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Sprinter Julian Reus im Gespräch : „Zum Glück habe ich keine Vorbilder“

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„Seht her, ich bin der Schnellste“: Reus ist auch über 200 Meter Deutscher Meister Bild: dpa

Julian Reus, 25 Jahre, ist Deutschlands schnellster 100-Meter-Läufer. Bestzeit: 10,09 Sekunden. Nach den spektakulären Doping-Fällen spricht er im FAZ.NET-Interview über positive Karibik-Sprinter, saubere Leistungen und die Wut, gegen Betrüger antreten zu müssen.

          Weil die Nummer eins fehlt, ist es nur der zweitgrößte anzunehmende Unfall, der die Leichtathletik und vor allem den Sprint ins Wanken bringt: Tyson Gay, 2007 dreifacher Weltmeister: positiv, Asafa Powell, einst Weltrekordhalter: positiv, Sherone Simpson, Olympia-Silber 2008: positiv; dazu drei weitere Jamaikaner, zwei davon Werfer - eine geballte Ladung schlechter Nachrichten kurz vor der WM vom 10. bis 18. August in Moskau.

          Sprintstar Usain Bolt, immer noch unbefleckt, wird ziemlich einsam sein im Luschniki-Stadion. Und noch bevor die B-Proben analysiert sind, - beim Amerikaner Gay ist noch nicht einmal die Substanz bekannt - gehen die Schuldzuweisungen los. Gay hat jemandem vertraut, dem er besser nicht getraut hätte; die Jamaikaner um Powell machen einen kanadischen Physiotherapeuten namens Christopher Xuereb für das Stimulanzmittel Oxilofrin in ihren Proben verantwortlich. Der wehrt sich. Bislang einzige Konsequenz: Drei Sponsoren haben ihre Zusammenarbeit mit den Verdächtigen Gay und Powell ausgesetzt.

          Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von den positiven Tests von Tyson Gay, Asafa Powell, Sherone Simpson gehört haben?

          Da gehen einem viele Gedanken durch den Kopf: Freude, Trauer, weil es schlecht ist für unseren Sport. Genugtuung, Bestätigung, weil die eigene Leistung dadurch einen höheren Stellenwert bekommt - ein richtiges Gefühlschaos.

          Das alles ist innerhalb von drei Stunden publik geworden. Halten Sie das für Zufall?

          Das hieße ja, über Verschwörungstheorien zu spekulieren. Aber man wundert sich schon, weshalb es bei Gays Kontrolle vom 16. Mai so lange bis zur Veröffentlichung gedauert hat. Und es ist schon krass, dass innerhalb von drei Stunden sechs Athleten positiv gemeldet werden. Wobei das vor der WM 2009 bei den Jamaikanern ja ähnlich war.

          Julian Reus, der Doppelmeister im Sprint, zeigt dem Fernsehen seine Muskeln

          Hatten Sie vorher Vertrauen in die Sauberkeit der Supersprinter?

          Vertrauen hat man nicht, aber jetzt hat man die Gewissheit, dass die Athleten positiv waren. Vertrauen ist da viel zu weit gegriffen, denn eigentlich kann man nur sich selbst vertrauen.

          Die Reihe der prominenten Doping-Sünder im Sprint ist lang, unter den Top Ten der Weltbestenliste ist nur einer unbelastet . . .

          . . . Usain Bolt. Der mit Abstand Schnellste, der in den letzten Jahren in einer eigenen Liga gelaufen ist. Das ist schon verwunderlich, aber solange er nicht positiv getestet ist, ist er ein sauberer Athlet. Das akzeptiere ich, aber wenn man eins und eins zusammenzählen kann und von den Top Ten neun positiv getestet worden sind, schwebt da immer eine kleine dunkle Wolke drüber.

          Bei der Tour de France hieß es einmal, das sei eine Rundfahrt der zwei Geschwindigkeiten. Sehen Sie Parallelen zum Sprint?

          Die Weltspitze, die reihenweise unter 9,90 Sekunden läuft, ist im Vergleich zu den deutschen Sprintern schon eine ganz andere Liga. Aber die Übergänge sind fließend, denn man kann auch ohne Stoff schnell rennen.

          Wann erwacht Ihr Argwohn?

          Ich kann nicht sagen: Wenn jemand 9,8 oder 9,9 Sekunden läuft, dann muss er Doping-Mittel nehmen. Das ist Quatsch. Es kommt auf den Einzelfall an: Wenn jemand sich rapide steigert, wenn einer immer auf höchstem Niveau rennt oder wenn er starke Leistungsschwankungen hat, fragt man sich schon: Wo kommt das her? Das ist dann auch Diskussionsstoff im Gespräch mit Teamkollegen, Trainern und Freunden.

          Zielfoto: Mit hauchdünnem Vorsprung wird Reus vor Martin Keller Deutscher Meister über 100 Meter

          Wenn schon die gesamte Branche unter Generalverdacht steht, dann trifft der Sie ja auch.

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