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Sportjournalismus in Griechenland : Mit Messer und Knüppel

  • -Aktualisiert am

Gefährlicher Job: Griechische Sportjournalisten Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Für Sportreporter ist die gewissenhafte Ausübung ihres Berufs in Griechenland bisweilen lebensgefährlich. Drei von ihnen bekamen das zuletzt zu spüren, weil sie kritische Berichterstattung betrieben. Dennoch wollen sie sich der Gewalt nicht beugen.

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          Am 18. Oktober 2004 schaltete Filippos Syrigos um kurz vor 16 Uhr sein Mikrofon aus und verließ das Hörfunkstudio in der Nähe des Athener Zentrums. Der Journalist hatte gerade seine tägliche, halbstündige Sportsendung „Gitter überall“ (“Kangela pandou“) im Radiosender „Super Sport FM“ moderiert.

          Es folgten die Nachrichten, in denen schon kurze Zeit später der Sportchef der linksliberalen „Eleftherotypia“ (Freie Presse), Griechenlands größte Tageszeitung, eine ungewollt tragende Rolle einnehmen sollte. Auf dem Weg zu seinem Auto, draußen vor dem Radiosender, wurde Syrigos von hinten angesprochen. Er dachte sich nichts Böses. „Sind Sie Syrigos?“ hörte der Journalist jemanden fragen. Dann ging alles ganz schnell.

          „Zwei der drei Stiche hätten tödlich sein können“

          Zwei Männer, ihre Gesichter hinter dunklen Motorradhelmen versteckt, schlugen ihm mit einem Schlagring auf den Kopf. Anschließend stachen sie mit zwei Messern insgesamt dreimal zu. Eine zehn Zentimeter lange Narbe in der Nierengegend, eine dreizehn Zentimeter lange Narbe unterhalb der Wirbelsäule und eine Stichverletzung am Oberschenkel sind die heute noch unübersehbaren Male am Körper des Sportjournalisten. „Ich habe ein wenig Glück gehabt, nicht viel passiert“, erklärt der siebenundfünfzigjährige Syrigos im Rückblick fast gelassen.

          Viele offene Fragen: der griechische Sprinter Kostas Kenteris

          Die Ärzte des Athener Krankenhauses, in das der Vater zweier Kinder nach dem Attentat eingeliefert wurde, drückten die möglichen Folgen des Messerangriffs drastischer aus. „Zwei der drei Stiche hätten durchaus tödlich sein können“, heißt es im Bericht des behandelnden Arztes. Syrigos brauchte fast drei Monate, um sich von dem Anschlag zu erholen. Die Redaktion seiner Zeitung „Eleftherotypia“ und den Radiosender „Super Sport FM“ betritt Syrigos seit dem Attentat nicht mehr ohne Bodyguards.

          Kriminalpolizei fehlen jegliche Hinweise

          Was anmutet wie der Auftakt zu einem Kriminalroman des Athener Autors Petros Markaris ist mitten am Tag in der griechischen Hauptstadt geschehen, nur zwei Monate nach dem Ende der Olympischen Sommerspiele. „Es war der erste Mordanschlag auf einen Journalisten in Griechenland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges“, erklärt Syrigos. Die Täter sind nicht gefaßt. Der Athener Kriminalpolizei fehlen bis heute jegliche Hinweise.

          Und, als ob der Anschlag auf Syrigos zum Vorbild genommen wurde, traf es in diesem Jahr zwei weitere griechische Sportjournalisten auf ganz ähnliche Weise: Am 7. Mai wurde Kostas Nikolakopoulos von vier Angreifern mit Eisenstangen traktiert, kurz nachdem er den Athener Radiosender „Super Sport FM“ verließ.

          „Elende Minderheit, die kritisch berichten“

          Am 1. Oktober stellten Unbekannte Perikles Stellas vor dem Bürogebäude der „Goal News“ in Thessaloniki und schlugen ihn mit Schlagstöcken nieder. Stellas ist Büroleiter der täglich erscheinenden Sportzeitung „Goal News“ und freier Mitarbeiter des privaten Fernsehsenders „Mega“. Nikolakopoulos und Stellas sind nach mehrtägigen Krankenhausaufenthalten und längerer Rehabilitation wieder wohlauf und gehen ihrer Arbeit nach. Von den Tätern fehlt, wie bei Syrigos, bis heute jede Spur.

          Daß in Griechenland gerade ein bestimmter Typus von Sportjournalisten schweren, fast seriell anmutenden Angriffen ausgesetzt ist, ist bei näherer Analyse der griechischen Sport- und Gesellschaftsverhältnisse nicht verwunderlich. Besonders Syrigos, mit Abstrichen Nikolakopoulos und Stellas, gehören zu der „elenden Minderheit von Sportjournalisten, die standhaft, wahrhaft und kritisch berichten“, wie Syrigos seinen Arbeitsstil beschreibt.

          „Aufklärerische Sportberichterstattung“

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