https://www.faz.net/-gtl-usme

Sportsponsoring : Bayer Leverkusen zieht sich zurück

  • Aktualisiert am

Image-Transfer durch Sport: Bald ohne Basketball, Volleyball, Leichtathletik Bild: dpa

Die Leverkusener Bayer AG zieht sich Mitte 2008 aus der Spitzensportförderung der Sportarten Basketball, Handball und Volleyball zurück und nach der WM 2009 in Berlin auch aus der Leichtathletik. Nur der Profifußball steht nicht zur Disposition.

          3 Min.

          Einer der größten privaten Sportförderer Deutschlands, die Bayer AG, wird seine Zuwendungen in Zukunft wohl sehr deutlich reduzieren. Betreffen dürfte dies vor allem die Spielsportarten Basketball, Handball, Volleyball sowie die Leichtathletik mit Athleten wie der Speerwurf-Europameisterin Steffi Nerius oder den Weltklasse-Stabhochspringern Lars Börgeling und Danny Ecker. Andere Sparten wie Schwimmen mussten schon früher auf Bayer-Gelder verzichten.

          Die nächste Saison und die Olympiavorbereitung für Peking 2008 - dafür hat Bayer ein eigenes „Top Team“ mit dreißig aussichtsreichen Athleten gegründet - sollen dem Vernehmen nach gesichert sein. Danach aber sollen die Vereine mehr und mehr in die finanzielle Selbständigkeit entlassen werden. Schon zum hundertjährigen Bestehen des Bayer-Betriebssports 2004 hatte das Werk von einem „streng Kosten-Nutzen-orientierten Sponsoring auf Basis moderner Strategien“ gesprochen und damit das Bild des ewig großzügigen Mäzens, der für jeden Fehlbetrag einsteht, korrigiert.

          25 von 30 Millionen für den Fußball

          Jürgen Beckmann, seit April neuer Sportbeauftragter der Bayer AG, sagte am Sonntag auf Anfrage: „Es ist keine einfache Situation im Moment. Es ist vereinbart, dass Präsident Klaus Beck am Dienstag die Möglichkeit erhält, auf der Mitgliederversammlung des TSV 04 Leverkusen dazu Stellung zu nehmen, auch zu der Frage, wie der Haushalt ausgeglichen gestaltet werden kann.“ An diesem Montag soll es eine Presseerklärung geben.

          Bayer-Profi Bernd Schneider: Fußball-Sparte wird noch ausgebaut

          Derzeit fördert die Bayer AG noch 27 Sportvereine, die rund um die Werksstandorte Leverkusen, Dormagen, Uerdingen und Wuppertal angesiedelt sind. In diesen Klubs betreiben etwa 50.000 Mitglieder Breiten-, Behinderten-, Nachwuchs- oder Spitzensport in 50 Disziplinen. Knapp 200 hauptamtliche Mitarbeiter, davon ein Drittel Trainer, werden beschäftigt. 18 Erstligamannschaften in 16 Sportarten treten unter dem Namen Bayer an. Die bisherige Sportförderung des Konzerns ruht auf drei Säulen: Für den Spitzensport werden rund 30 Millionen Euro sogenannter „Werbe-Image-Gelder“ aufgewendet, davon 25 Millionen für den Profifußball, der nicht zur Disposition steht. Im Gegenteil, das Bundesligastadion BayArena wird deutlich ausgebaut. Den gemeinnützigen Vereinssport lässt sich Bayer etwa 14 Millionen Euro im Jahr kosten. Der Behindertensport finanziert sich seit 1981 über die Herbert-Grünewald-Stiftung. Bayer veranstaltet auch sportliche Events im In- und im Ausland.

          ,Mutter Bayer' verstößt ihre Kinder

          Sporterfolge sorgen seit Jahrzehnten für einen Imagetransfer. Bayer-Athleten haben 60 Medaillen bei Olympischen Spielen, 47 Medaillen bei Paralympics und 200 Medaillen bei Weltmeisterschaften errungen. Erster Olympiasieger aus der Bayer-Familie war in Tokio 1964 Zehnkämpfer Willi Holdorf. Ihm folgten Athleten wie Heide Rosendahl, Ulrike Meyfarth, Heike Henkel oder Arnd Schmitt. „Bayer war für die Athleten meiner Generation mehr als ein Verein, wir konnten eine Existenzgrundlage schaffen“, sagt der frühere Weitspringer und gegenwärtige Chef der Nationalen Anti-Doping-Agentur, Armin Baumert. „Es hieß bei uns: ,Mutter Bayer'. Es ist traurig, wenn es so kommt, wie vermutet. Ich bin allerdings nicht überrascht. Es gibt schon länger entsprechende Anzeichen. Man muss nur hoffen, dass es kein Signal ist für andere, die auch überlegen.“

          Der größte und älteste vom Werk geförderte Verein ist der TSV Bayer 04 Leverkusen mit rund 11.000 Mitgliedern. Mehr als die Hälfte davon gehören den Abteilungen Freizeit- und Breitensport sowie Kinder- und Jugendsport an. Dieser Verein beklagt schon jetzt ein Finanzloch von knapp 1,5 Millionen Euro. Für den TSV 04 arbeiten als Betreuer und in der Verwaltung etwa 80 Kräfte. Der Wert der vereinseigenen Sportanlagen erreicht einerseits einen dreistelligen Millionenbetrag, andererseits stellen die Immobilien durch hohe Unterhalts- und Instandhaltungskosten auch eine Belastung dar. Erst vor fünf Jahren wurde die Leichtathletik-Halle Manfort eröffnet, die Baukosten von 35,5 Millionen Mark brachten Bund, Land, Stadt und die Bayer AG gemeinsam auf.

          Bittere Pille für den Spitzensport

          Die Bundesliga-Basketballspieler des TSV 04 Bayer Leverkusen erhalten jährlich geschätzte 1,2 Millionen Euro. Auch Geschäftsführer Otto Reintjes wollte vor einer offiziellen Erklärung nicht Stellung zum neuen Bayer-Sport-Konzept nehmen: „Wir warten ab, was verkündet wird. Und damit müssen wir leben. Aber eins steht fest, wir kämpfen immer weiter“, sagt Reintjes, unter dessen Ägide Leverkusen Titel um Titel sammelte und zu Beginn der neunziger Jahre die Liga nach Belieben dominierte.

          Welche Folgen es haben kann, wenn der Konzern die Schatulle nicht mehr im gewohnten Umfang öffnet, belegt der Uerdinger Fußball. 1995 wurde die Zusammenarbeit beendet - der frühere Bundesligaklub und Europapokalteilnehmer tritt mittlerweile in der Oberliga an. Sport unterm Bayer-Kreuz wird sich in Zukunft ganz anders darstellen als heute. Der Spitzensport muss ein bittere Pille schlucken.

          Weitere Themen

          Borussias neuer „Heiland“? Video-Seite öffnen

          Haaland vor Heimdebüt : Borussias neuer „Heiland“?

          Der junge Stürmer aus Norwegen wird von vielen BVB-Fans beim öffentlichen Training beobachtet – sein Debüt am Wochenende hat große Hoffnungen geweckt. Ist Erling Haaland der neue „Heiland“ für die Borussia?

          „Der Spielplan ist am Ende Wahnsinn“

          Kritik bei Handball-EM : „Der Spielplan ist am Ende Wahnsinn“

          Der Modus der Drei-Länder-EM beschert den Handballspielern diesmal ein noch härteres Programm als sonst. Die Kritik wird immer größer ob der immensen Belastungen. Und die Hetze geht nach dem Turnier weiter.

          Topmeldungen

          Meghan und Harry : Weiß, englisch, konservativ

          Im Drama um Meghan und Harry steckt auch ein eigener politischer Kern: Die Menschen spüren, wie wichtig das Königshaus in bewegten Zeiten ist. Harrys Abschied hat eine andere Frage aufgeworfen.

          Angst um Kakaoernte : Schokolade wird teurer

          Sorgen um eine schlechte Ernte treiben den Kakaopreis an den Märkten. Zudem soll ein Preisaufschlag armen Kakao-Bauern helfen. Verbraucher müssen daher wohl mehr für die tägliche Tafel zahlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.