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Paukenschlag im Niemandsland : Der Wahnsinns-Lauf von Sprinter Michael Norman

Schnell zu Fuß: Michael Norman (hier im Juni 2019) Bild: AFP

Zum ersten Mal seit vier Jahren läuft der Amerikaner Michael Norman wieder auf der 100-Meter-Distanz. Am Ende steht eine beeindruckende Zeit auf der Anzeigentafel. Das wirft eine Frage auf.

          3 Min.

          Die Leichtathletik hat wieder eine Zukunft. Zwar blies der amerikanische Verband am Montag die Austragung seiner Meisterschaften ab – zum ersten Mal seit 1875, wie Fachleute bemerkten. Er könnte, selbst wenn keine Zuschauer erlaubt wären, nicht die Sicherheit der von überall in den Vereinigten Staaten anreisenden Teilnehmer vor Corona-Infektionen garantieren. Doch bei improvisierten Veranstaltungen ohne Publikum zeigten sich einige Sportlerinnen und Sportler auf der Höhe.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Herausragend war die Leistung von Michael Norman. Der 22 Jahre alte Amerikaner brachte in Fort Worth in Texas die 100 Meter in 9,86 Sekunden hinter sich. Damit ist er auf einen Schlag die Nummer 17 der Weltrangliste und hat die Bestzeit von Berühmtheiten wie dem neunmaligen Olympiasieger Carl Lewis, von Frank Fredericks, Ato Boldon, Jimmy Vicaut und Noah Lyles erreicht. In diesem und dem vergangenen Jahr lief allein Weltmeister Christian Coleman schneller (9,76), doch der ist derzeit und voraussichtlich noch eine ganze Weile gesperrt, weil er bei Doping-Kontrollen allzu oft nicht auffindbar war.

          Auf drei Strecken überragend

          Norman verbreitete ein Video seines Laufes auf Twitter mit dem Hinweis, nach vier langen Jahren sei er endlich wieder einmal die 100 Meter gelaufen. Die Aufnahme wirkt, als sei sie bei einer Veranstaltung im Niemandsland zwischen Autobahn und Football-Feld entstanden. Jedenfalls sind mehr Autos als Menschen darauf zu sehen. Fünf Läufer teilen sich neun Bahnen, und Norman siegt mit Riesenvorsprung. Der Lauf fand auf der Athletic Performance Ranch statt, einem Leistungszentrum zwischen Prärie und Großraum Dallas.

          Seine Leistung macht Norman zum zweiten Läufer der Welt, der auf drei Strecken überragt, indem er auf den hundert Metern 10 Sekunden unterbietet, auf den 200 Metern 20 Sekunden (Bestzeit: 19,70) und auf den 400 Metern 44 Sekunden (43,45). Olympiasieger Wayde van Niekerk aus Südafrika, der den Weltrekord über 400 Meter auf 43,03 Sekunden gedrückt hat, war der Erste, dem dies gelang. Auch Norman kommt von der Stadionrunde. Seit März 2018 hält er mit 44,52 Sekunden den inoffiziellen Hallen-Weltrekord über 400 Meter. Im vergangenen Jahr gewann er die Diamond League auf dieser Distanz. Bei der Weltmeisterschaft von Doha im vergangenen Jahr, seiner ersten Chance auf einen großen Titel, schied er im Halbfinale aus.

          Auf dem Sprung in den Olymp?

          Amerikanische Sportjournalisten sehen ihn dennoch bereits auf dem Sprung in den Olymp der Sprinter, zu Usain Bolt und Michael Johnson. Der eine siegte bei Olympischen Spielen über 100 und 200 Meter dreimal, von Peking 2008 bis Rio 2016. Der andere wurde, 1996 in Atlanta, Olympiasieger über 200 und 400 Meter. Der Start von Norman auf allen drei Strecken bei den Sommerspielen von Tokio 2021 ist höchst unwahrscheinlich. Die Finals finden am 1., 4. und 5. August statt, die Endläufe der 4×100- und 4×400-Meter-Staffeln innerhalb einer Stunde am 7. August.

          Michael Norman, geboren und aufgewachsen in San Diego in Kalifornien, hat eine japanische Mutter und ist mit 1,85 Meter Länge auffallend groß. Während seiner Zeit an der University of Southern California in Los Angeles wurde er trainiert von Quincy Watts, 400-Meter- und Staffel-Olympiasieger von Barcelona 1992. Auch als Profi lässt er sich weiterhin von ihm betreuen, der gern versichert, Norman sei zu Großem bestimmt. Zwar ist der Läufer von den Erfolgen der Bolts, Johnsons und van Niekerks noch weit entfernt. Doch sowohl in der Umrechnung nach der Punktewertung des Weltverbandes (3811) als auch in der Addition der Bestzeiten (73,01 Sekunden) liegt er im Vergleich auf Platz drei, im ersten Fall vor van Niekerk (3793), im zweiten vor Bolt (74,05).

          Auch in Blue River, eine Autostunde östlich von Eugene (Oregon), gaben die Läuferinnen und Läufer Lebenszeichen. Sieben Rennen gab es bei der Pop-up-Veranstaltung, die im Geheimen vorbereitet worden war und zu der nur handverlesene Teilnehmer eingeladen und je zweimal auf das Coronavirus getestet wurden. Den Vergleich über 1000 Meter gewann Konstanze Klosterhalfen aus Königswinter. In 2:37,05 Minuten lief sie dabei persönliche Bestzeit. Über 3000 Meter siegte die Amerikanerin Shannon Rowbury, Mannschaftskameradin der Deutschen im Team von Trainer Pete Julian, dem einstigen Oregon Project, in 8:40,26 Minuten. Nijel Amos, Zweiter über 800 Meter bei den Olympischen Spielen von London 2012, lief 600 Meter in 1:15,86 Minuten.

          Gute Nachricht auch aus Deutschland: Nicht nur soll das traditionsreiche Istaf im Berliner Olympiastadion am 13. September stattfinden. Mit seinem Hygiene-konzept hat der Veranstalter auch dafür gesorgt, dass voraussichtlich 3500 Zuschauer in der weitläufigen Arena dabei sein dürfen, wenn Stabhochsprung-Europameister und Weltrekordler Armand Duplantis sowie Hindernis-Europameisterin Gesa Krause an den Start gehen.

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