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Sportsoziologe Gebauer : „Sport muss sich als Bastion der Natürlichkeit begreifen“

  • Aktualisiert am

Läufer im Abendlicht. Bild: dpa

Der Philosoph Gunter Gebauer sieht Doping als Ausdruck eines Optimierungswahns und der Anpassung des Menschen an künstliche Modelle. Sportliche Leistung müsse aber allein durch Training und Talent erworben werden.

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          Ist der Plan der großen Koalition gut, künftig mit einem Anti-Doping-Gesetz auch gedopte Athleten vom Staat verfolgen zu lassen?

          Ich begrüße diesen Plan. Die Athleten darf man nicht straffrei davonkommen lassen, wie es bislang der Fall ist.

          Was wird eine solche Bedrohung beim Doper auslösen?

          Das konnte man beim Festina-Skandal während der Tour de France 1998 feststellen. Die Stars der Szene haben später gesagt, dass die Nacht im Gefängnis die schlimmste ihres Lebens gewesen sei. Sie hätten sich gefühlt wie Diebe und Betrüger, sie seien total schockiert gewesen. Das hat zu einem Bruch der Selbstwahrnehmung geführt. Das Anti-Doping-System des Sports mit seinen Kontrollen allein scheint also nicht genügend Erschütterung auszulösen. Das wäre durch eine staatliche Verfolgung durchaus möglich.

          Die Einnahme von Medikamenten zur Leistungssteigerung oder Optimierung des Körpers ist nicht nur im Spitzensport weit verbreitet. In Deutschland nehmen vorsichtigen Schätzungen zufolge eine Million Bürger regelmäßig Anabolika und andere Stoffe. Welche Rolle spielt der Spitzensport in diesem Spiel?

          Ich glaube, der Spitzensport ist eine regelrechte Propaganda für Doping.

          Warum?

          Weil man im Spitzensport großartig aussehende Athleten sieht in phantastischer Verfassung. Zumindest erscheinen sie äußerlich so, das blühende Leben, gesund, kraftstrotzend, mit tollen Figuren, Männer wie Frauen. Sie bringen Weltspitzenleistungen. Und dann kommt später heraus, dass sie gedopt waren. Damit wird ihre sportliche Leistung vernichtet in den Augen der Verbände und der Sportfans.

          Gunter Gebauer : „Der Spitzensport ist eine regelrechte Propaganda für Doping“
          Gunter Gebauer : „Der Spitzensport ist eine regelrechte Propaganda für Doping“ : Bild: Picture-Alliance

          Aber es gibt viele Betrachter, die sich nicht für die Details interessieren, sondern das Phänomen etwa bei Olympia anschauen.

          Das ist der Punkt. Was nehmen die wahr? Dass man mit Doping so aussehen kann, solche Leistungen erreicht, so dynamisch durchs Leben geht. Das ist eine Werbung - für Doping. Also muss es uns nicht wundern, dass nach so vielen Jahren des auch veröffentlichten Dopings Millionen Deutsche zu Medikamenten greifen, um ihre Leistung zu steigern oder ihr Körperbild zu optimieren.

          Was bleibt dann von den sogenannten Werten des Sports, auf faire, natürliche Art gewinnen zu wollen?

          Ich glaube, es gibt immer noch genügend Leute, die für diesen zentralen Wert des Sports sensibel sind, die sich das wünschen und die Hoffnung haben, im Sport könne gezeigt werden, wie man mit einer anständigen Haltung in einem Leistungssystem durch die Welt gehen kann. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, aber ich sehe eine große Bedrohung. Denn viele Leute schauen sich den Sport an, weil sie Leistung, Glamour, Unterhaltung in Form von Sieg und Niederlage, schöne, halbnackte Körper sehen wollen. Das Erotische, die Steigerung der menschlichen Existenz und des Körpers, die man da erkennen kann, ist für viele sehr attraktiv. Die denken nicht im Traum daran, das mit dem Einsatz für sportliche Werte zu verhindern.

          Diesem Publikum ist es egal, ob lebensgefährliches Doping im Spiel ist?

          Ja, darin sehe ich die Gefahr. Denn die Werbung nimmt das Erotische, das Aussehen, das Streben nach dem Übermenschlichen ins Visier. Damit lässt sich Aufmerksamkeit schaffen, was man auch an den Werbesprüchen ablesen kann, die auffällig einer Doping-Mentalität entsprechen. Es gibt ja Werbung, die mit dem Begriff arbeitet: Doping für Ihr Gehirn.

          Oder „Doping für Ihre Haare“, damit wirbt das Unternehmen Alpecin seit Jahrzehnten. Jetzt ist es in ein deutsches Radsportteam eingestiegen.

          Das kann doch nicht wahr sein, das ist ja unfassbar. „Doping für die Haare“ - sind Sie sicher?

          Ja, Alpecin hat erklärt, dass es diese Werbung nicht aus dem Programm nehmen wolle, sie aber nicht im Zusammenhang mit dem Radsportteam verwenden will.

          Das ist aber nett von Alpecin. Da muss man ja im Kopf der Zuschauer einen Zaun errichten. Wie soll das gehen? Die Assoziationen finden doch in jedem Fall statt.

          Rekorde sind ein attraktiver Teil des Spitzensports, wir wollen sie und fordern damit seit vielleicht 100 Jahren die Athleten auf, Grenzen zu überschreiten. Das ist doch ein natürliches Verhalten.

          Und dieses Streben ist großenteils positiv zu sehen. Aber inzwischen wird der Körper mit allen möglichen Varianten und Mitteln, mit Training, mit Material, mit Psychologie, mit Medikamenten weitergetrieben. An vielen Stellen in unserer Gesellschaft wird daran gearbeitet, den natürlichen menschlichen Körper zu entnaturalisieren, ihn wegzubringen von seinen normalen Fähigkeiten. Der Sport ist dabei ein Hauptfeld, auf dem sich dieses Phänomen besonders augenfällig studieren lässt.

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