britin Asha Philip (7,09). Nun ist sie im Vorlauf mühelos nur eine Hundertstelsekunde darüber geblieben. Nur Olympiasiegerin Shelly-Ann Fraser-Pryce aus Jamaika war, in 7,12 Sekunden, schneller. An diesem Sonntag liegt die Wahrheit auf der Bahn. Eigentlich.

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