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Springreiten : Staunen über den Forever-Young-Typen For Pleasure

For ever young: For Pleasure mit Marcus Ehning Bild: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

Der achtzehnjährige For Pleasure ist ein erfahrenes Pferd - und noch immer so gut, daß er mit Reiter Marcus Ehning selbst die eigene Tochter Farina unter Rene Tebbel beim Championat von Wiesbaden besiegte.

          3 Min.

          Ob er wohl sein eigen Fleisch und Blut erkannt hat? Schwer zu sagen. Der achtzehnjährige For Pleasure ist ein erfahrenes Pferd, das in jeder Turniersituation weiß, wie es sich verhalten muß. Konzentriert und aufmerksam bei der Arbeit, gelassen und entspannt in der Freizeit. Vielleicht, daß er auf dem Abreiteplatz kurz stutzte, als die Stute Farina mit Rene Tebbel im Sattel auflief. Dieses zehnjährige Springpferd mit dem mehligen Namen ist nämlich For Pleasures Tochter, und sie ist am Pfingstsonntag im Championat von Wiesbaden gegen den Papa angetreten. Die Ergebnisliste zeigt: Die ältere Generation kann sich noch behaupten. Der Hannoveranerhengst gewann dieses Springen gemeinsam mit seinem kongenialen Reiter Marcus Ehning, der damit zwanzig Punkte sammelte und in der Riders Tour die Führung übernahm. Farina aber schlug sich mit ihrem Reiter auch nicht schlecht. Im Umlauf machte sie keinen Hindernisfehler, lediglich ein Strafpunkt wegen Zeitüberschreitung kostete die Teilnahme an der Siegerrunde der besten zehn. Natürlich gehört For Pleasures vielen Nachkommen, die mittlerweile im Sport ihr Talent beweisen, die Zukunft. Doch es ist sehr gut vorstellbar, daß er selbst im August in Athen den Jungen noch einmal vormacht, wie es geht: Es wären seine dritten Olympischen Spiele. Zweimal Mannschaftgold hat er schon: Mit Lars Nieberg in Atlanta und mit Marcus Ehning in Sydney.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Auch der Reiter staunt

          Das Staunen über diesen vierbeinigen Forever-Young-Typen wird immer größer. Wie macht er das bloß? Marcus Ehning zuckt mit den Schultern: "Das ist eine Frage, die ich täglich mehrere Male beantworten muß." Aber eigentlich weiß er die Antwort auch nicht genau. Natürlich wird der Achtzehnjährige nur noch zu wichtigen Anlässen und zum Zwecke der Vorbereitung eingesetzt. "Aber ich kann ihn auch nicht in Watte packen", sagt Ehning. Seine Schwester Karina sorgt als Pferdepflegerin für For Pleasures Wohl. Und das mit Hingabe: "Er ist für sie wie ein Kind." Und wenn es dem Pferd gut geht, dann springt es auch gut. "Das ist wie beim Menschen. Wenn es privat gut läuft, dann läuft's auch im Job."

          Andere wären froh, sie könnten so lockere Sprüche machen wie Marcus Ehning, dem neben For Pleasure auch noch die Weltcupsieger-Stute Anka als Olympiakandidatin zur Verfügung steht. Besonders in Dressurlager herrscht zur Zeit vorolympisches Fracksausen. Einerseits hat sich Ann Kathrin Linsenhoff mit ihrem Weltmeisterpferd Renoir mit einem Sieg im Grand Prix und einem zweiten Platz in der Kür für Athen empfohlen. Reiterin und Pferd haben ein Fitneßprogramm absolviert, so hat Renoir an Behäbigkeit verloren und die Reiterin an Durchhaltevermögen gewonnen. Andererseits häufen sich die Besetzungsprobleme für Bundestrainer Holger Schmezer, der in Athen für die vermeintlich sicherste aller deutschen Goldmedaillen sorgen muß. Farbenfroh, der Fuchswallach von Weltmeisterin Nadine Capellmann, ist außer Gefecht, sie verzichtete auf Wiesbaden. Satchmo, das Pferd der Meisterreiterin Isabell Werth, leidet offensichtlich an einem Trauma. Wenn er im Grand Prix aus der Passage zur Piaffe links umwenden soll, verliert er die Nerven. Das ganze geht zurück auf einen dem Wallach gefährlich scheinenden Kasten, der ihm im vergangenen Jahr bei den Europameisterschaften an dieser Stelle der Übung plötzlich ins Auge fiel. Nach besorgniserregenden Momenten im Vorfeld sagte Isabell ihren Auftritt beim Pfingstturnier erst einen Tag vor Beginn ab. Schließlich richtete hier das Kollektiv, das auch in Athen die Punkte verteilen wird. Da macht man nicht gern einen schwachen Eindruck.

          Fracksausen bei Dressurreitern

          Doch das sind noch nicht alle Hiobsbotschaften im Dressurlager. Mannschaftsweltmeister Klaus Husenbeth verließ Wiesbaden am Samstagabend Hals über Kopf und unverrichteter Dinge, weil sein Olympiakandidat Piccolino vorne ein dickes Bein hatte. Und Weltall, das beste Pferd des Schwaben Martin Schaudt, ist nach Hufproblemen erst seit wenigen Tagen wieder im Training. Bei den deutschen Meisterschaften der Reiter in zwei Wochen in Balve schlägt dann für alle die Stunde der Wahrheit. Dort findet die entscheidende Sichtung statt. Auch die übrigen Athen-Anwärter, Heike Kemmer mit Bonaparte und Hubertus Schmidt mit Wansuela Suerte, werden dann am Start sein. Und natürlich die größte deutsche Dressurhoffnung, Ulla Salzgeber mit Rusty. Über ihre Startberechtigung nach der Dopingsperre wird am 4. Juni das Nationale Olympische Komitee entscheiden. Der sechzehnjährige Wallach Rusty ist übrigens das einzige Gold-Dressurpferd von Sydney, das noch im Spitzensport aktiv ist.

          So schnell galoppiert die Zeit vorbei. For Pleasure aber hält immer noch mit.

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