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Rhythmische Sportgymnastik : Beschimpfungen, Hunger, Schläge

  • -Aktualisiert am

Muss Schönheit wirklich leiden? Drill, Härte und Diät gehören zum Alltag in der Rhythmischen Sportgymnastik. Bild: Christina Pahnke / sampics

Die Gymnastin Katja Luschik erhebt schwere Vorwürfe gegen die Trainerinnen am Stützpunkt Schmiden. Die Beschuldigten bestreiten alles. Aber selbst der Sportdirektor des Verbandes gibt zu, dass „irgendetwas“ schiefgelaufen ist.

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          Das Tolle ist, dass man Eleganz ausstrahlt. Und die Geräte, mit denen man auf der Fläche turnt, man ist praktisch nie allein, man hat Ball, Reifen, Band, Keulen immer bei sich. Mein Lieblingsgerät ist der Ball. Und das Band. Am liebsten springe ich. Sprünge konnte ich schon von Anfang an, ich hab eine gute Sprungkraft - ich mag das einfach. Und ich mag Wettkämpfe, dass mir die Leute zuschauen.“

          Das sagt Katja Luschik, 16 Jahre alt, über ihren Sport, die Rhythmische Sportgymnastik (RSG), ohne Zögern. Schon der Gedanke an Ball und Band veranlasst sie in den trainingsfreien Wochen der Ferien zum Lächeln.

          Ihre Mutter Swetlana Luschik hat im Mai Anzeige gegen die Teamchefin und die Bundestrainerin der Gruppen-Nationalmannschaft in Schmiden erstattet. Dort hatte Katja seit Beginn des Jahres trainiert. Mittlerweile führt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg die Ermittlungen, wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener, sprich Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung. Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat seine Untersuchungen abgeschlossen. Katja hatte ihm gegenüber in einem dreiseitigen Brief die Vorkommnisse beschrieben: Schläge ins Gesicht, Hunger und Essensverbot, Beschimpfungen und die Verabreichung eines verschreibungspflichtigen Medikaments. Die beschuldigten Trainerinnen, die sich gegenüber dieser Zeitung nicht äußern wollten, haben dem DTB schriftlich erklärt, dass die Vorwürfe in allen Einzelpunkten nicht zuträfen. Gleichwohl hat der DTB Anfang Juli Teamchefin Karina Pfennig von ihren Aufgaben entbunden. Sportdirektor Wolfgang Willam, bei dem die Fachaufsicht über die Trainerinnen liegt, sagt: „Es steht Aussage gegen Aussage.“

          „Ich wollte unbedingt in die Nationalmannschaft, und dann wollte ich ganz viele internationale Wettkämpfe mitmachen. Als ich dort angekommen bin, ich bin ja mit Mama mit dem Auto hingefahren, da hat uns die Pädagogin in Empfang genommen und hat uns alles gezeigt, das Internat, den Schulhof, die Schule, und dann sind wir ins Zimmer und haben eingeräumt. Das war irgendwie voll cool! Dass ich jetzt hier wohnen darf! Ich habe mich eigentlich nur gefreut.“

          Familie Luschik kam vor 14 Jahren aus Kiew nach Deutschland. Fotos von der Rhythmischen Sportgymnastik in der Praxis eines Kinderarztes in Halle brachten Katja zum Sport. Nach einer Sichtung in Schmiden im vergangenen November wurde sie für den Nationalkader ausgewählt. Damit war der wichtigste Schritt nach zehn Jahren Training getan. Katja träumte von den Olympischen Spielen. Mutter Swetlana, die selbst nie Sport getrieben hat, war weniger begeistert: „Ich war auch traurig, das sind ja 500 Kilometer“, sagt sie. Schmiden nahe Stuttgart ist das Zentrum der deutschen Gymnastik. Die besten Einzelgymnastinnen und die Gruppe trainieren hier. Der Verein TSV Schmiden, das Landesleistungszentrum, der Bundesstützpunkt, nebenan die Partnerschule und das Schülerinnenwohnheim - hier läuft nach Jahrzehnten ehrenamtlicher Arbeit alles zusammen. Stützpunktleiter wurde 2012 ein Mini-Jobber. Eigentlich ist er Berufssoldat, Flötist beim Heeresmusikkorps in Ulm. Im Juli ernannte der DTB Michael Breuning, hauptberuflich im Schwäbischen Turner-Bund (STB) Bereichsleiter Olympischer Spitzensport, zum Nachfolger. Es heißt, der DTB wolle nun nur noch Hauptamtliche in Schmiden beschäftigen. „Wir sind Bundesstützpunkt Nachwuchs“, sagt die Hallenser Trainerin Claudia Marx, „damit haben wir die Aufgabe, Nachwuchs zu produzieren.“ Sie hat in den vergangenen Jahren schon häufiger Kinder nach Schmiden „delegiert“, viele kamen schnell zurück. „Sie spricht perfekt Russisch“, sagt sie über Katja, „deshalb wusste ich, sie hat da kein Verständigungsproblem.“ Alle in Schmiden arbeitenden Trainerinnen haben ihre Ursprünge in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, ebenso die Mehrheit der Gymnastinnen. Die Trainingssprache ist Russisch. Der DTB ordnete nun an, dass das Training in deutscher Sprache stattzufinden hat.

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