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Fabian Hambüchen im Interview : „Ach komm, du willst doch mehr!“

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Nein, sonst geht es nicht. Klar braucht man Talent, aber was man vor allem braucht, ist Einstellung, Mentalität. Wenn du Lustlosigkeit empfindest, dann hast du schon verloren. Du musst bereit sein, alles zu geben und auf der anderen Seite auch auf alles zu verzichten, was im Weg stehen könnte. Das empfindest du dann nicht als Zwang, als Druck, nicht als Verzicht, der weh tut. Ich brauchte als Sechzehnjähriger nicht meinen ersten Vollsuff, ich musste nicht in die Disco gehen oder mit Mädels was haben. Ich wollte turnen, turnen, turnen. Ich habe in der Halle so lange probiert, bis es geklappt hat. Oder bis es nicht mehr ging, weil ich keine Kraft mehr hatte. Dann war ich stinksauer, und es ging am nächsten Tag weiter. Für mich war früh klar, ich will mal zu Olympia.

Ihr Vater hat mal gesagt, nach zehn Jahren Turnen auf höchstem Niveau sei der Körper am Ende. Wie fühlt es sich an nach 15 Jahren?

Wenn man berücksichtigt, dass sich das Turnen seit seiner Zeit extrem weiterentwickelt hat, die Belastungen noch viel größer geworden sind als vor Jahren, dann sind zehn Jahre oder fünfzehn schon viel, dementsprechend fühlt sich der Körper an. Jedenfalls älter als 29. Es ist einfach viel Verschleiß dabei. Ich habe aber das Glück gehabt, dass mein Vater als Trainer sehr verantwortlich mit mir umgegangen ist. Es gibt ja auch Trainer, die schroten die Kinder, da weißt du, die sind kaputt nach ein paar Monaten. Mein Vater hat immer ein Händchen dafür gehabt, gesund zu arbeiten, ich habe deshalb in meiner gesamten Karriere auch nur eine richtig große Verletzung gehabt, den Achillessehnenabriss vor sechs Jahren. Sonst hatte ich nur Kleinigkeiten.

Olympische Spiele : Hambüchen fliegt zu Gold

Und die Schulterverletzung Anfang dieses Jahres, die Sie fast Olympia gekostet hätte?

Das war keine richtige Verletzung, das ist Verschleiß. Da sind Sehnen angerissen, seit Jahren, die heilen nicht von allein, die muss man eigentlich operieren.

Wie haben Sie es damit zu Olympia geschafft?

Ich hatte mit Rio schon abgeschlossen, bin dann aber nach einem Telefonat mit IOC-Präsident Thomas Bach zu Dr. Müller-Wohlfahrt nach München gekommen. Bach hatte mir auch Kontakte zu Chirurgen in London vermittelt, aber er hat gesagt, geh erst mal zu Müller-Wohlfahrt, der hat ein gutes Händchen und der kann dir auch eine Empfehlung geben, wo du hinsollst. Ich bin nach München gefahren und wollte Müller-Wohlfahrt fragen, zu welchem Chirurgen soll ich gehen. Er hat mich angeguckt wie ein Auto und gesagt: Du gehst zu überhaupt keinem Chirurgen, das kriegen wir wieder hin, ich will, dass du noch mal bei Olympia turnst. Und er hat es hinbekommen.

Wie?

Was ich an Müller-Wohlfahrt besonders bewundere, ist die Art und Weise, wie er mit einem umgeht. Er ist sehr motivierend. Ich kam völlig down an und wollte nur noch, dass die Schulter operiert wird und nicht mehr so weh tut, und er hat es geschafft, mich mental so aufzubauen, dass ich wieder richtig Bock hatte und es schaffte, wieder Vollgas zu geben. Er hat, was das Mentale angeht, richtig gute Arbeit geleistet, und medizinisch hat er es hingekriegt, dass die Schulter für den Zeitraum bis Olympia schmerzfrei war.

Bis Olympia - es war also keine langfristige Lösung?

Nein. Ich werde mich im Januar bei einem Chirurgen vorstellen, denn ich bin auch im Alltag eingeschränkt. Ich kann zwar am Reck Flugteile turnen, aber ich kann keine einzige Liegestütze machen. Und das dreht sich ja in der Zukunft, immer weniger Turnen, und die Fitnesssachen werden immer wichtiger. Und ich habe große Lust, einfach nur Fitness zu machen, aber das geht nicht mit der Schulter.

Was machen diese 15 Jahre Hochleistungssport mit dem Geist? Vom Turnfloh zum Olympiasieger - ein schwieriger Weg?

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