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Sprinterin Gina Lückenkemper : „Ich war geschockt, was manche sich herausnehmen“

„Meine Community hat mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben“: Gina Lückenkemper Bild: Picture-Alliance

Gina Lückenkemper ist eine der gefragtesten Athletinnen Deutschlands und nimmt ihre Rolle als Person des öffentlichen Lebens gerne an. Dazu gehört ihre offensive Social-Media-Strategie.

          Ein warmer Sommerabend im Mommsenstadion. Nur ein paar Handvoll Zuschauer sind zu den Wettbewerben überschaubaren Niveaus am Rand des Grunewalds in Berlin gekommen. An der Hochsprungmatte liegt Gina Lückenkemper auf einer Matte, ihren Rucksack und eine Wasserflasche neben sich. „Ich weiß nicht, wann ich zuletzt bei so einem entspannten Wettkampf an den Start gegangen bin“, sagt die Sprinterin. Entspannung ist wichtig für sie nach dem vergangenen Jahr, in dem sie Zweite der Europameisterschaft wurde, zum dritten Mal die Grenze von elf Sekunden durchbrach und zu einer der gefragtesten Athletinnen Deutschlands wurde.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Dabei ist mal wieder viel los. Statt hier in Berlin, beim Midsommar Sportfest des SC Charlottenburg, in aller Ruhe loszulaufen in die lange Saison, die erst mit der Weltmeisterschaft von Doha im Oktober enden wird, musste Gina Lückenkemper schon Mitte Juni in der Diamond League ran. Die Veranstalter der Sportfeste von London und Lausanne wollten die 10,98 Sekunden von 2018 nicht als Qualifikation betrachten, also musste sie in Rabat starten, um ein paar Punkte und damit Zugang zu den besten Rennen der Saison zu erwerben. „Wenn man einmal drin ist, sollte man schauen, dass man auch drin bleibt“, sagt sie. 11,36 Sekunden lief sie dort und blieb damit zwölf Hundertstelsekunden über der Norm für die Weltmeisterschaft. Auf 11,34 verbesserte sie sich in Berlin. Seit der WM von London 2017 steht eine Bestzeit von 10,95 Sekunden zu Buche, daran wird Gina Lückenkemper gemessen.

          Die 22-Jährige hat ihre Rolle als Person des öffentlichen Lebens gern angenommen. „Joa. Was soll ich dazu sagen“, kommentierte sie deshalb auf Instagram, wo ihr 137.000 Menschen folgen, den Lauf von Marokko und erklärte, dass sie in ihrer Unerfahrenheit damit gerechnet hatte, dass der Start, der wegen des Lärms von Trommeln abgebrochen worden war, gewiss noch einmal unterbrochen würde, wenn zu den Trommeln auch noch Vuvuzelas kommen. War aber nicht so. „Es kann nur schneller werden“, endet der lange Eintrag. Vor allem aber hat sie noch sehr viel Zeit in dieser Saison.

          Auch deshalb nahm sie vor Rabat die Einladung in die Fernsehshow von Jan Böhmermann an. Scheinbar mühelos und bestens gelaunt übersetzte sie Sportliches für Nicht-Experten: „Vom Grundprinzip her kann man sagen, dass Sprinter die Faulsten sind. Wenn man Sprinttraining verallgemeinert, ist es eine lange Pause mit ein paar kurzen Unterbrechungen.“ Für die Überwachung durch Doping-Kontrolleure fand sie die Schlagzeile „Big Brother is watching me“. In den folgenden Tagen abonnierten weitere 11.000 Menschen die Instagram-Posts der Sprinterin.

          Ruhm und Glamour täuschen über die Belastungen eines Lebens in und von der Öffentlichkeit hinweg. „Mir ist alles zu viel geworden“, sagt Gina Lückenkemper über den Winter, „mein Kopf ist damit nicht mehr zurechtgekommen.“ Obwohl sie bis auf den Start beim Istaf Indoor auf die Hallen-Saison verzichtete, nahmen Interviews, Sponsorentermine und Reisen so viel Zeit in Anspruch, dass sie bis Februar nicht dazu kam, gemeinsam mit ihrem Trainer die vergangene Saison aufzuarbeiten. Im Herbst erfuhr sie, dass ihr bisheriger Klub, Bayer Leverkusen, den Ausrüster wechseln würde; sie aber wollte bei Adidas bleiben, weil sie mit dem Unternehmen ein Sponsorenvertrag verbindet und weil ihr Lebensgefährte dort beschäftigt ist.

          Das hat zum Wechsel nach Berlin geführt und zur Unterbrechung ihres Studiums der Wirtschaftspsychologie. Noch dazu hatte sie sich, vor der Saison praktisch, auf die World Relays in Yokohama vorzubereiten. Als Kurvenläuferin wurde sie dort im Mai mit der deutschen Staffel Dritte hinter den Vereinigten Staaten und Jamaika und ist damit für die Weltmeisterschaft qualifiziert. „Wenn ich in der Woche nach Yokohama hundert Meter gelaufen wäre, hätte ich eine viele bessere Zeit für den Saisoneinstieg schaffen können“, sagt sie. „Aber wir haben uns bewusst für die Pause und die Ruhe entschieden.“

          Auf Instagram, Facebook und gelegentlich auch Youtube potenziert Gina Lückenkemper ihre Präsenz. „Das ist meine Art von Transparenz“, sagt sie. „Ich bin Sportlerin und möchte als solche angesehen werden. Dass ich eine so große Reichweite habe, dass so viele Leute spannend finden, was ich so mache, ist faszinierend.“ Meist empfindet sie die Kommunikation mit denjenigen, die ihr folgen, als angenehm. Doch kürzlich, erzählt sie, „hat mich jemand beschimpft, da kannst du dir nur an den Kopf packen. Jemand schickt eine Sprachnachricht, da habe ich kurzzeitig den Glauben an die Menschheit verloren.“ Ein Mann beschimpfte sie sexistisch und obszön und drohte, sie zu vergewaltigen. Gina Lückenkemper veröffentlichte die Ansage. „Ich war geschockt, was Leute sich herausnehmen“, sagt sie. Social Media, das seien wohl auch asoziale Netzwerke. Sie bekam überwältigenden Zuspruch. „Meine Community“, sagt sie und blinzelt in die Berliner Sonne, „hat mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben.“

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