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Sportjahr 2015 : Haft und Liebe

Auch Joseph Blatter stand im Jahr 2015 nicht nur beim Geldregen im Mittelpunkt. Bild: AFP

Im Jahr 2015 haben skandalöse Taten mafiöser Funktionäre den Sport überdeckt. Hoffnung machen Athleten, die ihn nicht meistbietend verkaufen, sondern maximal leben. Und die gibt es.

          Berühmten Sportlern wird manchmal unterstellt, vom richtigen Leben nicht mehr viel zu wissen. In Wirklichkeit sind es nicht die Sportler. Es sind die Sportfunktionäre. Sie leben in einer eigenen Welt. In ihrer Welt muss man nicht lesen, was man unterschreibt - weil in ihr die heimlichen Pakte und ungeschriebenen Gesetze eines Schattenreichs zählen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In ihrer Welt ist Macht etwas, das sich in Geld und Gewinn umsetzen lässt, und Verantwortung etwas, das man kollektiv weiterreicht. Ihre Welt dreht sich so sehr um sich selbst, dass sich mancher am Ende im leichten Schwindel verstecken zu können glaubt vor der richtigen Welt da draußen, die im Morgengrauen mit Haftbefehl und Handschellen anklopft. Verstecken hinter den Bettlaken eines Luxushotels - eines der Bilder des Sportjahres 2015.

          Sport lebt davon, ein Surrogat des Lebens, der Lebendigkeit zu sein. Wer Sport treibt oder schaut, erlebt Momente der vollkommenen Gegenwärtigkeit. Momente von Schwerelosigkeit und Scheitern, Schönheit und Hässlichkeit, Bewegung und Stillstand - ein Labor menschlichen Verhaltens im spielerischen Kampf mit sich selbst. „Dear Basketball“ nannte der große Kobe Bryant das Gedicht, mit dem er seinen bevorstehenden Abschied vom Sport und zugleich seine bleibende Liebe erklärte für diese Sache, die „dich so lebendig fühlen lässt“. Immer ist Sport ganz hier und jetzt, ganz ich und wir, ganz Sinn und Sinnlichkeit - und damit anders als vieles, das unser digitalisiertes Dasein sonst ist.

          Sport also ist, kurz gesagt: wahrhaftiges Leben. Doch 2015 war ein Jahr, in dem er fast völlig von den skandalösen Taten unwahrhaftiger Funktionäre überdeckt wurde, vom Verwesungsgeruch seiner Organisationen. Oft sind es mediokre Gestalten, sind es Provinzfürsten und Emporkömmlinge, Karrieristen und Kassenwarte, Günstlinge und Mitschwimmer, die dieser Geruch anzieht wie Geier, weil er ihnen Geld und Geltung verspricht.

          Sport wurde einst ein Vergnügen, offen für alle

          Der Sport, wie wir ihn kennen, ist im 19. Jahrhundert im Sinne des Gentleman-Amateurs entstanden. Seine Schöpfer bestimmten ihn nicht dazu, von den arbeitenden Massen betrieben zu werden, die dafür kaum Zeit hatten; sondern von den gutversorgten Profiteuren der Klassengesellschaft. Vom Gentleman, der es sich leisten kann, Amateur zu sein, weil er genug Geld und Zeit von seinen Vorfahren geerbt hat; und weil er sein Leben mit dem spielerischen Ernst von Wettkämpfen um ihrer selbst willen füllen kann.

          Diese Zeiten sind vorbei. Es ist eine der großen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Sport wurde ein Vergnügen, offen für alle. Nur sind seine Strukturen, ist seine Organisation im 19. Jahrhundert stehengeblieben. Zumindest gilt das für viele Verbände des Sports. Sie wurden einst geschaffen für Funktionäre ohne finanzielle Interessen, für ehrenamtlich wirkende Aristokraten und Großbürger. Heute werden vor allem im Fußball Milliarden bewegt.

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          Experten berechnen die sogenannten „Marktwerte“ der Spieler und kommen bei den Besten, wie Messi oder Ronaldo, auf Summen von mehr als 100 Millionen Euro. Aber auch der Funktionär, ist er nur gerissen genug, kennt seinen Marktwert. Platz und Stimme in der Fifa-Exekutive sind bei Vergabe einer Fußball-WM gut und gern ein paar Millionen Euro wert.

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