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Sprinter Sven Knipphals : „Zum Betteln bin ich eigentlich zu stolz“

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Polemik auf Facebook: Sven Knipphals (r.) kritisiert die Sportartikelhersteller Bild: Facebook-Seite Sven Knipphals

Mit wenig auszukommen, gehört zum Alltag vieler deutscher Spitzensportler. Der Sprinter Sven Knipphals aber findet noch nicht mal einen Ausrüster, der ihm Hose, Schuhe oder Jacke stellt. Er wehrt sich mit Hilfe des Internets.

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          Sie haben 2013 Ihre Bestmarke über 100 Meter auf 10,20 Sekunden verbessert, wurden mit der Staffel WM-Vierter, und trotzdem haben Sie keinen Ausrüster. Das haben Sie auf Ihrer Facebook-Seite veröffentlicht. Warum?

          Ich wollte darauf aufmerksam machen, was Leistungssport in Deutschland zum Teil bedeutet. Vieles hat eher Amateur-Niveau, gewissermaßen - aber ich glaube nicht, dass dies so viele Leute wissen.

          Warum haben Sie denn keinen Sportartikelhersteller mehr, der Sie unterstützt?

          Das habe ich mich schon oft gefragt. 2009 kam bei den deutschen Meisterschaften jemand auf mich zu und fragte, ob er mir mal ein Präsent schicken dürfe. Das habe ich angenommen. 2011 haben sie mir dann gesagt, dass ich pro Jahr etwas für 1000 Euro Einkaufspreis bestellen darf. Ich habe diesen Betrag nie ausgereizt, aber natürlich hat mir diese Unterstützung geholfen. Ich bekam Trainingssachen, Schuhe, Hosen, so etwas ist ein durchaus gängiges System im Sport. Nur wenige Athleten haben einen persönlichen Vertrag mit einem der Sportartikelhersteller, dafür muss man schon im Einzelfinale bei einer WM gewesen sein. Mitte 2012 wurde mir dann gesagt, dass ich nichts mehr bekomme, weil es dafür keine finanziellen Mittel mehr gebe. Sie haben mir aber auch gesagt, dass ich mich wieder melden soll, wenn ich signifikant schneller laufe.

          Was heißt das?

          Ich bin damals über 200 Meter die olympische Norm in 20,53 Sekunden gelaufen und weiß selbst nicht, was dann „signifikant“ bedeuten soll. Zwei Zehntelsekunden sind sicher realistisch, aber „signifikant“ ist ohne Doping definitiv nichts mehr machbar. Derzeit bin ich über 100 Meter Dreizehnter in der ewigen deutschen Bestenliste, das bedeutet, dass in der Geschichte nur zwölf andere deutsche Sprinter schneller gewesen sind. Da sollte jeder sehen, dass da nicht mehr so viel rauszuholen ist. Aber gerade in der Staffel haben wir oft bewiesen, dass wir vorne mitlaufen können. Und was sagt der Hersteller dazu? Die Staffel interessiert uns nicht!

          Der Traum von Olympia lebt: Sven Knipphals

          Und wie haben Sie dann reagiert?

          Ich habe bei einem anderen Hersteller nachgefragt, ob ich dort Unterstützung erhalte. Mein Trainer und ich haben mehr als einen Monat verhandelt. Am Ende wurde uns wieder mitgeteilt, dass das Budget nichts hergebe. Dabei wäre mir schon geholfen, wenn ich neben der Ausrüstung monatlich vielleicht 500 Euro bekommen würde. Nur zum Vergleich: Tyson Gay hat von seinem Sportartikelhersteller pro Jahr ungefähr 700.000 Euro bekommen, ehe er des Dopings überführt worden ist. Mir ist natürlich auch klar, dass die Unternehmen wirtschaftliche Interessen verfolgen, dass ein Gay mehr Leute packt als ich. Aber diese Unternehmen schmücken sich nur allzu gern mit sauberem Sport, da muss man sich halt überlegen, was glaubwürdiger ist. Und es passiert ja regelmäßig, dass jemand erwischt wird. Allerdings kann ich nicht erkennen, dass die Sportartikelhersteller daraus irgendwelche Konsequenzen ziehen.

          Wie waren die Reaktionen bei Facebook?

          Sehr extrem. Mehr als 13.000 Leuten gefällt mein Beitrag, das ist außergewöhnlich viel. Wenn ich deutscher Vizemeister werde, bekomme ich vielleicht 500 Likes, bei den Weltmeisterschaften waren es mal 2000. Von den Firmen hat sich jedoch niemand gemeldet. Also trete ich vorerst ohne offiziellen Ausrüster an und werde alle Logos mit Klebestreifen verdecken.

          Sie haben die Entscheidung getroffen, neben der Sportkarriere in England ein Studium zum „Chiropractor“ zu beginnen. Ist eine duale Karriere im deutschen Sportsystem möglich, wenn man beides ernsthaft verfolgen möchte?

          Nein, man kann nicht Weltklasse sein und nebenbei vernünftig studieren. Ich kann mein Potential so niemals ausschöpfen. Aber das nehme ich in Kauf, weil ich nach meiner Sportkarriere eine Sicherheit für mein weiteres Leben haben möchte. Ich finde auch nicht, dass ich Geld mit dem Sport verdienen muss. Ich wünsche mir nur genug, um optimal trainieren zu können. Wenn ich am Ende des Jahres bei null bin, dann ist das absolut in Ordnung. Es geht mir nicht darum, mit dem Sport für den Rest meines Lebens einen Reibach zu machen. Aber die Realität sieht so aus: Ich bin B-Kader-Athlet, von der Sporthilfe bekomme ich pro Monat 200 Euro, hinzu kommen 400 Euro von meinem Verein aus Wolfsburg und 300 Euro vom Landesverband in Niedersachsen. Das hilft mir sehr. Aber ohne meine Eltern hätte ich mir noch nicht einmal mein Studium finanzieren können. Nun arbeite ich dreißig Stunden in der Woche, dazu kommt das Training. Ohne meine Arbeit könnte ich nicht leben.

          Bleiben die Olympischen Spiele in Rio 2016 trotzdem ein Ziel?

          Natürlich, Olympia ist das Ziel eines jeden Sportlers. Und ich glaube, dass man es insbesondere über die 200 Meter auch als Deutscher sauber bis ins Finale schaffen kann. Das ist eine Distanz, bei der man mehr Ehrgeiz als Talent braucht. 200 Meter laufen nicht so viele Leute. Wenn man eine Zeit um den deutschen Rekord läuft, eine 20,20 oder 20,30, dann sollte da was möglich sein. Das bleibt meine Motivation.

          Und wie wollen Sie das finanzieren?

          Zuletzt haben mir viele kleine Firmen geschrieben, mit denen stehe ich nun in Kontakt. Vielleicht kommt so genug zusammen, damit ich mich weiter auf den Sport konzentrieren kann. Außerdem habe ich mich zuletzt stark mit Crowdfunding beschäftigt. Aber ich finde, dass das dem Betteln schon sehr nahe kommt. Dafür bin ich eigentlich zu stolz. Wenn es aber die einzige Möglichkeit wäre, würde ich auch diesen Weg probieren. Ich möchte aber keine Autogrammkarten für 10 Euro oder Trainingsstunden für 100 Euro verkaufen.

          Die Fragen stellte Michael Wittershagen.

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