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Fabian Hambüchen im Interview : „Ach komm, du willst doch mehr!“

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Ich musste ganz schnell lernen, erwachsen zu denken, nicht alles über Emotionen steuern zu lassen. Ich durfte mir nicht viele Fehler erlauben im Umgang mit der Öffentlichkeit. Das haben wir relativ gut hingekriegt, wir haben nicht bewusst daran gearbeitet, das war mehr learning by doing, als nach Olympia in Athen 2004 plötzlich so viele Medienanfragen kamen.

Fabian Hambüchen und sein Vater Wolfgang
Fabian Hambüchen und sein Vater Wolfgang : Bild: dpa

Wie ist das mit Leistungssport - wird er einfacher oder schwerer mit steigender Erfahrung, mit zunehmendem Alter?

Es wird, aus sportlicher Sicht, nicht einfacher, wenn du älter wirst. In mancher Hinsicht ist Erfahrung gut, aber du fängst mit zunehmendem Alter auch an, viel mehr nachzudenken. Jeder kennt das aus dem Alltag, dass das Leichte, das Unbeschwerte verlorengeht. Mit 16 bei Olympia in Athen habe ich einfach drauflosgeturnt. Das war in Rio nicht mehr möglich. Was wir dort allein mental vor dem Reckfinale gearbeitet haben, das war hart und viel. Es sind mir so viele Gedanken durch den Kopf gegangen.

Was ist schwieriger zu trainieren: der Körper oder der Geist?

Bei mir war vor Rio das Psychische schwieriger. Das Körperliche lief über den Willen und die Erfahrung, obwohl ich drei Monate nicht trainiert hatte und noch nie eine so lange Pause hatte. Wir haben alles genau geplant, den Formaufbau, die Ernährung, alles, ich habe sechs Kilo abgenommen, weil ich wusste, das ist die einzige Chance: Je weniger Gewicht an der Schulter hängt, desto besser ist meine Chance. Als wir in Rio ankamen, war der Körper voll da, aber an der Psyche mussten wir noch hart arbeiten.

Ihr Onkel ist Ihr Mentaltrainer. Wie hat er Sie auf Rio vorbereitet?

Es geht nicht um Gold, es geht darum, noch einmal dabei zu sein, bei meinen vierten Olympischen Spielen - das war der mentale Ansatz, damit ich mich nicht wieder, wie 2008 in Peking, in diesen Medaillendruck bringe. In Peking war ich sehr offensiv damit umgegangen, da hatte ich gesagt, ich bin Weltmeister, ich bin Favorit, jetzt will ich Gold. Das stand mir so was von im Weg! In Rio haben wir es komplett anders aufgebaut. Wir haben das nach außen hin entspannt kommuniziert, alles auf die Schulter bezogen, haben gesagt, dass ich froh sein kann, überhaupt dabei zu sein.

Haben Sie das selbst geglaubt?

Wenn man das sagt, dann ist im Inneren immer eine zweite Stimme, die sagt, ach komm, du willst doch mehr! Und dann gab es immer wieder neue Situationen, mit denen ich umgehen musste. Die Quali lief gut, ich stand im Finale, und es wurde immer realistischer, dass ich die Chance haben würde, eine Medaille zu gewinnen. Also willst du diese Medaille haben, und aus diesem Gedanken musst du wieder rauskommen, um dich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Es geht immer darum, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was du machen musst, um das zu schaffen, was du dir wünschst. Das in Rio hinzubekommen, war harte Arbeit, weil du immer wieder aus dem Hamsterrad rauskommen musst.

Wie funktioniert das?

Wir machen viel über Selbsthypnose. Damit, dass ich mit meinem Unterbewusstsein in Kontakt trete. Hört sich ein bisschen freaky an, ich weiß, aber es gibt so viele Techniken, was das mentale Training angeht, man muss das immer individuell anpassen. Ich bin ein sehr visueller Typ, ich kann mir Sachen sehr gut vorstellen, kann tatsächlich probieren, in mein Innerstes reinzugehen, dort nach Problemen zu suchen. Das alles hat sich entwickelt über die Jahre, auch das hat klein angefangen. Wir hatten früher mit Musik gearbeitet, mit Bildern, Emotionen. Zum Schluss war es dann hauptsächlich Selbsthypnose. Bei mir geht es darum, dass ich in das Gefühl der Bewegung reinkomme, beim Turnen ist letztlich alles Technik, und das läuft alles über Gefühl. Man kann nicht einfach sagen, an dieser Stelle musst du diese Kräfte einsetzen, sondern das läuft über Gefühl und Intuition. Ich habe in Rio versucht, meine ganze Übung vor dem eigenen Auge abzuspielen und alles zu spüren, was ich mache. Einmal die ganze Übung, und dann kurz, bevor es ernst wurde, noch einmal den ersten Flugteil, weil ich wusste, wenn der läuft, dann habe ich das Gefühl aufgenommen. Wenn der erste Flugteil nicht stimmt, dann wird es chaotisch, dann wird es hektisch.

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