https://www.faz.net/-gtl-83cd3

Sprinter Justin Gatlin : Ein Plappermaul gibt Gas

Früher vornehmlich mitteilsam, heute auch sportlich erfolgreich: Justin Gatlin Bild: dpa

Selbst der Weltrekord rückt in greifbare Nähe: Justin Gatlin ist bereit für das Duell gegen Sprint-Superstar Usain Bolt. An diesem Freitag startet er bei der Diamond League in Doha.

          3 Min.

          Er ist ja schon ein frecher Hund, dieser Justin Gatlin. An seinem losen Mundwerk haben nicht einmal die vier Jahre Doping-Sperre etwas geändert, mit denen der Sprinter damals, 2006, noch richtig gut davongekommen ist. Aber was die reinen Fakten angeht, halten Gatlins sportliche Leistungen durchaus seiner ausgeprägten Mitteilsamkeit stand. Der Amerikaner aus Brooklyn ist schon ein Phänomen, wenn man bedenkt, dass der 100-Meter-Olympiasieger von Athen nach seiner Zwangspause deutlich schneller ist als vorher.

          So schnell, dass der inzwischen 33 Jahre alte Sprinter im vergangenen Jahr in all seinen 18 Rennen ungeschlagen blieb – 15 Mal davon über 100, drei Mal über 200 Meter – und die Jahresweltbestzeiten über beide Strecken (9,77 und 19,68 Sekunden) lief. Auch deswegen, weil sich Jamaikas Sprintheros Usain Bolt wegen anhaltender Verletzungsprobleme ein Sparprogramm auferlegt hatte. Und beider Weg sich nicht kreuzte.

          Der Weltrekord ist nicht mehr unerreichbar

          In diesem Jahr wird sich der Showdown nicht vermeiden lassen, spätestens im August, wenn in Peking die Leichtathletik-Weltmeisterschaften anstehen. Aber wenn es nach Gatlin ginge, würde er den Weltrekordhalter und sechsmaligen Olympiasieger am liebsten schon vorher fordern. In Doha, wo Gatlin an diesem Freitag zum Auftakt der Diamond League über 100 Meter antritt, hat er dem Jamaikaner schon mal Ort, Zeit und Disziplin für ein Duell unter Sprint-Giganten vorgeschlagen: Paris, 4. Juli, 200 Meter. „Ich jedenfalls bin absolut bereit für diese Herausforderung.“

          Und, wie es so seine Art ist, hat Gatlin den Vergleich mit dem millionenschweren Mayweather-Pacquiao-Boxkampf gewählt. Mit dem Unterschied, dass das Duell in Paris, so Gatlin, „bestimmt ein Stück aufregender, aber leider auch deutlich schlechter bezahlt“ sei. Wobei der Amerikaner offengelassen hat, wen er im Stade de France in der Mayweather-Rolle sieht.

          Geht es nach Gatlin (rechts), ist das Duell gegen Bolt (links) mit dem Boxkampf zwischen Mayweather und Pacquiao vergleichbar

          Er jedenfalls hat wieder Großes vor in dieser WM-Saison, ganz unabhängig davon, was Bolt macht. Letztes Jahr, sagt Gatlin, habe er fast jedes Rennen mitgenommen, aber anno 2015 werde er mehr selektieren. „Ich will mich ganz gezielt auf ein paar Rennen fokussieren, dann aber sehr schnell laufen.“ Selbst Bolts 100-Meter-Weltrekord (9,58 Sekunden), lange Zeit als nahezu außerirdisch angesehen, kommt ihm nicht mehr unerreichbar vor.

          „Natürlich liegt die Messlatte sehr hoch“, hat der Amerikaner in der Pressekonferenz in Doha gesagt, „aber 9,8, 9,7 und hoffentlich auch 9,6 Sekunden werden in diesem Jahr kommen. Ich will da rausgehen und auf einem höheren Level dominieren,“ und dann noch einmal mit Nachdruck: „Nicht nur gewinnen, sondern mit schnellen Zeiten dominieren.“ Das Faszinierende an Bolt sei doch, dass da jemand gekommen sei und die Mauer in den Köpfen niedergerissen habe. Die Mauer, die sagt: bis hierher und nicht weiter. Bis jemand kommt und das Gegenteil beweist. Und damit die Tür öffnet für eine neue Dimension. „Ich glaube nicht, dass der Weltrekord außer Reichweite ist“, lautet Gatlins Fazit.

          Was sagt eigentlich der Meister höchstselbst zu diesem amerikanischen Plappermaul mit der Doping-Vergangenheit, das ihm partout die Rolle als Nummer eins streitig machen will? Da hört man Erstaunliches: Wertschätzung von Entertainer zu Entertainer sozusagen. „Justin Gatlin ist ein großer Wettkämpfer. Er ist einer von denen, die viel reden, aber auch etwas zu sagen haben. Deswegen macht er in meinen Augen unseren Sport interessant, und ich freue mich drauf, gegen ihn zu laufen.“ Und was dessen unrühmliche Vergangenheit angeht? Damit kann Bolt offenbar leben. „Gatlin hat seine Strafe bekommen und verbüßt, deshalb ist das für mich kein Problem.“

          Bailey hat Gatlin etwas voraus

          Anders sieht die Sache allerdings mit seinem alten Herausforderer aus den Vereinigten Staaten aus: Tyson Gay, im Juni 2013 positiv auf anabole Steroide getestet, aber wegen Zusammenarbeit mit der amerikanischen Anti-Doping-Agentur nur ein Jahr gesperrt. Ein Urteil, das Bolt nicht verstehen kann. „Die Botschaft sollte doch sein: Wenn du betrügst, fliegst du raus aus deinem Sport“, hat er „Runners World“ gesagt. „Aber wenn du eine milde Strafe bekommst, warum solltest du dann aufpassen.“ Nein, auf ein Wiedersehen mit Gay freut sich Bolt keineswegs.

          Auch Gatlin hätte durchaus Grund, auf seinen Landsmann sauer zu sein. Er muss seine olympische Silbermedaille von London über 4×100-Meter zurückgeben, weil sämtliche Wettkampfergebnisse von Gay seit dem 15. Juli 2012 gestrichen worden sind. Das habe das Internationale Olympische Komitee bestätigt, sagte Patrick Sandusky, der Sprecher des amerikanischen Olympischen Komitees am Donnerstag. Natürlich trifft das Urteil nicht nur Gatlin, sondern auch dessen Staffelkollegen Trell Kimmons und Ryan Bailey.

          Bailey hat Gatlin übrigens etwas voraus. Er hat Bolt im direkten Duell geschlagen. Als Schlussläufer des amerikanischen 4×100-Meter-Quartetts Anfang Mai bei der Staffel-WM. Gut, er hatte einen gehörigen Vorsprung, als er den Stab übernahm, aber dann hat der Amerikaner etwas getan, was die unterlegenen Jamaikaner als Sakrileg empfunden haben. Bailey hat im Ziel eine verschärfte Bolt-Blitzeschleuderer-Pose eingenommen. Bei der er sich mit dem Zeigefinger über die Gurgel fuhr. So eine Frechheit hätte sich nicht einmal Justin Gatlin getraut.

          Was sagt Meister Bolt über seinen Herausforderer? „Ich freue mich drauf, gegen ihn zu laufen“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Deal mit Amerika : Ein Erfolg für Erdogan

          Die Verhandlungen des türkischen Staatspräsidenten mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence führen zu einer fünf Tage langen Waffenruhe. Wie hoch ist der Preis? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.